Rammstein in der Berliner Waldbühne : Einfach, effektiv und ohne Gegniedel

Die einstige Skandalband Rammstein präsentiert in der Waldbühne eine große Choreografie aus Mucke und Explosionen. Die Zeit der Kontroverse ist vorbei, die Fans grölen dankbar mit.

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Rammstein bei ihrem Auftritt in der Berliner Waldbühne. Foto: DAVIDS
Rammstein bei ihrem Auftritt in der Berliner Waldbühne.Foto: DAVIDS

Silvester ist es wahrscheinlich immer ganz ruhig im Hause Rammstein. Weil man sich über das Jahr auf den Tourneen schon ausgezündelt hat, weil man während der Auftritte permanent neben so vielen Raketen stand, dass es auch mal gut ist.

In Berlin zum Beispiel, am Freitag, in der Waldbühne. Rammstein knallern direkt los: Erst Schlagzeugbeat, dann böllert eine Feuerwerkssequenz den gleichen Rhythmus nach, dann steppt Till Lindemann in Hut und Mantel in ebendiesem Rhythmus auf die Bühne, ganz Conferencier, ganz weird Fred Astaire, dann wirft er den Hut weg, der explodiert in der Luft: Bumm! Dann geht es los: "Ramm4", ein neues Stück der Band, in dem sie sich textlich vor allem selbst zitieren. Und da es keinen Rammstein-Song ohne mitgrölbaren Refrain gibt, hat auch dieser einen zu bieten: "JA! NEIN! RAMM-STEIN!" Einfach, aber effektiv.

Einen kurzen Schlenker zu der Stunde vor Beginn des Gigs muss man aber machen. Denn Rammstein, Deutschlands (ost)deutscheste, muskulöseste, machistischste, martialischste und –showtechnisch - explosivste Band, hat ausgerechnet die kanadische Feministin und Elektropunkerin Peaches dazu eingeladen, für den Support zu sorgen. Und so ergibt sich während des großen Regenschauers gegen 20 Uhr ein wunderbares Bild. Peaches, in Hot Pants, offener Silberjacke und überklebten Nippeln, fordert zu rhythmischen Heavy-Electro-Beats die Menge auf: "Let me see you put your dick in the air! Dick! Dick! Dick!"

Zwischendurch klettert sie sogar in diesen aufgeblasenen Riesenpräser, der bei dem Song stets auf die Bühne gepustet wird, und singt von dort aus weiter. Sie singt es stimmgewaltig und selbstbewusst in die Ränge der Waldbühne hinein, die zu dem Zeitpunkt noch nicht ganz gefüllt sind, hinein in die Reihen biertrinkender Rammstein-Fans der ersten Stunde, die eigentlich nicht für den Genderdiskurs, sondern für die geile Show gekommen sind, die als Regenschutz lustige Mülltüten mit Zipfelmützen tragen, die sich kaum für Peaches’ provokante, überzogene, gut geschriebene Lyrics interessieren und das Handy höchstens für ein Erinnerungsfoto rausholen, weil Peaches die Jacke auszieht und man von weitem meinen könnte, sie sei rumpfoberhalb nackicht.

Keine Kontroversen mehr

Kurze Zeit später, als Lindemann die Show ansteppt und die große, eindrucksvolle Choreografie aus Mucke, Mackern, Explosionen ihren Lauf nimmt, denkt man einige Male an Peaches zurück: Hat sie in ihren Texten nicht genau das kommentierend vorweggenommen? Was man sieht und hört, ist eine fulminante Melange aus großen Posen, geilen Riffs und dickem Pathos – natürlich holt keiner wirklich irgendetwas aus der Hose, nicht mal bei der "Depeche Mode"-Coverversion von "Stripped", deren Video mit Leni-Riefenstahl-Bildern damals die erste große Kontroverse über die mögliche politische Ausrichtung der Band evoziert hatte.

Die Zeiten der Kontroverse sind irgendwie vorbei, nicht erst seit "Links 2-3-4". Jedem ist inzwischen klar, dass die Band Provokation stets über Politik gestellt hat, stets eher Showbusiness als Agitprop war. Und so geht es in gewohnter Manier weiter: Flake, der "Tastenficker" (so heißt seine Autobiografie), das brillentragende, extrem trocken-humorvolle Männeken am Keyboard, wird bei "Ich tu dir weh" vom gelernten Pyrotechniker Lindemann in eine Wanne geschmissen und von ganz weit oben ordentlich mit effektvoll funkensprühendem Zeug begossen. Richtig Sorgen macht man sich natürlich nicht, und siehe da – Flake reinkarniert direkt danach in einem neuen, hübsch glitzernden Discoanzug, und rennt eifrig wieder die Treppen zu seinem mit einem Laufband gekreuzten Orgelpodest hinauf.

Routiniert kommt Song auf Song

Danach singt Lindemann, der seine Muskeln wie immer und wie der Rest der Band mit Leder im feinsten "Mad Max"-Style umwickelt hat, mit "Mein Herz brennt" eines dieser typischen Rammsteinlieder, die Kindheitstraumata in Richtung erwachsener Gruselgeschichten pushen: "Liebe Kinder gebt fein acht, ich bin die Stimme aus dem Kissen". Und spätestens beim Sprechpart fällt einem auf, dass Lindemanns rollendes R, welches der Band – zusammen mit bestimmten Visuals und Textzeilen – einst den Verdacht des Protofaschismus eingehandelt hatte, auch ganz andere Assoziationen wecken könnte. Würde man Lindemann bitten, einen Song von Max Raabe zu singen, oder umgekehrt, ergäbe das einen erstaunlichen Effekt.

Die Band nudelt weiter routiniert Song auf Song, und vor allem wegen der riffbasierten Stücke wird nochmal klar, dass Rammstein auf eine bestimmte Art von Individualität der anderen, "normalen" Metal- und Hardrockbands komplett verzichtet: Rammstein spielt keine Soli. Bass und Gitarre brettern gemeinsam über das solide Schlagzeug, Flake drückt Akzente, Lindemann rollt das R – aber gegniedelt wird nicht. Aus Prinzip nicht.

Auch gesprochen wird übrigens nicht. Wer erwartet hat, dass Lindemann sich zu diesem irren Bild äußern würde, das neulich auf russischen Websites aufgetaucht ist und ihn mit einem Putin-T-Shirt und "Thumbs Up" zeigt, der irrt. Die Sache ist vielleicht auch zu merkwürdig, um sie in einer Show zu kommentieren. Lindemann hatte darauf bestanden, dass es sich um eine Fotomontage handelte, eigentlich sei ein Totenkopf auf dem Shirt gewesen, Anwälte prüfen die Sache.

Glückliche Fans

Am Freitag in der Waldbühne spielte das jedenfalls keine Rolle. Stattdessen: Glückliche Fans, die jede der vielen zum Mitsingen einladenden Zeilen auch tatsächlich mitsingen, ein Hit nach dem anderen. Vielleicht sollte man hier nochmal kurz Peaches erwähnen. Verdanken nicht sowohl sie als auch Rammstein ihren "Durchbruch", eigentlich ein blödes Wort, zumindest zum Teil dem Einsatz ihrer Songs im Kino? Rammstein-Lieder wurden von David Lynch 1996 unter "Lost Highway"-Szenen gelegt, Peaches’ "Fuck The Pain Away" von Sofia Coppola in "Lost in Translation" benutzt. Aber wer weiß, ob Rammstein nicht auch ohne Lynch groß geworden wären. Einen Bedarf an dieser Art von Unterhaltung - deutsch, hart, durch die vielen bildstarken Refrains und Schlüsselworte (warmes Blut, Lust, Schmerz, Engel) gleichzeitig kompatibel - gab es jedenfalls.

Am Ende spielen Rammstein "Hier kommt die Sonne", "Engel" und "Amerika", und lassen dazu eine monströs riesige Konfettikanone losgehen, die blaue, rote und weiße Papierfetzen und schmale Klopapierstreifen in den Nachthimmel schießt. Sie tanzen in der Luft herum wie Spinnweben bei einem großangelegten Altweibersommer und bleiben schließlich in den Bäumen hängen, um am nächsten Tag von Ein-Euro-Jobbern aufgeräumt zu werden. Auf dem Rückweg sagt ein Vater zu seiner kleinen Tochter: "Du hast aber gut durchgehalten!". Und sie antwortet: "Am besten fand ich Engel!"

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