Kultur : Ritter der Moderne

Hans-Henning Kortüm findet in der modernen Kriegsführung erstaunlich viele historische Konstanten

von

Krieg im Mittelalter – ist das nicht ein Thema für Spezialisten, für Sammler von Rüstungen und Schwertern? Mitnichten. Dieses Buch zeigt, wie nah gerade heute das Mittelalter der Gegenwart ist. Denn Hans-Henning Kortüm versteht die Kriege im Mittelalter nicht allein als spezifisch „mittelalterliche“ Kriege. Im Gegenteil: Der an der Universität Regensburg Mittelalterliche Geschichte lehrende Historiker stellt ganz bewusst Bezüge zu „modernen“ Kriegen her. Dies erscheint Kortüm nach eigener Aussage umso wichtiger, da diese Übereinstimmungen zwischen Mittelalter und Moderne bislang von der deutschen Forschung eher unterschätzt wurden. Umso erhellender sind die nun vorliegenden Ergebnisse der Regensburger Forschergruppe „Formen und Funktionen des Krieges im Mittelalter“.

Als Sprecher der Forschergruppe versteht es Kortüm in beeindruckender Weise, die Charakteristika von eintausend Jahren mittelalterlicher Kriegführung in einer präzisen und zugleich fesselnden Sprache zu beschreiben. Vor allem die Einbettung der Kriege des Mittelalters, deren öffentliche Wahrnehmung immer noch von tradierten Klischees und etablierten Stereotypen geprägt ist, in die Militärgeschichte der europäischen wie außereuropäischen Welt ist die große Stärke dieses Werks. Um zu verdeutlichen, was die mittelalterlichen Feldzüge mit der Gegenwart verbindet, nimmt Kortüm Bezug auf den Berliner Politologen Herfried Münkler, der in Deutschland die These von den „neuen“ Kriegen bekannt gemacht hat, die mittlerweile die klassischen zwischenstaatlichen Kriege vom 18. bis zum 20. Jahrhundert abgelöst hätten. Denn diese These berührt insofern die mittelalterlichen Kriege, da sich die auch von Münkler selbst aufgeworfene Frage stellt, ob es nicht Berührungen zwischen den sogenannten neuen Kriegen und den als vorstaatlich bezeichneten Kriegen früherer Zeiten gibt.

Diese Frage ist nach der Lektüre von Kortüms großem Wurf nur noch eine rhetorische. Münkler folgend bringt er die heutige Situation in den globalen Krisengebieten auf den Punkt: Bei den neuen Kriegen handelt es sich um die „alten“ mittelalterlichen Waffengänge. Dabei merkt Kortüm treffend an, dass mit einem starren Epochenschematismus im Fall des Krieges wenig gewonnen sei. Die beliebte Kontrastierung Mittelalter gegen Neuzeit erweise sich bei vielen Aspekten des mittelalterlichen Krieges als wenig brauchbar. Vielmehr weist Kortüms Studie seine phänomenologische Vielgestalt nach. Denn der Krieg war im Mittelalter keineswegs nur in seiner vorstaatlichen Form präsent: Fast keine Spielart des modernen Krieges ist ihm unbekannt geblieben.

Und in der Tat: Viele Charakteristika der mittelalterlichen Kriege erscheinen aus den tägliche Nachrichten der letzten Jahre ungemein vertraut. So lassen sich bereits viele der damaligen Konflikte dem Typus Guerillakrieg zuordnen. Dieser Begriff ist zwar erst in der Moderne entstanden, als sich Napoleons Besatzungstruppen auf der spanischen Halbinsel zwischen 1808 und 1813 in kriegerische Auseinandersetzungen verwickelten. Aber das Merkmalbündel, das Kortüm für diesen Begriff schnürt, lässt sich auch bei zahlreichen kleineren und kleinen mittelalterlichen Kriegen beobachten: Verwendung kleinerer Truppenkontingente, Regellosigkeit der Kampfweise, sogenannter verdeckter Kampf, Krieg ohne genau definierte Fronten und Aufhebung des Unterschieds zwischen Kombattanten und Nichtkombattanten. Als typische Guerillakriege gelten beispielsweise die Auseinandersetzungen zwischen muslimischen und christlichen Verbänden im Zeitalter der Reconquista, die Überfälle schottischer Kämpfer auf englische Garnisonen im 14. und 15. Jahrhundert, die dreißig Jahre andauernden Kämpfe der Truppen Karls des Großen mit den Sachsen seit den siebziger Jahren des 8. Jahrhunderts oder die Kriege der Sachsen gegen ihre slawischen Nachbarn im 10. Jahrhundert.

Auch der „totale Krieg“ war keine Erfindung des Industriezeitalters. Die völlige Ausrichtung und Unterordnung einer Gesellschaft unter den Primat des Krieges findet sich gleichfalls im Mittelalter. Dort nutzten bereits vormoderne Gemeinschaften die ihnen zur Verfügung stehenden wirtschaftlichen Ressourcen in umfassender Weise zur Erreichung ihrer Kriegsziele. Dazu ist nach Kortüms Analyse das Vorhandensein einer industrialisierten Produktion keine notwendige Voraussetzung. Vielmehr versuchten ideologische Deutungsmuster für die „seelische Geschlossenheit“ der Gesellschaft zu sorgen, die als kriegsentscheidend galt. Den „Kriegern“ kam nach mittelalterlichem Gesellschaftsverständnis eine äußerst wichtige Rolle zu. Da sie die „Beter“ und die „Arbeiter“ schützten, hatten diese ihrerseits die „Krieger“ zu alimentieren.

Hat der amerikanische Politologe Samuel Huntington 1993 Konflikte zwischen Staaten, Gesellschaften und Gruppen prophezeit, die durch stark unterschiedliche Zivilisationen und Kulturen geprägt seien, und damit auch Kriegstypologien beschrieben, die seither tatsächlich zu beobachten waren, so hatten kulturelle Aspekte schon für mittelalterliche Waffengänge eine besondere Relevanz. Nicht nur mit den Kreuzzügen, sondern bereits mit den Sachsenkriegen und später den Kämpfen des Deutschen Ordens in Preußen kam es zu militärischen Konflikten zwischen teilweise höchst unterschiedlichen Kulturen.

Aber auch innerhalb mittelalterlicher Kulturkreise beobachtet Kortüm Konflikte und Kriege. Der Begriff Bürgerkrieg findet daher nicht nur heute im Fall Libyens, sondern schon in der mediävistischen Forschung und ihren lateinischen Quellen Anwendung. Sie bezeichnen die Konflikte in merowingischer, karolingischer und salischer Zeit vom 6. bis ins 11. Jahrhundert als „bella civilia“. Zugleich konnten Kriege im Mittelalter symmetrische wie asymmetrische Formen aufweisen. Eine einheitliche mittelalterliche Kriegführung existierte nach Kortüms Beschreibung nicht. Wenn beispielsweise ausschließlich französische gegen englische Ritter in Reitergefechten des 12. Jahrhunderts gegeneinander antraten, ist von einem symmetrisch geführten Kampf auszugehen. Wenn jedoch zur selben Zeit dieselben schwer bewaffneten englischen Ritter mit höchst beweglichen, nur leicht bewaffneten Kriegern in den walisischen und irischen Sümpfen und Wäldern kämpften, kann von einer symmetrischen Kampfweise nicht mehr die Rede sein.

Geht die Theorie des asymmetrischen Krieges davon aus, dass wie im heutigen Afghanistan zumindest eine der beiden Konfliktparteien nichtstaatlich organisiert ist, so lässt sich für das Mittelalter kein unmittelbarer Zusammenhang herstellen zwischen Kriegsform und Staatlichkeit. So war eine Phase des Hundertjährigen Krieges im 14. Jahrhundert dadurch gekennzeichnet, dass ein den Engländern militärisch unterlegenes Frankreich, das ein staatliches Gewaltmonopol bereits weitgehend durchgesetzt hatte, seinerseits bewusst auf Formen des asymmetrischen Krieges zurückgriff: Aufstandsbewegungen in den englisch besetzten, ehemals französischen Gebieten wurden unterstützt, staatliche Gelder verwendet, um Söldner anzuwerben, die dann erfolgreich einen „Kleinkrieg“ gegen die Engländer führten.

Diese Vorgehensweise lässt sich bis ins heutige Libyen beobachten, wo Gaddafis reguläre staatliche Truppen unter dem Druck westlicher Luftangriffe zu Guerillataktiken übergegangen sind, um die Aufständischen mit einer asymmetrischen Strategie zu schlagen. Damit meldet sich das Mittelalter mit seinen Kampfformen auch in Nordafrika zurück. Wer verstehen will, mit welchen Kriegstypen der Westen am Hindukusch, im Nahen Osten und in Afrika konfrontiert ist, der sollte dieses Buch lesen. Und wie Kortüm pointiert hinzufügt: „Zu deren Risiken und Nebenwirkungen sollte man in diesem Fall nicht seinen Arzt oder Apotheker, sondern den Historiker befragen.“









– Hans-Henning

Kortüm: Kriege und Krieger 500–1500.
W. Kohlhammer

Verlag, Stuttgart 2011. 290 Seiten, 27 Euro.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben