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Re:publica 12 : Schluss mit digital, bau dir was!

28.04.2012 00:00 Uhrvon
"Maker Bot" sieht nicht gerade nach Hightech aus, doch er ist ein echter 3-D-Drucker. Philip Steffan hat ihn selbst gebaut nach einem Bauset der Firma MakerBot aus Brooklyn. Die Rakete, die grüne Krake und die anderen Objekte im Bildvordergrund sind Ausdrucke.Bild vergrößern
"Maker Bot" sieht nicht gerade nach Hightech aus, doch er ist ein echter 3-D-Drucker. Philip Steffan hat ihn selbst gebaut nach einem Bauset der Firma MakerBot aus Brooklyn. Die... - Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Nächste Woche treffen sich in Berlin wieder Tausende Internetbewohner zur Web-Konferenz Re:publica. Eine zentrale Frage ist diesmal: Wie verändert das Netz die Produktion? Die Antwort: Wir machen wieder mehr selbst

Streicht man mit der Hand über die Werkbank, spürt man den körnigen Metallstaub, der sich vorgestern Abend über den gesamten Raum gelegt hat. „Lastenfahrrad-Workshop“ ist unter „Samstag“ auf der Tafel am Eingang eingetragen. Und Lastenfahrräder bauen, das heißt, Metall zersägen und schweißen, hämmern und feilen, sprühende Funken, Dreck und Krach. Heute ist davon bis auf die paar Staubkörnchen nichts mehr zu sehen. Das Werkzeug hängt im Werkzeugschrank, die Schrauben sind in Plastikkisten verstaut, die Metallstangen stehen in einer Box Spalier. Gefegt hat auch jemand. Das mit dem Aufräumen, sagt Philip Steffan, klappe ziemlich gut.

„Das Ding kommt mit erstaunlich wenig Struktur aus.“

Künstler, Kreative und Hacker treffen sich in "Fablabs", zum Beispiel in der Berliner Prinzessinnenstraße

Das Ding, damit meint er die „Open Design City“ in der Berliner Prinzessinnenstraße, ein großer Raum mit Werkbänken und technischen Gerätschaften im Erdgeschoss des Betahauses, Berlins bekanntester Bürogemeinschaft für Kreative. Wie das Betahaus ist die Werkstatt kooperativ organisiert, von Leuten, die aus den verschiedensten Gründen Dinge selbst machen wollen: Künstler, Kreative, Hacker, sozial Bewegte , Leute wie Philip Steffan, 32, Absolvent der TU, die gern Dinge auseinandernehmen und wieder zusammenbauen. Oben drüber sitzen zumeist junge Berliner Selbstständige über ihre vernetzten Laptops gebeugt und designen, schreiben oder programmieren. Hier unten wird mit der Hand gearbeitet. Und doch ist dieser Ort in vielfältiger Weise von der digitalen Welt inspiriert.

„Das Internet“, sagt der Niederländer Bas van Abel am Telefon, „hat die Art und Weise verändert, wie wir kommunizieren. Wir sind nicht länger nur Empfänger von Nachrichten, sondern selbst auch Sender.“ Bas van Abel ist Kreativdirektor der Waag-Society in Amsterdam, einer gemeinnützigen Organisation, die an der Schnittstelle zwischen Technik und Gesellschaft arbeitet und forscht. Van Abel glaubt, dass sich dieses Prinzip auf weitere Lebensbereiche ausdehnen wird, auch auf das Produzieren. Die Leute, glaubt er, wollen nicht mehr nur Konsumenten sein, sondern selbst bestimmen, wie Gegenstände aussehen sollen oder wie sie hergestellt werden – nachhaltiger zum Beispiel, umweltfreundlicher. Oder sie stellen sie gleich selbst her, in Werkstätten wie der „Open Design City“ in Berlin. Wenn am Mittwoch in Berlin die 6. Republica beginnt, die wichtigste deutsche Konferenz für das Web 2.0 in Deutschland, wird Bas van Abel über die Produktion 2.0 einen Vortrag halten. Es ist nicht der einzige zu diesem Thema auf der Tagung. Die Szene, meint van Abel, wächst.

In der Open Design City werden aus Gameboys Instrumente

Bei Julia Läger wächst im Moment nur der Frust. Auf dem Tisch vor ihr liegt zwischen Kabeln und Schraubenziehern an diesem Montagabend in der „Open Design City“ eine Steckplatine, auf der sie mehrere Stromkreise verlegt hat. Die Kabel sind an einer Seite an eine Batterie angeschlossen und verschwinden auf der anderen Seite in einer umfunktionierten Butterbrotdose, auf der eine kleine Glühbirne rot leuchtet. „Spannungsfehler sind schon mal ausgeschlossen“, stellt Julia Läger fest. Funktionieren tut das Ding trotzdem nicht.

Irgendwann, wenn die 23-Jährige damit fertig ist, soll die Platine in der Brotbox ein Trautonium sein. Das war ein Vorläufer des Synthesizers. Vor zwei Monaten hat Julia Läger nämlich zusammen mit Alice Zappe eine Band gegründet. „Wir haben dann aber ziemlich schnell festgestellt, dass wir erst einmal crazy Instrumente bauen wollen“, sagt Alice. Sie sitzt neben Julia und greift nun nach etwas, das aussieht wie ein großer Fön. Sie beginnt, eine Plastikfolie zu erhitzen, die sich widerspenstig nach oben zwirbelt. Alice hat einen Gameboy ausgeweidet, der auch einmal ein Instrument werden soll. Erst einmal baut sie aber eine Beleuchtung für das Display ein. „Sonst sieht man ja gar nichts, bei uns im Probekeller.“

In einer Verwandtschaftslinie mit genialischen Privatwissenschaftlern und Hobbykeller-Tüftlern

Alice und Julia verbindet mit den Lastenfahrradbauern vom Vorabend der Wille, zu verstehen, wie Dinge funktionieren. Neu ist der Impuls nicht. Dieser Drang bewegt seit Urzeiten genialische Privatwissenschaftler und Hobbykeller-Tüftler. Auch die kollaborativen Werkstätten sind nicht neu. Ende der 90er Jahre entstand das erste „Fablab“, kurz für „Fabrication Laboratory“, am Massachusetts Insitute of Technology in den USA. Heute gibt es weltweit etwa 100. Sie funktionieren immer ähnlich: Wer die Gerätschaften nutzen will, muss Aufgaben übernehmen. Alle Baupläne und Designs sollen von allen verwendet und weiterentwickelt werden.

Ein Grund, warum die Fablabs populärer werden, ist vielleicht, dass diese Prinzipien durch die Entwicklung des Web 2.0 gestärkt wurden. Das Internet erleichtert kollaborative Arbeit. Die Generation Wikipedia ist an die neue Arbeitsform gewöhnt. Das Netz hat außerdem der Idee des „Open Source“ zum Erfolg verholfen. Der Code von Open Source Software, also ihr Bauplan, ist öffentlich. Jeder kann ihn benutzen und verändern. Warum sollte dasselbe nicht auch für dingliche Erfindungen gelten? Schließlich scheinen 3-D-Drucker eine neue Art der Produktion zu ermöglichen. Jeder, so die Vision, kann sich in Zukunft Gegenstände herunterladen und sie zu Hause ausdrucken. Eine kleine Fabrik für jeden Haushalt.

3-D-Drucker treiben die Szene an - haben wir bald alle einen Replikator?

Nach Fabrik sieht „Maker Bot“ allerdings nicht aus, eher nach Seifenkistenrennen. Der 3-D-Drucker steht in einem Schrank in der „Open Design City“ und ist der ganze Stolz von Philip Steffan. Er hat ihn selbst zusammengebaut und erklärt, wie er funktioniert: „Maker Bot“ (siehe Bild unten) erhitzt einen Werkstoff, meist Kunststoff. Das flüssige Plastik tropft auf eine Fläche, die von der Computersteuerung nach links und rechts sowie vor- und zurück- bewegt werden kann. Zuvor wurde der Rechner mit einem digitalen 3-D-Abbild des gewünschten Gegenstandes gefüttert, das er in Scheiben zerrechnet, die dann auf der beweglichen Fläche aus dem Kunststoff Schicht um Schicht zu einem Objekt zusammengefügt werden. Philip Steffan zeigt ein handtellergroßes gelbes Plastikdings. „Das Modell dazu habe ich heruntergeladen. Damit kann man Zahnpastatuben ausdrücken“, sagt er.

Das klingt ein bisschen nach dem Replikator von Raumschiff Enterprise, der auf Befehl jedes gewünschte Gericht herstellt. Tatsächlich sind die ersten Schokoladendrucker bereits auf dem Markt. Auch Philip Steffan hat schon mit Leberwurst und Nutella experimentiert. Ist deshalb das Ende des industriellen Produktion nah? Werden Supermärkte aussterben?

Philip Steffan und Bas van Abel winken ab. Die Technik ist weit davon entfernt. Auch die meisten Menschen, glaubt van Abel, werden es weiterhin bequemer finden, wenn andere ihre Produkte herstellen: „Wir werden sicher nicht alle unser eigenes Haus bauen.“ Aber vielleicht, so hoffen beide, werden die Leute wieder sensibler dafür, wie Dinge funktionieren und wie sie hergestellt werden. Die Waag-Society will bis zum Ende des Jahres gemeinschaftlich ein Telefon aus fair gehandelten Rohstoffen entwickelten. Und Philip Steffan bietet jetzt jeden Montag Abend in der „Open Design City“ einen neuen Kurs an. Thema: Sachen reparieren.

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