Leonard Cohen : Der Mann, der uns alle kennt

Stimme der Endzeit, Stimme der Liebe: Leonard Cohen gibt ein seligmachendes Konzert in der Berliner O2-Arena.

Helmut Schümann
Leonard Cohen
74 Jahre und ein bisschen leise. Leonard Cohen während seines Auftritts. -Foto: Davids

Der Mann geht nicht. Er versucht es mit „So long“, und die unten im Saal und oben auf den Tribünen, sie sind alle die auf diese Art verabschiedete „Marianne“. Der Mann in seinem grauen Anzug tänzelt von der Bühne, den Fedorahut in der Hand. Er kommt wieder, versucht es mit „First we take Manhattan“, und für einen kurzen Moment wird aus einem Abend der Ballade, diesem wärmenden Feuer in der Kälte, dem Licht im Dunkeln, eine fröhliche Rocknacht, in der die Menge in der Halle, nein, nicht grölt, sondern mitsingt, „then we take Berlin“. Und rundum sind die Gesichter selig.

Er versucht es mit „Closing time“, er betet „If it be your will, that I speak no more“ und lässt dann (mit einem Anflug von Kitsch) von Harfe und Gitarre begleitet seine Background-Sängerin das Gebet vertonen. Stumm steht Leonard Cohen daneben, den Hut in der Hand, das graue Haupt in Demut gesenkt, „if it be your will ... I will sing to you“. Und er singt weiter, immer weiter, weil das Leben ja auch immer weitergeht, mag die Welt auch schmerzen und die Seele weinen, „I’m your man“.

Leonard Cohen war in Berlin. Gott, der Mann ist 74 Jahre alt, in dem Alter traut sich manch einer nicht mehr aus dem Haus. Cohen aber tourt durch die Welt, die Stimme der Endzeit und der Liebe, vor allen Dingen der gescheiterten Lieben, die Stimme vom dunklen Rand des Lebens, sie ertönte auch am Samstag in der O2-Arena über drei volle Stunden lang. Sie ist tiefer geworden in all den Jahren, viel tiefer und dabei voller und voller Wärme. Nur vier Menschen hatten nichts verstanden in der restlos ausverkauften Halle, machten, was man so macht als Gefühlsausdruck in so einer grausam nüchternen Funktionsarena und ließen zum „Hallelujah“ ihre Feuerzeuge anspringen, gerade so, als säßen sie bei André Rieu.

Cohen aber ist keine Schmalzlocke, war es nie. Mag sein, dass der ein oder andere ältere Mensch im absolut durchmischten Auditorium bei „Suzanne“ an eine seiner Susannen der Jugend dachte, deren „perfect body“ er leider auch nur „with his mind“ hat berühren dürfen. Es sang aber, mit der eingangs erwähnten Ausnahme, niemand laut mit, weil die Andacht dem weisen Herrn auf der Bühne gebührt und nicht einer verklärten Erinnerung. Allenfalls ist noch Cohens exzellenten Musikern Tribut zu zollen, nicht der eigenen Lagerfeuerromantik, dem Schlagzeuger Rafael Gayol, am Bass Roscoe Beck, dem Keyboarder Neil Larsen, dem man ebenso wie Cohen das Leben glaubt, Javier Mas, dem Spanier an den akustischen Gitarren, Bob Metzger, auch der ein Lakoniker an der E-Gitarre, Dino Sildo, dem „master of breath“, der das Saxophon spielt und die Mundharmonika, zum Weinen schön. Die Webb Sisters, die mehr sind als nur die „Doo dam dam dee doo dam dam“-Untermalung, was auch Cohen hervorhebt, wenn er zu dieser Endlosschleife von „Tower of songs“ wieder, wie schon in allen Konzerten der Tournee, seinen pseudo-philosophischen Witz vorträgt, nach allen Studien der Welt und all dem Suchen nach dem Schlüssel des Daseins, endlich die Antwort gefunden zu haben: „Sie lautet: Doo dam dam dam dee doo dam dam.“ Mit Hattie Webb singt er noch „Take this waltz“, und wer dabei keine Gänsehaut bekam, der bekommt keine mehr.

Und dann ist da natürlich Sharon Robinson, die seit Jahrzehnten mit Cohen arbeitet, mit ihm zum Beispiel „Everybody knows“ geschrieben hat und vorträgt und aus dem Hintergrund auf den alten Mann schaut mit einem Blick, also, wenn das keine Liebe ist.

Leonard Cohen erzählt nichts Neues, warum auch, was soll er Neues erzählen? Die Welt war immer auch finster, und auch wenn die Verdunklungsmechanismen heute Nine eleven heißen, Finanzkrise, Klimakatastrophe, „hey, that’s no way to say goodbye“. Man kann gegen die Tristesse anbellen, wie es zum Beispiel der verehrungswürdige Tom Waits krächzt, man kann sie anrotzen, wie es die verehrungswürdigen Sex Pistols einst taten, man kann seinen Protest kundtun nach Art von Gottvater Bob Dylan, man kann eine Menge machen gegen Kälte und Liebesentzug – „we are not convinced there has been any improvement“, wir sind nicht überzeugt, dass sich irgendetwas verbessert hat, schreibt Cohen in seinem heute erscheinenden Buch „Buch der Sehnsüchte“. Auch er kann es nicht ändern, also versucht er es erst gar nicht. „Everybody knows that the boat is leaking, everybody knows that the captain lied“, jedermann weiß, dass das Boot ein Leck hat, und jedermann weiß, dass der Kapitän log, ja wir wissen es, „if you want a partner, take my hand“, singt Cohen, bevor er sich in „I’m your man“ als Schutz anbietet, und eine Frau im Publikum antwortet: „Ja, das will ich!“

Und das ist es, was Leonard Cohen auch an diesem nasskalten Herbsttag in Berlin schafft: Er singt von den Depressionen der Menschheit, aber er singt nicht dagegen an, er nimmt sie auf, er kennt sie alle, er kennt uns alle, und er geht mit uns. Cohen bietet Trost, bietet Begleitung in der Einsamkeit, und es macht ihm sichtbar Spaß, er tanzt, er lacht, und die Arrangements seiner Songs erreichen die höchste Stufe des Selbstbewusstseins: die Selbstironie. Leonard Cohen nimmt sich nicht wichtig, er ist es nur einfach. „I’m still the man, who works for your smile“, sagt er am Ende, als er nach all seinen Zugaben und Verabschiedungen ein letztes Mal vor eine glückliche Menge tritt. Er sagt es wieder mit dieser Geste der Demut und des Respekts, mit dem Hut in der Hand und einer tiefen Verbeugung.

Dann geht der Mann in seinem grauen Anzug, er tänzelt, er lacht. Die Menschen gehen auch, gehen heim mit der Liebe, hocken in Bars mit der Vertrauten, reden, die Augen leuchten, wäre der alte Barde Kris Kristofferson da, er würde jetzt singen „help me make it through the night“. Aber das hat Leonard Cohen schon gemacht: „But I swear by this song, and by all that I have done wrong, I have tried in my way to be free.”

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