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Rechtsruck in Ungarn : "Europa muss endlich Druck machen"

14.01.2012 00:00 Uhr
Zorn und Leidenschaft. András Schiff, 58, ist in Ungarn wüsten Anfeindungen ausgesetzt.Bild vergrößern
Zorn und Leidenschaft. András Schiff, 58, ist in Ungarn wüsten Anfeindungen ausgesetzt. - Foto: ECM Records

"Das Gerede von Großungarn, der Chauvinismus, der Fremdenhass – all das ist unglaublich." Pianist András Schiff tritt in seiner Heimat Ungarn nicht mehr auf. Ein Gespräch über Boykott, Antisemitismus und Viktor Orbans rechtspopulistische Regierung, die die Medien an die Kette legt.

Herr Schiff, Sie geben in der ganzen Welt Konzerte. Weshalb treten Sie nicht mehr in Ihrem Heimatland Ungarn auf?

Ich bin sehr besorgt über das, was in letzter Zeit in Ungarn passiert. Vor etwa einem Jahr habe ich in der „Washington Post“ einen Leserbrief veröffentlicht, in dem ich die leise Frage stellte, ob Ungarn, das damals die EU-Ratspräsidentschaft innehatte, reif für diese Aufgabe ist. Was mit den Roma geschieht, die von rechtsradikalen Schlägerbanden terrorisiert werden, der offene Antisemitismus und der sehr konservative Chauvinismus und Nationalismus der Regierungspartei Fidesz – das ist alles nicht besonders europäisch.

Der Leserbrief hat in Ungarn Stürme der Empörung ausgelöst. Die Ungarn hatten immer einen Hang zur anonymen Denunziation. Was über mich geschrieben wurde, zum Beispiel in einer großen Zeitung von Zsolt Bayer, einem Freund des Ministerpräsidenten Viktor Orbán, ist abstoßend und sehr aggressiv.

Er beschimpft Sie und Daniel Cohn-Bendit als „diese Cohns“, also als Juden, und bedauert, dass es nicht gelungen sei, sie umzubringen.
Im Internet wurde ich als „Saujude“ beschimpft. Danach habe ich alle Konzerte in Ungarn abgesagt.

Weil Sie antisemitische Übergriffe befürchten müssen?
Ich möchte es jedenfalls nicht riskieren, auch wenn wahrscheinlich nichts passieren würde, wenn ich jetzt nach Ungarn führe. Aber ich bin empört darüber, dass antisemitische Hetze in Ungarn salonfähig geworden ist. Im Neuen Theater in Budapest wird im Februar ein neuer Intendant eingesetzt, György Dörner, ein Rechtsradikaler. Ich kenne den früheren Direktor, der abgesetzt wurde, ein seriöser Theatermann. Es war die Entscheidung des Bürgermeisters, vielleicht sogar die Idee von Regierungsleuten, Dörner zum Direktor zu machen. Es gab große Proteste gegen die Berufung. Und István Csurka sollte das Theater mit übernehmen, das wurde zurückgenommen. Csurka ist ein schlimmer Faschist, als Gründer und Vorsitzender der offen rassistischen, antisemitischen Partei MIEP. Und eine andere rechtsradikale Partei, Jobbik, sitzt als drittgrößte Fraktion im Parlament.

Kann man diese Parteien mit der deutschen NPD vergleichen?
Jobbik und MIEP sind gefährlicher. Es ist schlimm genug, dass es die NPD gibt. Aber das ist in Deutschland eher ein Randphänomen, und es gibt eine allgemeine Empörung über solche Leute. In Ungarn ist man ungeheuer tolerant gegenüber solchen Parteien.

Im Bewerbungsschreiben für das Neue Theater schreibt Dörner unter anderem, er wolle ein Ende machen mit der „entarteten, krankhaften, liberalen Hegemonie“.
Das ist ein Kulturkampf. Das Wort „entartet“, das ganze Vokabular kommt einem aus anderen Zeiten bekannt vor. Róbert Alföldi, der Intendant des Nationaltheaters, wird von diesen Leuten auch im Parlament angegriffen und beleidigt, weil er homosexuell ist, mit Worten, die man in einem Parlament nicht verwenden sollte.

Ein Abgeordneter verhöhnte ihn als „Roberta Alföldi“.
Es ist abstoßend. Und symptomatisch für die gesamte Situation.

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