Berliner Philharmoniker : Hart besaitet

100 Jahre spielten die Berliner Philharmoniker ohne Frauen – bis Madeleine Carruzzo kam. Den großen Skandal gab es erst bei der Nummer 2, einer Klarinettistin. Ausgelöst hatte ihn Herbert von Karajan, und es ging um Macht.

Deike Diening

Als im Januar 1983 bei den Berliner Philharmonikern ein Streit eskalierte, verhärteten sich nach dem Ausbruch die zerstrittenen Seiten wie erkaltende Lava. Es war, sagen die Überlebenden, die größte Erschütterung im Orchester seit seiner Gründung. Die Kommunikation geriet erst mit dem Einsatz eines Mediators, der zwischen dem Orchester, dem Dirigenten und dem Intendanten vermittelte, wieder in Fluss.

120 Männer stritten um eine Frau: die Klarinettistin Sabine Meyer, die Herbert von Karajan haben wollte und das Orchester nicht. Zugleich aber ging es um den ungeliebten Intendanten Peter Gierth. Es ging um eine Machtprobe. Es ging den Berliner Politikern um die Rolle des Dirigenten als Berliner Aushängeschild, es ging den Musikern um ihre Ehre. Es ging am Ende um lukrative Schallplattenverträge. Es ging vermutlich am allerwenigsten darum, dass Sabine Meyer eine Frau ist.

Und doch ist es genau dies, was in vielen Köpfen hängen geblieben ist: Die Berliner Philharmoniker hätten sich in diesem ungeheuren Streit gegen die erste Frau in ihren Reihen gewehrt, heißt es häufig. Dabei geriet über das Getöse in Vergessenheit, dass die erste Frau längst eingestellt war.

Sie ist seit 25 Jahren immer noch da. Sie sitzt jetzt in ihrer Dachgeschosswohnung, patent und ein bisschen vorsichtig. Geiger kennen den Wert von Kontrapunkten. „Das Leben besteht aus Dualität“, sagt sie. „Warum sollte man den Frauen eine Ausdrucksform verwehren?“

Als sie im Juni 1982 mit ihrer Geige nach Berlin fuhr, hatte sie ihre Niederlage in Gedanken schon einmal durchlebt. Ihr Vater hatte sie schon im Vorhinein getröstet. In der Tasche seiner 26-jährigen Tochter gärte die Absage des Zürcher Kammerorchesters, worin stand, dass in führender Position keine Frau gewünscht sei. Und bei den Berliner Philharmonikern, das wusste sie, spielte schließlich seit exakt 100 Jahren auch keine.

Eigentlich sei es ja ganz selbstverständlich, heißt es heute. Völlig normal. Die Frage nach den Frauen eigentlich absurd, wo sich doch alles so nachhaltig geändert habe... Klar, dass jetzt zur ersten Probe der Berliner Philharmoniker nach der Sommerpause auch 17 Musikerinnen erholt zurückkehren.

Als Madeleine Carruzzo am 23. Juni 1982 auf dem Podium in der Philharmonie saß, spürte sie, dass Mozart A-Dur gut lief. Sie wechselte zur Bach-Solosonate in A-Moll. Und dann hatte sie das Probespiel gewonnen.

„Ich selbst brauchte ein paar Tage, um die Bedeutung dieser Entscheidung zu begreifen, aber für meine Kollegen war klar, dass hier eine Zeitenwende stattgefunden hatte.“ Alle wollten jetzt etwas von ihr. Sie gab der „BZ“ ein großes Interview, die schrieb, sie trinke wahnsinnig gerne Tee. Da hatte Carruzzo keine Lust mehr auf Interviews. Sie tauchte drei Wochen in Süditalien unter, weshalb die Zeitungen nun ihren Vater anriefen, der zu diesem Zeitpunkt vor allem stolz war. Außerdem der Bürgermeister von Sion in der Schweiz.

Auch heute sieht man bei den Berliner Philharmonikern noch überall die stolzen „ersten“: Ganz frisch kam im vergangenen Jahr die erste Cellistin zum Orchester – bis dahin waren „Die zwölf Cellisten“ ein Männerverein. Eine einzige Solostelle, die der Bratschistin, ist von einer Frau besetzt, wenn man von der Harfe absieht, die eine Sache für sich ist. Und Sarah Willis ist seit 2001 die erste und einzige Blechbläserin.

Dass die Musiker trotzdem alle sagen, wie „normal“ ihre Präsenz hier sei, liegt vielleicht daran, dass auch die gefühlte Einzigartigkeit ja biografisch viel früher begann, weshalb sie jetzt, paradox und logisch, nach den langen Jahren in eine gefühlte Selbstverständlichkeit gemündet ist. Lange, bevor sie das Orchester verstärkten, hatten sich die Frauen daran gewöhnt, auf ihrem Gebiet die ersten zu sein. Sie waren Frauen, die auffallen. Vielleicht sogar mehr, als im Orchester, wo die eigene, unverwechselbare Stimme im Gesamtklang aufgeht.

Die gefühlte Einzigartigkeit begann für Madeleine Carruzzo, die in ihrem kleinen Schweizer Örtchen schon viel zu gut Geige spielte, spätestens, als ihr Lateinlehrer sie vor dem Schulabschluss fragte: „Und, was willst du später machen?“ Sie sagte: „Geige spielen“, und er sagte: „Nein, ich meine, als Beruf...“

Natürlich gab es diejenigen unter den Kollegen, die gegen eine Frau im Orchester waren. Schon aus Prinzip, „und nicht nur alte“. Die Kleiderordnung in ihrem Beruf besagt, dass die Arme schwarz bedeckt sein müssen. Als Carruzzo einmal auf dem Oberarm zwei winzige blaue und rote Blümchen hatte, „aus der Entfernung überhaupt nicht mehr sichtbar“, baute sich in der Pause ein Kollege mit einem Kompliment über ihre „hübsche, bunte Bluse“ vor ihr auf. Am nächsten Tag erschien der Orchestervorstand: „Mehrere Mitglieder“ hätten sich beschwert, dass sie bunte Kleidung trüge. Erst ein wohlgesonnener Kollege aus den zweiten Geigen verstand es, sie zu beruhigen.

„Sehr geehrte Frau Carruzzo, sehr geehrte Herren“, schrieb der Intendant ans Orchester. Aber trotz der persönlichen Anrede, die sie genoss, war ihr Stimmzimmer, in dem sie sich umkleidete, ein winziges Provisorium mit Tisch und Schrank und ohne Teppich. Unter einer nackten Glühbirne zog sich die Tutti-Geige fürs Konzert um. Irgendwann kam ein Spiegel dazu. Erst nach dem bestandenen Probejahr wurde das Zimmer aufgemöbelt. Heute gibt es drei Stimmzimmer für die Frauen, und Spiegel und Teppich für alle.

Im Juli 1982 spielte eine Klarinettistin mit dem Namen Sabine Meyer vor. Und obwohl der Name so außerordentlich gewöhnlich war, vergaßen ihn die Berliner nicht mehr, und das lag nicht nur daran, dass sie so gut war. Die Philharmoniker wollten sie nach ihrem Vorspiel noch etwas testen, die Chance, die sie ihr gaben, hieß Amerika und dauerte zweieinhalb Wochen. Die Konzertreise war laut Karajan „triumphal“. Er wollte Meyer unbedingt. Doch in der Orchesterversammlung entschieden sich die Musiker gegen sie. Sabine Meyer gelinge es nicht, sich mit ihrem einzigartigen Ton ins Orchester einzupassen. Ihr Ton sei heller, er passe nicht, fanden die Musiker, in den dunklen, spezifischen Philharmonikerton.

„Sehr geehrte Herren“, fauchte Karajan am 3. Dezember per Brief. „Die Orchester-Tourneen, die Salzburger und Luzerner Festspiele, die Aufzeichnungen von Oper und Konzerten für Television und Film und der ganze Komplex audiovisueller Produktionen sind als Folge der gegebenen Situation mit dem heutigen Tage sistiert.“ Nur noch seine Berliner Konzerte wollte er ableisten. Dienst nach Vorschrift.

Ein Orchester, dass nicht finanziell erpressbar sein wollte, konnte jetzt keinen Rückzieher machen.

Am 17. Januar 1983 überschritt der damalige Intendant Peter Girth seine Kompetenzen und gab Sabine Meyer gegen den Willen des Orchesters einen Vertrag für das Probejahr.

Dann kam der Mediator.

Man kann sagen, das Orchester wehrte sich gegen Karajan, nicht gegen die Frau. Als Frau. Es ging um Macht. Aber dass die Frauenfrage überhaupt keine Rolle gespielt habe, dafür würde Madeleine Carruzzo ihre Hand nicht ins Feuer legen.

Wissend, dass sie gegen den Willen des Orchesters hier saß – „auch sie war ja gezwungen worden“, sagt Jan Diesselhorst, der heutige Orchestervorstand, trat Sabine Meyer am 1. September 1983 ihren Dienst an. Zur ersten Aufgabe werde sie es sich machen, sagte sie entgegenkommend, sich dem speziellen Philharmoniker-Ton anzupassen. Für ein Jahr waren also zwei Frauen dabei. In diesem Jahr habe Meyer nie Kontakt gesucht zu ihr, Carruzzo, der einzigen anderen Frau im Orchester. Sie sei immer gut behandelt worden in diesem Jahr, heißt es. Aber das ist natürlich ein Satz, den man auch über Geiseln sagt.

„Es ist bedauerlich, dass dieser Streit auf dem Rücken dieser Frau ausgetragen wurde“, sagt Diesselhorst heute, der damals für ihre Aufnahme gestimmt hatte. Und vielleicht wäre es mit geschickterer Vermittlung nicht zu dem Eklat gekommen, sagt er.

Dass die Frauen kommen würden war Anfang der 80er zu spüren, sagt der Cellist Diesselhorst: Einige saßen im Leipziger Gewandhausorchester, mehr als in Dresden. Aber in Dresden immerhin noch mehr als in Berlin. Die Berliner hatten die ersten 100 Jahre ohne Frauen rumgebracht, aber so einen Unsinn wie die Wiener Philharmoniker, die einmal von einer Harfenistin, die zum weltweit übertragenen Neujahrskonzert als Aushilfe eingesprungen war, nur die Hände einblendeten, haben sie sich nie erlaubt.

Sabine Meyer mag über ihre Zeit als „Karajans Klarinette“ nicht mehr reden, nach dem Probejahr wollte sie nicht mehr. Diesselhorst erinnert sich, dass sie ihre Kollegen zum Abschied tapfer zu einem Gläschen Sekt eingeladen hat. Danach hatte sie anderes zu tun. „Sie hat die Klarinette aus ihrem Schattendasein als Orchesterinstrument befreit“, schreiben die Zeitungen.

Madeleine Carruzzo war nach diesem Intermezzo wieder lange alleine. Sie zog sich unter ihrer nackten Glühbirne für die Konzerte um. In zehn Jahren kamen fünf Frauen. Am 1. April 2001 kam die erste Solostelle: Danuta Waskiewicz, Bratsche. Heute ist die Zahl der Bewerbungen, sagt Diesselhorst, etwa 50:50.

Sarah Willis, die „erste Frau im Blech“ kann nicht sagen, woran es liegt, dass die Frauen trotzdem nicht auf den ersten Positionen zu finden sind. Ob sie sich nicht trauen oder nicht können?

Die gefühlte Einzigartigkeit begann für Sarah Willis, als sie nach einem zweiten Instrument suchte, und ihr Lehrer irgendwann das Horn aus dem Schrank zog und sagte, na gut, das haben wir auch noch, aber das ist ja was für Jungs. Da spürte Willis den Kitzel einer Herausforderung: „Frauen haben das kleinere Lungenvolumen. Und sie atmen höher.“ Sie musste also trainieren, an welchen Stellen sie beim Einatmen im Körper all die Luft verstaut, die sie braucht. Wenn man mit geschlossenen Augen Blechblasinstrumenten zuhört, dann höre man nicht am Ton, aber manchmal am höheren Atem, dass kein Mann spielt. „Ich habe gelernt, sehr tief und dunkel zu atmen, so dass man es nicht hört.“

Es fühlt sich jetzt alles ganz selbstverständlich an, sagt sie. Dass es das eigentlich nicht ist, bemerkt sie erst, wenn sie Konzertmitschnitte von ihrer letzten Japan-Reise als Oktett sieht: Da sitzt sie dann alleine zwischen sieben anderen Hörnern. Es war angenehm mit den sieben Männern, sagt sie, und doch ist es so, dass sich die Gesprächsthemen ändern in einer Gruppe, in der Frauen sind. Nur, dass Sarah Willis kann weniger Bier trinken kann, als ihre Kollegen vom Blech.

2005 ist Madeleine Carruzzo in den künstlerischen Beirat, den Fünferrat gewählt worden – als erste Frau.

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