Kultur : Raus aus der Trauer!

Frauen und Männer, Humor und Politik: Gespräch mit der libanesischen Filmemacherin Nadine Labaki.

Wer weiß, ob’s klappt. Nadine Labaki spielt eine der Dorfbewohnerinnen, die ihre Männer, ob Christen oder Moslems, vom Waffengang abhalten wollen. Fotos (2): Tobis
Wer weiß, ob’s klappt. Nadine Labaki spielt eine der Dorfbewohnerinnen, die ihre Männer, ob Christen oder Moslems, vom Waffengang...

Frau Labaki, das „Arabian Business Magazine“ zählt Sie zu den einflussreichsten Frauen Arabiens. Wie das?

Ich habe es auch gerade erst erfahren! Wahrscheinlich liegt es daran, dass meine Filme die Menschen im Libanon sehr berühren. „Wer weiß, wohin?“ gilt bei vielen als „unser Film“, er ist fast schon ein Nationalsymbol.

Woran liegt das?

Seit zwei Jahrzehnten leben Christen, Moslems und Juden zwar in Frieden. Aber es ist ein scheinbarer Frieden. Im Mai 2008 genügte ein kleiner Anlass, um Beirut in eine Kriegszone zu verwandeln. Nachbarn, die eben noch das Brot geteilt haben, bekämpften sich jetzt maskiert in den Straßen. Das kann jederzeit wieder losgehen. Aber wir haben genug davon. Ich glaube, mein Film zeigt das. Die Szene, als es im Café zu einer Prügelei kommt und ich die Männer anschreie: „Wir haben genug davon, unser ganzes Leben mit Trauern zu verbringen.“ Das wühlt die Menschen auf.

War es nicht ein Risiko, ein derart ernstes Thema mit Humor aufzubereiten?

Humor ist heilsam. Natürlich war es heikel. Aber Selbstzensur ist zu einem Teil unserer Natur geworden. Ich weiß, wie man sagt, was man sagen will, und trotzdem damit durchkommt.

Wie schwierig ist es, im Libanon einen Film zu drehen?

Es ist ein Schlachtfeld! Es gibt kein Geld, keine Strukturen, und die Regierung ist auch keine Hilfe. Und wir haben ja alle nur wenig Erfahrung. Unser Land hat keine reiche Filmgeschichte.

Wie kam es dann überhaupt, dass Sie Filmemacherin werden wollten?

Als Kind verbrachte ich die meiste Zeit zu Hause. Während des Krieges konnten wir nicht rausgehen. Zum Glück gab es eine kleine Videothek mit VHS-Kassetten nebenan. Fernseher und Videorekorder wurden zu einem wichtigen Teil meines Lebens. Dabei gab es ja oft nicht mal Strom. Aber immer, wenn Strom da war, sprang der Fernseher an, und es war wie eine Party.

Was waren das für Filme?

Ich schaute ägyptische Filme, aber auch „Schneewittchen“ oder „Cinderella“ von Disney. Das Musical „Grease“ habe ich bestimmt 1000 Mal gesehen. Es war so: Man schaut aus dem Fenster und da ist nichts. Dann schaut man zurück auf den Bildschirm – und träumt von einer Welt, die viel mehr Farben hat und in der schöne Dinge passieren. Ich wusste deshalb früh, dass ich Filme machen wollte. Ich hatte ja keine Ahnung, wie unmöglich das ist.

Sind auch Ihre Filme dazu da, der Realität zu entfliehen?

In gewisser Weise schon. Ich merke aber, wie die Realität für mich immer wichtiger wird. Wenn sich die Zuschauer in einem Film wiedererkennen, dann kann er vielleicht etwas bewirken. Deshalb arbeite ich mit Laiendarstellern.

Sie führen Regie, schreiben am Drehbuch, spielen eine Hauptrolle und kümmern sich auch noch um eine Schar von Anfängern.

Ja! Aber vor allem der Schnitt wird dadurch erschwert. Laien können in der einen Sekunde fantastisch sein, in der nächsten aber ganz schlecht. Es ist wie das Zusammensetzen eines Puzzles. Und ich weiß, dass der Film deshalb Mängel hat. Aber ich mag Disziplin nicht. Es soll ja möglichst wahrhaftig zugehen. Dafür brauche ich kreatives Chaos, Spontaneität. Jede Reaktion soll echt sein. Meine Filme sind voller gestohlener, ungeplanter Momente. Von ausgebildeten Schauspielern bekommt man diese kostbaren Augenblicke nicht.

Zugleich beginnt ihr Film wie ein Märchen mit den Worten: „Ich erzähle Ihnen eine Geschichte …“

Es ist real. Aber auch ein Märchen. Ich wollte den Eindruck vermeiden, dass die Geschichte, die wir erzählen, spezifisch libanesisch ist. Denn hier gibt es nicht einen Krieg zwischen Religionen. Es ist ein Krieg zwischen Menschen. Auch in der Pariser Metro spüre ich diese Angst vor dem anderen. Das Dorf im Film könnte man auch „Utopia“ nennen. Ein Ort, an dem die Dinge anders ausgehen.

Sie scheinen dabei mehr auf die Frauen zu zählen als auf die Männer.

Wer weiß schon, ob eine von Frauen regierte Welt besser wäre. Macht verändert den Menschen. Aber es sind doch immer die Männer, unsere Brüder, Väter und Söhne, die zu den Waffen greifen. Viele Frauen aus meiner Umgebung haben viel verloren. Sie tragen immer noch Schwarz.

Warum sind Männer so?

Sogar mein Sohn spielt mit Gewehren, will der Stärkste sein, will kämpfen. Ich weiß nicht, wo er das her hat. Wahrscheinlich liegt es doch in den Genen. Aber wir sollten lernen, diese Energie anders zu nutzen.

Wie soll das gehen?

Vielleicht bin ich naiv, aber ich glaube fest daran, dass es andere Wege gibt. In Thailand zum Beispiel gehen junge Männer nicht zum Militärdienst, sondern ins Kloster. Aber natürlich liegt es auch an uns Müttern, an unserer Erziehung.

Der Arabische Frühling wurde stark von Frauen mitgetragen. Aber ihr Einfluss ist dadurch nicht gewachsen.

Einerseits bin ich voll Hoffnung. Denn immerhin: Wir haben es geschafft! Wir haben rebelliert. Aber die Entwicklungen sind nicht ermutigend. Da haben wir so viel erreicht – und immer noch gibt es diese dummen Konflikte zwischen Christen und Moslems. Sind wir weise genug? Ich weiß es nicht.

Das Gespräch führte Sebastian Handke.

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