Ritterlich : Jan Vogler bei den Dresdner Musikfestspielen

Mit dem Seelenleben der Dresdner ist Jan Vogler bestens vertraut. denn bevor er 1997 in die USA ging, hat er 13 Jahre als Solocellist der Staatskapelle gearbeitet. Umso mutiger liest sich sein Programm für die Musikfestspiele.

Frederik Hanssen

In Uwe Tellkamps Roman „Der Turm“, der das Ende der DDR aus der Sicht des Dresdner Bildungsbürgertums beschreibt, gibt es ein literarisches Leitmotiv: „In den Musennestern“, heißt es immer wieder, „wohnt die süße Krankheit Gestern“. Dieser sehnsuchtsvolle Blick zurück, der vielen Dresdnern nach dem Krieg Kraft gab, sich über die Jahrzehnte aber zu einem chronischen Leiden verfestigte, wird durch nichts besser symbolisiert als durch die wieder aufgebaute Frauenkirche. Und hier, im Herzstück des sächsischen Traditionalismus, startet Jan Vogler eine musikalische Revolution: Der weltweit geschätzte Cellist, der für die nächsten fünf Jahre die Dresdner Musikfestspiele leiten wird, stellt seine erste Saison unter das Motto „Neue Welt“. Nicht die Staatskapelle Dresden durfte darum das Festival eröffnen, sondern eine völlig unbekannte Truppe aus New York, ein Zusammenschluss von 40 jungen Musikern, die sich „The Knights“ nennen.

Jan Vogler ist mit dem Seelenleben der Dresdner bestens vertraut, denn bevor er 1997 in die USA ging, hat er 13 Jahre als Solocellist der Staatskapelle gearbeitet. Umso mutiger liest sich sein Programm: In den kommenden drei Wochen wird er Elbflorenz nicht nur mit Gastspielen der Wiener Philharmoniker und des Concertgebouworkest Amsterdam erfreuen, sondern auch mit den Improvisationskünstlern Bobby McFerrin und Gabriela Montero konfrontieren, mit einer Multimedia-Installation zu Dvoraks „Neuer Welt“, mit zeitgenössischer amerikanischer Musik und Jazz. Dass Barack Obamas Besuch in Dresden am 5. und 6. Juni zufällig in Jan Voglers erste Festspielzeit fällt, wirkt da wie ein beifälliges Kopfnicken der Schicksalsgöttin zu diesem ästhetischen Neustart: Yes, you can!

Beim Eröffnungskonzert am Mittwoch mussten konservative Hörer allerdings sehr tapfer sein, denn „The Knights“ hatten mit amerikanischer Unbekümmertheit ein wüstes Programm zusammengestellt. Auf den effektvoll unprätentiösen Beginn mit Charles Ives’ sehr zart gespielter „The unanswered question“ folgen Schubert-Lieder in der Bearbeitung durch den argentinischen Komponisten Osvaldo Golijov: Die schwelgerisch-spätromantischen Arrangements haben kaum Kontakt zur Gedankenwelt Schuberts, korrespondieren aber durchaus mit der sakralen Atmosphäre – und Dawn Upshaws Sopran weht engelsgleich durch den Raum. Dann jedoch gibt es Filmmusik-Kitsch mit Klezmer-Kick aus der Feder Golijovs sowie ein Bernstein-Sondheim-Rogers-Medley. Broadway-Klassiker, die wegen der großzügigen Nachhallzeit des Kuppelbaus derart im zuckrigen Bigbandsound absaufen, dass sich die goldenen Barthaare der Altarfiguren kräuseln.

Wie ungeeignet die Frauenkirche für Konzerte jenseits klein besetzter Barockensembles ist, zeigt sich auch an Beethovens siebter Sinfonie: Man sieht die Energieflüsse zwischen den Musikern und ihrem Dirigenten Eric Jacobsen. Hören aber kann man die Frische der Interpretation nicht wirklich (Info: www.musikfestspiele.com).

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