Kultur : Puls & Piano

Zum Tod des Jazzmusikers George Shearing

Stefan Hentz
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Sir George konnte nicht ahnen, dass ihn die Königin eines Tages persönlich zum Ritter schlagen würde. „Ich weiß auch nicht, wie ich zu dieser Ehre komme“, gab er sich skeptisch. „Ich habe doch nur das getan, was ich am liebsten tue.“ Klavier spielen, Jazz, mit differenziertem, fast schon klassischem Anschlag, melodischer Verbindlichkeit und starkem rhythmischen Puls. Adel war George Shearing nicht in die Wiege gelegt, als er am 13. August 1919 in London zur Welt kam. Blind von Geburt an, das jüngste von neun Kindern eines Kohlenschleppers und einer Putzfrau – die Vorzeichen waren eher finster. Doch zwei Jahre zuvor hatte die Original Dixieland Jazz Band eine neue Auffassung von Musik auf Schallplatten verewigt, und damit den Rahmen geschaffen, in dem das Leben George Shearings einen glücklichen Verlauf nehmen konnte. Im zarten Alter von drei Jahren kletterte er auf den Schemel vor dem Klavier, später genoss er vier Jahre lang Klavierunterricht an der Linden Lodge School für Blinde, und das ist es dann gewesen. Seine professionelle Laufbahn begann George Shearing als Halbwüchsiger mit 5-Pfund-pro-Woche-Engagements in den Clubs von London, richtig groß wurde sie erst, nachdem der Pianist 1947 in die Staaten übersiedelte.

Aus dem Abstand Europas hatte Shearing die Jazzgeschichte in Echtzeit miterlebt, die Leichtigkeit des Swing, die Raffinesse von Teddy Wilson, die Virtuosität von Art Tatum, später die feinnervige Stringenz von Bud Powell – und war dabei so nah an den Wendungen des Jazz geblieben, dass er jeden einzelnen Schritt in seinen Sound aufnahm und dabei stets erkennbar blieb, als dieser phänomenale Pianist mit dem sicheren Anschlag, dem Sinn für klare Melodien und mitreißende Rhythmen. Im transparenten Klangbild kleiner Formationen übersetzte er den Drive und die Komplexität der Bigbands in seine eigene Sprache.

Shearing schuf einen Sound, der das ausgefeilte Vokabular des Bebop beruhigte, ohne seine harmonischen Kanten zu entschärfen und dem breiten Publikum wieder einen Weg zum Jazz ebnete. So spielte er für ein Millionenpublikum beiderseits des Atlantik, wurde von den Präsidenten Ford, Carter und Reagan ins Weiße Haus eingeladen und komponierte mit „Lullaby of Birdland“ einen tausendfach gecoverten Klassiker. Bis ins hohe Alter suchte Shearing immer wieder die Bühne, wo er sich in den Fluss der Jazzgeschichte hineinspielen konnte. Als Queen Elizabeth II. ihn im Juni 2007 zum Ritter schlug, reichte seine Kraft schon nicht mehr für die Musik. Am Montag starb George Shearing mit 91 Jahren in seiner Wahlheimat Manhattan an den Folgen einer Herzschwäche. Stefan Hentz

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