Sascha Lobo bei der "re:publica 11" : Das Lobo-Liveblog

Der sprechende Irokesenschnitt, die schlimmste Hervorbringung des Narzissmus oder schlicht: ein brillianter Selbstdarsteller. Sascha Lobo kann alles, weiß alles und findet sich gut. Einmal im Jahr hält er bei der re:publica Hof.

Spricht zum Volk: Alles-Experte Sascha Lobo.
Spricht zum Volk: Alles-Experte Sascha Lobo.Foto: Johannes Schneider

18.30 Uhr: Hallo und herzlich willkommen aus dem Foyer des Friedrichstadtpalastes. Die Kamerateams sind aufgefahren, die Stars trudeln ein - und der Tagesspiegel-re:publica-Korrespondent muss sich vom nebensitzenden Vollblutjournalisten anpöbeln lassen, dass Live-Ticker und Blogs "ja wohl die allergrößte Unsitte" seien. Egal, wir machen's trotzdem. Denn wer könnte diesem Ereignis widerstehen: Sascha Lobo live im Epizentrum seiner Kraft, in der fleischlich manifestierten Netzwelt, umringt ausnahmsweise mal nicht nur von Kameras und Mikrophonen, sondern Mündern und Augen. Wie man in selbige (sowohl als auch) das Wasser treibt, bevor sie sich derart manifestieren, hat Lobo in seinem Blog vorgemacht. Wie schon im Vorjahr durften die Lobo-Fans über Thema und Attitüde seines "re:publica"-Vortrags abstimmen. Es siegte das Thema "Trollforschung" (Trolls, das sind die Leute, die auch den Autor dieses Beitrags in wenigen Minuten mit "mediengeiler Idiot, der nur unwichtige Scheiße schreibt", nach Kräften beschimpfen werden) sowie die Attitüde "pöbelnd und unterhaltsam". Mögen die Spiele beginnen.

18.43 Uhr: Die Liveblog-Idee hat sich recht schnell erledigt - der Saal des Friedrichstadtpalastes ist wahrscheinlich einer der letzten Flecken dieser Stadt ohne funktionierenden W-Lan-Zugang. Und das bei dieser Konferenz! Mit diesem Thema! Mit diesen Ausrufezeichen!!! "Wat et nich' all jitt", so oder ähnlich würde der Rheinländer das schreiben (auf jeden Fall würde er es so aussprechen) und dabei allgemeinverständlich mit den Schultern zucken. Und dann würde er einfach weitermachen als wäre nichts geschehen. So, wie wir jetzt auch. Frei nach dem Motto: Et kütt, wie et kütt.

18.47 Uhr: Wasser-, Wodkaflaschen (zumindest sieht es so aus) und Winkekatzen werden auf einem Tisch seitab des Rednerpultes aufgebaut. Dreimal W. Aber wo ist Wobo, pardon: Lobo?

18.50 Uhr: Unglaublich, was hier los ist. Frauen in Abendkleidern, Frauen in Ballkleidern, Frauen ohne Kleider. Kein Wunder, bei einer Frauenquote von rekordverdächtigen 30 Prozent unter den Sprechern der diesjährigen "re:publica". Andererseits: Ob das die Klientel ist, die einem Alphatier bei der Reviermarkierung beiwohnt - wohl eher nicht.

18.53 Uhr: Lobo betritt die Bühne - mit einer Entourage von gefühlten 50, achwas: 100 Leuten. Nun wird gestöpselt, drei der realistischerweise sechs Leute trinken Shots. Bisher ist das alles noch mehr Bohème als Digital - auf dem Screen passiert noch nichts, trotz eifrig werkelnd über dem Pult versenktem Mohawk (hier stöpselt der Chef noch selbst).

18.57 Uhr: Alle verschwinden nochmal - das ist professionell. Die Winkekatzen winken. Mein lieber Schieber.

18.58 Uhr: Sowieso ist jetzt noch einmal Platz für eine Tatortbeschreibung. Im Sinne von "a propos Platz": Der ist reichlich vorhanden. Die Bühne ist riesig, das Pult, der Tisch mit Winkekatzen und fünf Stühlen verliert sich fast, ebenso die aufgeklebten Din-A-0-Pixel, die vom Pult auf den Bühnenboden überlaufen. Dahinter auch recht großfressig: die Leinwand, noch im re:publica-Design, ohne Lobo-Einsprengsel, dennoch: Platz für den Meister sich auszubreiten.

19.00 Uhr: Ein unauffälliger Junge des Typs Veranstaltungstechnikerazubi stöpselt am Pult (der auch noch), eine Frau überquert die Bühne mit gelber Tasche, ein Mann, der so aussieht, als müsste man ihn kennen, tritt auf die Bühne und macht ein Foto des Publikums. Sphärische Musik mit Bass und Besen erklingt. Ist das aufregend!

19.03 Uhr: Der Mann, den man wohl kennen müsste, begrüßt die Masse und beschwert sich, dass sie bei anderen Themen nicht so zahlreich präsent war. Dann erklärt er Trolling. Das hatten wir ja schon im Einleitungsteil. Und werden es gleich nochmal haben.

19.04 Uhr:  Lobo sagt "Hallo". Manche sagen "Hallo zurück". Das funktioniert also.

19.05 Uhr: Der Vortragsstil wurde umgestellt. Ab jetzt: nur noch "pöbelnd", ohne "unterhaltsam". "Warum?" ruft es. "Weil ihr nervt." Das war abzusehen.

19.06 Uhr: "Startrant" zum Start, sagen Startfolie und Start-Lobo unisono. Für Nicht-Nerds: Es folgt eine anfängliche Publikumsbeschimpfung. Kostprobe: "Ihr sollt die digitale Gesellschaft prägen - und ihr habt versagt." Warum? Weil Journalisten immer Lobo anrufen. Also ich ja nicht.

19.08 Uhr: "Von Wikileaks bis Chatroulette habe ich in Talkshows alles erklärt, wo http vorne dran ist - das kann eigentlich nicht sein." Warum ruft jetzt niemand "Du willst es doch so"?

19.09 Uhr: "Dass die mich anrufen und nicht euch, liegt an meiner Frisur - und das nervt langsam." Du willst es doch so.

19.10 Uhr: Jetzt wird es beinahe ernsthaft: "Ihr redet nur zu den gleichen 1500 Deppen - über Twitter erreicht ihr null die Leute da draußen." Die Pointendichte nimmt etwas ab, dafür hat Lobo jetzt viel Recht: "Es braucht strahlende Organisationen, aber irgendwie klappt das nicht, weil die Leute dann doch irgendwie doof sind."

Redirect re:publica

19.12 Uhr: Zwischenzusammenfassung in einsetzender Redundanz: Dass Lobo so bekannt ist, liegt daran, dass die anderen so unbekannt sind. Dass sie so unbekannt sind, liegt daran, dass sie zu unauffällig sind. Dass sie so unauffällig sind, liegt am übertriebenen In-Group-Performing. Das übertriebene In-Group-Performing liegt an der Intoleranz gegenüber Outsidern und dem Unwillen, sich allgemeinverständlich zu äußern und zu geben. Da ist Lobo allerdings genau der richtige Kritiker, ohne Gänsefüßchen.

19.15 Uhr: TAGESSPIEGEL!!! Lobo erwähnt den TAGESSPIEGEL. Und seinen  Chefredakteur (welchen von beiden). Erst durch dessen Kommentar sei seinerzeit das Thema Netzsperren allgemein publik geworden. Das waren nämlich nicht die Blogs, sondern der TAGESSPIEGEL! Hält der Blogger den Bloggern vor. Ich beginne, den Mann zu mögen.

19.17 Uhr: Jetzt endlich Troll-Theorie. Definition: "Troll = soziale Störkommunikation". Lobo hat Empirie zum Thema betrieben - in den Kommentaren von saschalobo.com. Gedanke am Rande zum Thema In-Group-Performing (der vorletzte): Eigentlich ist Lobo doch der, der genau das macht, was er den anderen vorwirft: Lobo zieht den kleinsten möglichen Kreis, der einem Netzbürger möglich ist: den um sich selbst. Und wird dadurch kommunizierbar. Vielleicht ist das aber auch wieder zu komplex.

19.21 Uhr: Wenden wir uns wieder den Inhalten zu: Lobo entlarvt mit Lobo-Empirie Trollmythen: Trolle provozieren nicht, sie fühlen sich provoziert. Trolle sind überhaupt nicht ich-fixiert, sie verwenden das Wort ich sogar nur alle 219 Worte (Nicht-Trolls: 71). Zumindest auf sascha-lobo.com. Mutmaßung Lobo dazu: Der Troll hat eine virtuelle Wir-Perspektive, so nach dem Motto: Fiktion eines "Wir" als Kompensation des vereinsamten Ich. Lobo selbst erscheint in diesem Moment als Fiktion eines populärwissenschaftlichen Ich, dem die Kategorien selbst für populärwissenschaftliche Verhältnisse unfassbar entgleiten: Wer ist denn dieses "Wir", wenn nicht ein neurotisches "Ich"?  Und wie betreibt man eigentlich Empirie ohne Empirie? Aber unterhaltsam. Sehr unterhaltsam.

19.26 Uhr: Biologistisch-loboistisch gesehen ist das Internet ein Ökosystem. Dazu später mehr.

19.29 Uhr: Jetzt empfiehlt er munter exkursend gute Gegenstrategien gegen das Trolling - am Beispiel eines Trolls namens Friedrich. Frei nach dem Motto: "Wer von einem Friedrich getrollt wird, soll selbst Friedrich sein. Am besten sogar viele Friedrichs" Damit hat er das Publikum. Man spürt hier Erleichterungseruptionen bei den Schilderungen der Trollüberrumpelung durch Anti-Troll-Troll-Identitätsdiebstahl. Szenenapplaus, Lachsalven. Offenbar hat hier jeder einen Friedrich. Außer mir. Also uns. Aber es kann ja nicht jeder Blogger ein derart grandioses Community-Management im Rücken haben wie die Autoren des TAGESSPIEGELs. Wenn ich die Abfuhr des Hasses im Lachen höre, fühle ich mich sehr dankbar.

19.34 Uhr: Das Ökosystem also: Es gibt Produzenten und Konsumenten, vermutlich sind die Trolle die dritte Gruppe. Waren das nicht die Restezersetzer? Versuch der Bio-LK-Wissensreste-Zurückrufung. Lobo elaboriert noch.

19.36 Uhr: DESTRUENTEN! Genau: Destruenten. Zuvor noch ein kleines Gepöbel gegen die Konsumenten, die immer nur Like-Buttons drücken und nie selbst produzieren. "Die Anderen (also die, die produzieren, Anm. JS) sind ja alle hier", sagt Lobo. Das kommt an. Stichwort "In-Group-Performing". Jetzt sind alle versöhnt, trotz "Eröffnungsrant" und alledem.

1940 Uhr: Eingeschobene Geschichten aus dem Loboschen Leben zur Verdeutlichung von - was eigentlich? Egal, ist unterhaltsam: Real-Life-Trolling mit Tendenz zum Stalking, Menschen schreiben Lobo, dass sie das Innere seiner Wohnung kennen. Eingeschoben in den Einschub das kleine Lehrstück: Wie funktioniert Narzissmus? In etwa so: "Ich habe dann im Gespräch gemerkt, dass derjenige mal bei mir zu Hause war. Gut, dass es nicht so schwierig, denn ich habe ja schonmal zur re:publica 5000 Facebookfreunde und 7.500 Twitterfollower zu mir nach Hause eingeladen." So viele also. Schwanzvergleich auf netzweltisch.

19.44 Uhr: Jetzt aber die Destruenten: im Loboschen Analogiengewitter die hässlichen und enttäuschten Aasfresser und Müllschlucker, auch des Netzes.

19.45 Uhr: Tadaa, etwas unvermittelt, aber da steht sie, nackt, kühn und schutzlos, wenn auch nun schon seit Minuten absehbar: die These. Aaalso: Die Trolle erfüllen eine Aufgabe in der Evolution des Netzes. Sie festigen soziale Strukturen, sie härten ab, und sie lenken den Fokus auf (mangelhafte) Sicherheit. Damit helfen sie langfristig der Gruppe, die sie attackieren. Das ist doch etwas. Das ist wirklich schlüssig. Das macht Mut. Ich mag das, also den vulgärwissenschaftlichen Lobo.

19.49 Uhr: Trotzdem: Die Lacher gibt es für anderes: Lobo erzählt eine lahme Anekdote über Hassmails (Strategie: einfach zurückschreiben: "Ich plane ein Buch 'Poesie der Beschimpfung' und würde mich freuen ...) Große Lacher.

19.51 Uhr: Pointe der Hassmailgeschichte: "Anonyme haben keine Rechte." Das ausgedachte Buch kann trotz des Troll-Protestes mit dem Troll-Beitrag erscheinen.  Stimmt das eigentlich? Oder ist das ausgedacht?

19.53 Uhr: Jetzt nochmal für die Sach- und nicht Pointen- bzw. Identifikationsinteressierten: Trolle in der Sphäre der Memetik. Trolle spielen nur, sie testen die Gesellschaft auf dem Weg zur Trollresistenz. Hin zum "User 2.0". Mit diesem Gedanken werde ich zukünftig meiner Mutter kommen ("Kind, die Leute haben dich auf tagesspiegel.de ja schon wieder so beschimpft ...")

19.56 Uhr: Und nochmal biologistisch: Ein Ökosystem ohne Destruenten geht ein. Aber das wird nicht passieren, denn - und das ist jetzt die schwächste Phase des Hauptgedankengangs - leider am Ende: Wenn Trolle wegfallen, entstehen  neue Trolle. Weil jeder von uns einen Trollanteil hat. Sagt Lobo. Bezweifle ich.

19.59 Uhr: Der Mann hat wirklich an alles gedacht, der Mann erklärt mir sogar meine Vorbehalte gegen ihn und seine Thesen: Leidenschaftliche Produzenten bündeln die Energie abseits ihres Troll-Ichs. So oder so ähnlich sagt das Lobo und begründet damit, dass nicht jeder den destruktiven Anteil in sich erkennt. Das bin ja ich. Ich liebe ihn.

20.00 Uhr: "Ich werde so oft retweetet, ich muss nichtmal selber twittern." Schöne Worte zur runden Stunde. Ich liebe diesen Narzissmus, der ja, seit dem Eröffnungsrant, auch eigentlich keiner mehr ist, sondern eine Klage. Oder beides, das eine im anderen liebevoll aufgehoben.

20.00 Uhr: "Ich danke euch für eure Aufmerksamkeit." sagt Lobo. Der unbekannte Mann kommt auf die Bühne und kündigt die nachfolgende Powerpoint-Karaoke an. Sascha Lobo nennt ihn Thomas Knüwer. Damit hätte er auch diese Frage geklärt. Unfassbar dieser Mann. Und die Winkekatzen waren für die Powerpointkaraoke. Keine Fragen offen. Wie schön, wie schön! Und hinaus in die Nacht. Powerpointkaraoke kann ich selber. Lobo nicht.

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