Rolf Hochhuth im Berliner Ensemble : "Sommer 14": Weltkrieg in Weiß

Sommerposse: Torsten Münchow inszeniert am Berliner Ensemble Rolf Hochhuths „Sommer 14“ – und macht das beste draus. Der Autor aber vermisst Bärte und historische Kostüme - und warnt vor dem Besuch des Stücks.

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Totentanz. Fröhlich winkend geht es der Katastrophe entgegen.
Totentanz. Fröhlich winkend geht es der Katastrophe entgegen.Foto: Barbara Volkmer

Er schafft es doch immer wieder, die Aufmerksamkeitsschraube noch ein Stück weiter zu drehen. Da balgt sich Rolf Hochhuth jahrelang und öffentlich mit Intendant Claus Peymann, um in der spielfreien Zeit sein Weltkriegs-Stück „Sommer 14 – ein Totentanz“ im Berliner Ensemble aufführen zu dürfen (über seine Ilse-Holzapfel-Stiftung ist Hochhuth Eigentümer der Immobilie). Ein in der schwülwarmen Jahreszeit von einem Publikum auf Theaterentzug gern goutiertes Sommertanzritual zweier älterer Herren. In diesem Gedenkjahr war die Motivation besonders groß, wer wollte es Hochhuth verdenken?

Zum 1. August, auf den Tag genau 100 Jahre nach Beginn des großen Schlachtens, hat er es endlich geschafft. Doch das Schicksal hat ihm offenbar weiter die Rolle der Spottfigur zugedacht. Erst setzt eine defekte Sprinkleranlage die Bühne unter Wasser. Dann schmeißt Regisseur Christian Kneisel hin mit der Begründung, die verbliebene Probenzeit sei zu kurz. Hochhuth ersetzt ihn kurzfristig mit Torsten Münchow und Bühnenbildner Andreas Bartsch, die schustern heroisch ein Team zusammen – und einen Tag vor der Premiere warnt Hochhuth eindringlich vor dem Besuch derselben. Weil die Schauspieler zu Affen gemacht würden, keine Uniformen und keine angeklebten Wilhelm-Zwo-Schnäuzer trügen. Ein PR-Coup? Bessere Werbung hätte der 83-Jährige für sein Stück jedenfalls kaum machen können.

Zum Glück bleiben die staubigen Uniformen im Schrank

Eigentlich kann sich Hochhuth bei Münchow bedanken. Glaubt man den Berichten, muss seine eigene Inszenierung des Stücks in der Urania vor einigen Jahren furchtbar gewesen sein. Sein Text ist ja sowieso schon arg moralisierend, betrachtet Geschichte nur von ganz weit oben, als Erzählung vom Handeln großer Männer. Mit wenig Zwischentönen, ohne Blick für die Strukturen und Zufälle, die Geschichte hervorbringen. Hochhuth hat das hölzern, als historisierendes Rumsteh- und Aufsagetheater inszeniert, mit blutleeren Uniformträgern und ihm selbst als Souffleur in der ersten Reihe.

Münchow macht es besser. Die elf Bilder, die schlaglichtartig erklären sollen, wie es zum Ersten Weltkrieg kam, hat er beherzt zusammengestrichen. Weißer Flokati bedeckt die Bühne, die den Wassereinbruch offenbar schnell verschmerzt hat. Eine Party scheint gerade vorbei, halbleere Sektflaschen stehen herum, die Gäste tragen Bademäntel oder weiße Handtücher – die von Hochhuth gegeißelte „Affenwerdung des Menschen“.

Da war noch alles schön: Rolf Hochhuth (mit Krawatte) und Mitglieder des "Sommer 14"-Ensembles.
Da war noch alles schön: Rolf Hochhuth (mit Krawatte) und Mitglieder des "Sommer 14"-Ensembles.Foto: Barbara Volkmer

Das ist Unsinn. Zum Glück bleiben die staubigen Uniformen im Schrank. Auch im Bademantel liefert Mathieu Carrière ein überzeugendes Porträt Wilhelms II. als lakonisch-fragiler Fürst, den lahmen Arm historisch korrekt in der Schlaufe, leicht tuntig, gelegentlich jähzornig, letztlich willensschwacher Spielball seiner Berater. Rüdiger Joswig mischt als Admiral Tirpitz gekonnt das Servilgebeugte mit preußischer Strenge und listiger Verschlagenheit. Hans Leonard Wales präsentiert sich als bärbeißig-schnarrender Zar Nikolaus mit Reitpeitsche und blankem Oberkörper, ein Widergänger Wladimir Putins. Ottfried Fischer schiebt sich als Kaiser Franz Joseph am Stock quer auf die Bühne, der Parkinson-Erkrankte sucht die Worte, das passt zu seiner aus der Zeit gefallenen Figur.

Rolf Hochhuth nimmt den Dank des Regisseurs nicht entgegen

Für die Übergänge zwischen den Szenen hat Tom Leonhardt eine Musik geschrieben, die Nationalhymnen verfremdet und mit entstellter Walzerseligkeit von Franz Lehár spielt (Gesang: Wiltrud Weber). Die dem Untergang geweihte Donaumonarchie tanzt dem Ende entgegen, während ihre Söhne im Weltkriegsfeuer verbrennen. Diana Körner ist dieser Tod, er hasst seine Arbeit und raunt mit archaischer Sprachgewalt sein Entsetzen über das Treiben der Menschen in den Saal. Timothy Stachelhaus ist der einzige Jungdarsteller im Cast, erst spielt er einen Gefreiten mit Schnauzbärtchen und Tornister, dann einen Gefallenen, der im Look eines Berlin-Mitte-Touristen von heute an die Rampe zurückkehrt und seinen Zorn herausbrodelt: „Gehorcht nicht!“

Natürlich, das sind alles Schablonen, aber Regisseur Münchow und sein Team schaffen es doch nach der extrem kurzen Probenzeit von 14 Tagen, den Figuren einen Funken Leben einzuhauchen, dem Stück etwas von seiner quälenden Eindeutigkeit zu nehmen, stärker im Zeitlosen zu verorten. Wie Götter im Olymp wirken diese Weißgewandeten. Schlafwandler, um mit dem Historiker Christopher Clark zu sprechen, ohne Verstand und Gefühl für die Folgen ihres Tuns für Millionen. Mit trotzigem, fast irrem Blick steht Torsten Münchow beim Schlussapplaus zwischen seinen Darstellern, bedankt sich eruptiv für deren gewaltige Leistung und macht den Abend mit einer empathischen Geste Rolf Hochhuth zum Geschenk. Der so Geehrte ist nirgendwo zu sehen.
Wieder am 3., 7., 8. und 9. August

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