Saisonstart am Maxim Gorki Theater : Sag mir nicht, wer ich bin

Yael Ronen eröffnet die Spielzeit am Maxim Gorki Theater mit „Roma Armee“. Das Stück hat sie gemeinsam mit einem Ensemble aus Roma und Romnija erarbeitet.

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Gesten der Selbstermächtigung. Simonida Selimovik in „Roma Armee“.
Gesten der Selbstermächtigung. Simonida Selimovik in „Roma Armee“.Foto: Maxim Gorki/Ute Langkafel

Die Schauspielerin Riah May Knight, eine britische Romni, steht an der Rampe des Maxim Gorki Theaters und hält einen eng beschriebenen Zettel in der Hand. Eine Art Auftragsliste ihrer Mutter, erzählt sie, einer Aktivistin: „Liebe Riah, versuche bitte, die folgenden Themen in der Theatershow unterzubringen!“ Es folgen im Stakkato drastische Zahlen und Fakten zu Fremdenfeindlichkeit, Ausgrenzung und sehr konkreten Gewalterfahrungen.

Natürlich hätten auch all die anderen Akteurinnen und Akteure, die hier zum Auftakt der neuen Spielzeit als „Roma Armee“ auf der Gorki-Bühne stehen, jeweils solche Agenden von ihren Verwandten bekommen, erzählt Knight. Und weil wir uns in einem von der gewitzten Stereotypenzertrümmerin Yael Ronen inszenierten Theaterabend befinden, tut sie das – bei aller Ernsthaftigkeit des Sujets – mit einer satten Portion Ironie: „Ihr könnt euch vorstellen, was für ein massiver Druck auf uns lastet, diese seltene Äußerungsmöglichkeit zu nutzen, um ,das Richtige‘ zu sagen!“

Denn selbstredend will der Abend – wie immer bei Ronen – weit darüber hinaus, „das Richtige“ zu sagen. Er will heraus aus dem (Fremd-)Zuschreibungskosmos. Kurz: Die von der Regisseurin gemeinsam mit dem Ensemble aus Roma und Romnija aus Österreich, Serbien, Deutschland, dem Kosovo, Schweden oder Rumänien erarbeitete Stückentwicklung „Roma Armee“ ist nicht mehr und nicht weniger als ein kraftvoller Selbstermächtigungsabend; eine große zweistündige Diversitätsparty – mit allem, was dazugehört. Etwa das tolle, von den Roma-Künstlern Damian Le Bas und Delaine Le Bas gezeichnete Comic-Bühnenbild. Oder, ganz wichtig: Pathos. Welches aber – in dieser Disziplin ist Ronen bekanntlich Meisterin – zu höheren Erkenntniszwecken immer wieder wirkungsvoll gebrochen wird.

Komische Szenen wechseln mit harten Berichten von Diskriminierung und Ausgrenzung

Zum Beispiel, wenn Lindy Larsson gleich zu Beginn lässig Zarah Leander – „Von der Puszta will ich träumen / bei Zigeuner-Musik“ – zerlegt, während er die in schrillen Leder- und Netzstrumpf-Outfits an die Rampe schreitenden Kolleginnen und Kollegen vorstellt: wechselweise als Aktivistinnen und Feministinnen, als Veganer und/oder Mütter, als queer, bisexuell und hetero, als Roma und als Europäerin, als allergisch, hysterisch, spirituell oder sportlich. Unterschiedliche Ausgrenzungserfahrungen werden gegeneinandergehalten, das schwule mit dem Roma-Coming-out enggeführt. Und weil theatralische Überaffirmation immer noch die wirksamste Form ist, Stereotype und andere Dümmlichkeiten ad absurdum zu führen, schämen sich die Akteure erst mal ein paar Minuten lang öffentlich für Körperteile, die nach gemeinen Body- Mass-Index-Regularien eher suboptimal geraten sind: Man zeigt sich gegenseitig „hässliche Finger“, demonstriert Oberschenkelumfänge oder beklagt spezifische Nasenausprägungen.

Mit solchen bewusst bis zur Albernheitsgrenze ausgereizten Szenen nimmt Ronen häufig nur Anlauf für umso härtere Schnitte: Mihaela Dragan erzählt von ihrer Cousine, die – als „Teil einer rechtsextremen Kampagne“ – vor drei Jahren in Rumänien sterilisiert wurde: „Sie kamen in ihr Dorf und boten jeder Romni, die in die Sterilisation einwilligte, siebzig Euro.“ Riah May Knight berichtet aus ihrer Kindheit auf dem britischen Lande von Feindbildkonstruktionen, Roma-Bildverbrennungen und Ausgrenzungspraktiken, die Assoziationen zur mittelalterlichen Inquisition wecken.

Typisch Ronen: Auch die ironische Mauligkeit fehlt nicht

Aber Yael Ronen wäre natürlich nicht Yael Ronen, wenn nicht auch diese Opferberichte wieder selbstermächtigend kontextualisiert würden. Zum Beispiel mit Sandra Selimovics kämpferischem Aufruf zur „Roma-Revolution“. Und nicht zuletzt sind da auch noch Orit Nahmias und Mehmet Atesci, die in schönster ironischer Mauligkeit herummotzen, an diesem „Roma-Minderheitenabend“ praktisch keinen Text abbekommen zu haben. Während Atesci seiner Meinung nach in der „deutschtürkisch-schwulen Rolle“ eigentlich über „ideale Voraussetzungen“ verfüge, „um hier anzudocken“, inszeniert sich Nahmias ebenso wirkungsvoll als wandelndes „solidarisches Unterstützerinnen-Klischee“, das die Kollegen de facto noch für den kleinsten Monologfetzen rampensäuisch zur Seite schiebt. Nicht, dass man diese Figuren nicht kennen würde von Ronen. Weniger wirkungsvoll macht sie das nicht.
wieder am heutigen Samstag, 16. 9., sowie am Sonntag, 17. 9., jeweils 19.30 Uhr

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