Joe Jackson im Postbahnhof : Scharfer New-Wave-Rotzlöffel

Einst zorniger junger Mann reaktiviert der inzwischen 56-jährige Engländer Joe Jackson mit seiner Band frühere Rotzlöffeleien. Das Konzert im Berliner Postbahnhof hätte sein schöner Abend werden können.

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Joe Jackson.
Joe Jackson.Foto: Promo

Schon über eine Stunde vor Beginn des Konzertes von Joe Jackson strömen Menschenmassen zum Postbahnhof. Aber dann strömen sie vorbei - nach nebenan in die O2 World zu Amy McDonald. Die meisten von ihnen werden von Joe Jackson vielleicht noch nie etwas gehört haben. Vom inzwischen 56-jährigen Engländer, der einst begonnen hatte als zorniger junger Mann in der Gefolgschaft von Graham Parker und Elvis Costello, als scharfer New-Wave-Rotzlöffel 1979 mit seinem scharfen Debütalbum "Look Sharp!" Und der sich später als großer Eklektiker durch alle möglichen musikalischen Genres bewegt hat. Von Lounge Jazz, über Big-Band-Swing, Filmmusiken bis zu Bildungsmusik, sinfonischen Werken.

Vor ein paar Jahren hat er seine Joe Jackson Band früherer Rotzlöffelein wieder reaktiviert mit entsprechenden Songs. Sehr zur Freude seiner alten Fans, die mit dem orchestralen Klassik-Zeug nur wenig anfangen konnten. Inzwischen ist die Band zum Trio geschrumpft, ohne ihren alten Gitarristen.

Doch erstmal kommt Jackson solo, setzt sich an den riesigen Konzertflügel, der etwa die Hälfte der Bühne einnimmt. Im blauen Anzug, weißen Hemd und Krawatte, mit hoher Stirn und zurückgekämmten Haaren sieht er aus wie der jüngere Bruder von Kommissar Derrick. "It's Different For Girls" singt er vom zweiten Album aus der scharfen Rotzlöffelzeit 1979: "I'm The Man".

Unter frenetischem Fangetose kommen die beiden Mitstreiter von früher dazu. Leider brettert die Snare von Dave Houghtons Schlagzeug etwas zu laut. Und der sonst so schön trockene, melodische Bass von Graham Maby ist kaum zu hören. "Too Tough".

Jackson pflegt eine ausgeprägte Mimik beim Singen, beim dynamischen Umgang mit dem Mikrofon. Nähe und Distanz. Immer wieder lehnt er sich vom Klavier zurück, weit nach hinten, den Kopf in den Nacken, Nase nach oben. Nur warum ist die Stimme so verfälscht mit übertriebenem Hall, dass jedes gesungene Wort als Echo zurückschlägt? Bei "Fools In Love", das auf dem ersten Album noch so schön zornig ungestüm daherkam, klingt ein artifizieller elektronischer Effekt durch, der sich verdächtig nach "Auto-Tune" anhört, und der die Stimme ins Roboterhafte quetscht. Kein Vertrauen mehr in die Intonation? Oder schlechter Tontechniker?

Zu "Dirty Martini" spielt Jackson rasantes New-Orleans-Boogie-Piano. "The Uptown Train" weckt angenehme Erinnerungen an das Ramsey Lewis Trio. Jackson ist ein exquisiter Pianist, der in allen Stilen zuhause ist: Blues, Barjazz, Bildungsklassik, Bebop. Nur warum der große Konzertflügel, wenn er sich dann doch nur wie ein billiges,
Kinderkeyboard anhört? Überhaupt klingt alles wie aus einem schlechten Kofferradio? Verzerrt, spitz und ohne Tiefe. Dass es einem leid tut um Jackson und seine Mitstreiter, die eigentlich immer besser werden, gelöster.

Elektrisierende Energie in "Sunday Papers", das mit einem "Everybody Needs Sombody To Love"-Riff endet, wie eine Hommage an den kürzlich gestorbenen großen Soulmusiker Solomon Burke. Eine exzellente Version von John Lennons Beatle-Song "Girl", den Jackson mit einem feinen Piano-Blues à la "St. James Infirmary" einleitet und mit dramatisch gedehnten Gesangsnoten sehr eigenwillig interpretiert.

Weitere Glanzpunkte sind das rasante "Good Bad Boy" vom jüngsten Album "Rain", sowie der alte Hit "Is She Really Going Out With Him" mit wunderbarem "Uh-Huh"-Chor. Sowie das in zungenbrecherischer Geschwindigkeit rasend gerappte "Got The Time" von 1979. Der strahlende Höhepunkt allerdings ist ganz zum Schluss die anrührend sentimentale Erinnerungsballade an Jacksons junge Jahre im südenglischen Hafenstädtchen Portsmouth: "Hometown". Es hätte so ein schöner Abend werden können, wäre nicht dieser Sound gewesen.

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