Premiere am Deutschen Theater: "Tabula Rasa" : Chorwärts

Saisonauftakt am Deutschen Theater: Tom Kühnel und Jürgen Kuttner liefern mit „Tabula rasa: Gruppentanz und Klassenkampf“ ein Porträt der Sozialdemokratie.

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Mach mich nicht nass! Isolde Ständer und Natalia Belitski (r.).
Mach mich nicht nass! Isolde Ständer und Natalia Belitski (r.).Foto: Imago/drama-berlin.de

Zum Auftakt des Abends springt der schütter bezopfte Endfünfziger Wilhelm erst mal in den Haus-Pool. Seine rote Badehose weist ihn dabei am Berliner Deutschen Theater als prototypischen Schenkelklopfer-Sozialdemokraten aus. Und weil sich der Krauler mit dem subtilen Nachnamen Ständer hauptberuflich als „Kunstbläser“ im örtlichen Glaswerk betätigt, trägt er ein entsprechend proletarisches Klassenbewusstsein zur Schau. „Bei verhängten Gardinen und verstopften Schlüssellöchern“ freilich lässt sich Herr Ständer westentaschenbourgeois von einer Hausangestellten (Judith Hofmann) rundumbetreuen, die den gesetzlichen Mindeststundenlohn noch nicht mal in einer Woche erreicht. Zudem spekuliert er mit Aktien und zweigt – zusammen mit seinem treudoofen Blaumannkumpel Heinrich Flocke (Michael Schweighöfer) – ein Vielfaches des gemeinen „Kunstbläser“- Salärs aufs Lohnkonto ab.

Seine Wellnessbude übrigens hat sich nicht nur Ständer, sondern auch das Deutsche Theater zur Feier des Saisonauftakts einiges kosten lassen: Neben dem Flachschwimmbad im Parterre, das dem Stückpersonal jederzeit wohlfeile Komödienbauchklatscher erlaubt, klotzt Jo Schramms Doppelstockbühne mit Treppenarchitektur und großformatiger Parteibüroauftragskunst. Im zentralen Fliesenmosaik kann der geneigte Betrachter das Konterfei Willy Brandts erkennen.

Ständer-Wilhelm nutzt dieses gleitsichere Ambiente, um erst den Specklederjacken-Revoluzzer Sturm (Christoph Franken) und anschließend Flockes Eiferersohn Artur (Daniel Hoevels) zu instrumentalisieren: Einen Achtziger-Jahre- Fönfrisur-Deppen vom reformsozialistischen Flügel, der mit seinem Bleachinggebiss jederzeit auf den Revoluzzerspecki loszugehen bereit wäre. Ständers Ziel ist die maximale partei- und betriebsinterne Ablenkungszerfleischung – auf dass keiner eine Hand frei habe, anlässlich des bevorstehenden Firmenjubiläums die Bücher zu prüfen. Sein Ego-Kalkül führt Ständer nicht nur zum erwünschten gut gepolsterten Lebensabend, sondern auch zu der zentralen Stückerkenntnis, dass man „in seinen Neigungen weit schweifen“ kann, „um immer noch ein erstklassiger Genosse zu sein.“

Als Carl Sternheims Typen-Komödie „Tabula rasa“ 1919 Uraufführung feierte, mutmaßte Harry Graf Kessler, die Veranstaltung sei möglicherweise zu „intellektuell“, um „einem durchschnittlichen Theaterpublikum Spaß zu machen.“ Dies ist – mit Verlaub – aktuell das Problem des Abends nicht. Das „Porträt heutiger sozialdemokratischer Politik“, das das Regieduo Tom Kühnel und Jürgen Kuttner verspricht, beschränkt sich de facto weitgehend aufs störungsfreie Abschnurren der alten Sternheim-Story: Aquafitte Benutzeroberfläche, tiefenstrukturell biedere Komödienmechanik. Statt aufschlussreicher Fremddiskurse wie in ihrem gelungenen Peter-Hacks- Abend „Die Sorgen und die Macht“ vor vier Jahren am DT bringen Kühnel/Kuttner diesmal lediglich ein paar müde Ironiebeschleuniger zum Einsatz: Ein Arbeiterchor performt Linksliedgut von Majakowskis „Linkem Marsch“ bis zum unvermeidlichen „Kleinen Trompeter“. Und aus einem alten Röhrenfernseher flimmert die Verfilmung des realsozialistischen Pflichtlektüre-Holzschnittklassikers „Wie der Stahl gehärtet wurde“ über den zwar erblindeten, aber nimmer kampfesmüden Rotarmisten Pawel Kortschagin. Der Glasfabrikdirektor Schippel (Jörg Pose) fragt dazu aus der ersten Zuschauerreihe: „Was war denn das gleich noch mal, links? Lange Haare?“

Dass Ständer-Darsteller Felix Goeser seinen Part in maximal komplexitätssteigernder Distanz zur Holzschnitttype spielt, ist daher schon das Aufregendste, was sich sagen lässt. Und Kuttner selbst? Recycelt in einem länglichen Zwischenauftritt nicht nur jenen „Cindy-und-Bert“- Klassiker aus dem eigenen Videoschnipsel-Oeuvre, der zu dem Anlass, bei dem wir ihn das letzte Mal sahen („50 Jahre Theatertreffen“) schon genauso gut oder schlecht passte wie zu 151 Jahre SPD. Sondern zweitverwertet auch den legendären Witz vom „Backen ohne Mehl“ aus Christoph Marthalers Volksbühnen-Kultinszenierung „Murx den Europäer“ von 1993. Am DT gab es dafür den verdienten Parteitagsapplaus.

Wieder 20. und 25. September, 20 Uhr

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