Revue-Theater über die wilden Zwanziger : Als Berlin am coolsten war

Das Maxim Gorki Theater gräbt Mischa Spolianskys Burleske „Alles Schwindel“ von 1931 aus. Ein vergessener Stoff über Berlins goldene Amüsierjahre - und ein enormes Vergnügen.

Liebe im Großstadtgetriebe. Szene aus "Alles Schwindel" im Maxim Gorki Theater.
Liebe im Großstadtgetriebe. Szene aus "Alles Schwindel" im Maxim Gorki Theater.Foto: Ute Langkafel/Maifoto

Eigentlich ist das ja die Domäne von Barrie Kosky: vergessene Stoffe der goldenen Berliner Amüsierjahre auszugraben, bevorzugt solche, die den Nazis zum Opfer gefallen sind. Doch jetzt hat Regisseur Christian Weise die Burleske „Alles Schwindel“ von Mischa Spoliansky und Marcellus Schiffer von 1931 auf die Bühne des Maxim Gorki Theaters gebracht. Sie erzählt eine ziemlich verschlungene Krimi-Romanze mit forciertem Farce-Einschuss. Nicht eben typischer Gorki-Stoff. Andererseits: politischen Background hat die Boy-meets-Girl-Story dann doch. Schon wegen Spolianskys Biografie.

Der aus Bialystock stammende Sohn eines Opernsängers wird 1919 von Victor Hollaender und Werner Richard Heymann in einem Berliner Kaffeehaus am Klavier entdeckt und schließt sich dem Kabarett „Schall und Rauch“ im Keller des Großen Schauspielhauses an. Sein Durchbruch ist die Revue „Es liegt in der Luft“ im Theater am Kurfürstendamm, damals noch geführt von Max Reinhardt. Darin tritt auch eine gewisse Marlene Dietrich auf. Wegen seiner jüdischen Herkunft muss Spoliansky nach England fliehen, wo er 1985 in London stirbt. Eine von etlichen beklagenswerten Emigranten-Karrieren im Zuge des mörderischen Kultur-Kehraus'.

Alles Fake hier

Die Revue ist längst kein angesagtes Genre mehr, Spoliansky kein klingender Name im deutschen Theaterbetrieb. Durchaus unverdientermaßen, wie das Gorki jetzt beweist. Klar verdankt sich der Spaß an „Alles Schwindel“ zu großen Teilen dem frischen Zugriff von Regisseur Weise. Im tollen expressionistischen Bühnenbild mit Blenden und riesiger Kameralinse an der Rückwand (Julia Oschatz), auf die je nach Szene überzeichneter Berliner Kolorit oder Malerei der Epoche projiziert werden, lässt er das Ensemble nach Herzenslust überagieren, kalauern, Augenrollen. Der Stil ist Herbert-Fritsch-mäßig, ohne ihn zu kopieren. Christian Weise schafft seinen durchaus eigenen Irrsinn.

Dazu passen aufs Beste die Kostüme (Adriana Braga Peretzki und Frank Schönwald), die zwischen Smoking-Fatsuit und knalliger Travestie changieren. Sehr lustig, sehr gay. Spoliansky hat unter Pseudonym auch die erste Hymne der Homosexuellen komponiert, „Das lila Lied“, gewidmet Magnus Hirschfeld. Für entsprechende Intermezzi ist hier vor allem Performer Oscar Olivo zuständig, der zwischendrin gern mal aus der Rolle fällt, um sich über sein Schauspieler-Los zu beklagen: extra aus New York nach Berlin gekommen, um jetzt als Uhr über die Bühne zu laufen, na vielen Dank auch.

Die Settings und Requisiten bestehen aus bemalter Pappe im Comic-Look – ist eben alles Fake hier. Urkomisch geht das in einer Szene auf, die im „Pinke-Keller“ spielt, einer Absturz-Kaschemme mit Transgender-Toilette. Hier führt die zwielichtige Belegschaft unterm Brauerei-Logo „Berliner Schwindl“ überdimensionierte Papp-Humpen zum „Gluck gluck“- Sound aus dem Off an den Mund. Hier heißen die Halbwelt-Gestalten Fassaden- Hugo und Tresor-Paule. Oder Ratten- Else, gespielt von der großartig patzenden Svenja Liesau, die wie die meisten im Ensemble (darunter Mareike Beykirch, Alexander Darkow, Johann Jürgens, Jonathan Kempf, Catherine Stoyan) mehrere Rollen spielt. Schiffer und Spoliansky gehen auch besetzungsmäßig in die Vollen.

Spitzen gegen die verlogene Gesellschaft

Im Zentrum steht das Pärchen Evelyne Hill (Vidina Popov) und Tonio Hendricks (Jonas Dassler), beide eine komödiantische Wucht. Die lernen sich über eine Annonce kennen – „Junger dunkler Herr sucht Anschluss, möglichst an Blondine“ – und lügen sich fröhlich die Hucke voll. Was schon beim Namen beginnt. Denn eigentlich heißen die Turteltäubchen Erna Schmidt und Artur Henschke.

Zum formidablen Revue-Sound einer Combo unterm Zylinderhut (musikalischer Leiter: Jens Dohle, Falk Effenberger und Steffen Illner), stürzen sich die beiden in die handlungstragende Burleske um eine gestohlene Halskette.

Die hält hintersinnige Eingemeindungs-Songs („Schließt euch an! Unserer Gemeinschaft an…“), Operetten-Nazis, Spitzen gegen die verlogene Gesellschaft und Brüche mit der Theater-Illusion parat. Und ist in allererster Linie ein enormes Vergnügen.

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Wieder am 22., 26., 30. und 31. Dezember sowie im Januar.

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