Salzburger Festspiele: "The Exterminating Angel" : Schrei zum Himmel

Die Salzburger Festspiele eröffnen mit der Uraufführung von Thomas Adès’ Endzeit-Oper „The Exterminating Angel“.

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Geschlossene Gesellschaft. Die Oper hält sich eng an ihr Vorbild, Luis Buñuels’ Filmklassiker „Der Würgeengel“.
Geschlossene Gesellschaft. Die Oper hält sich eng an ihr Vorbild, Luis Buñuels’ Filmklassiker „Der Würgeengel“.Foto: Monika Rittershaus/Salzburger Festspiele/dpa

Da es gegenwärtig kein österreichisches Staatsoberhaupt gibt, kann auch die ihm gebührende Militärmusik nicht zur Eröffnung der Salzburger Festspiele aufspielen. Stattdessen übernehmen örtliche Trachtenmusik- und Schützenverbände die Aufgabe mit feschem Marschtakt und echtem Kanonendonner. Eine Staatskrise, aufgeführt als Provinzposse. In seiner Festrede mit dem Titel „Kunst in bewegten Zeiten“ zitiert der Philosoph Konrad Paul Liessmann das Flehen Hölderlins an die Parzen als Beistand und Trost für die Festspielgemeinde herbei: „Nur einen Sommer gönnt, Ihr Gewaltigen!“ Passend dazu trägt der offizielle Weißwein dieses Festivaljahrgangs, ein Grüner Veltliner aus der Wachau, ein Beckett-Etikett: „Endspiel“. Das wird Dieter Dorn, 80, noch inszenieren diesen Sommer.

Offiziell eröffnet die weltweit größte und prächtigste Klassiksommerbühne mit einer Opernuraufführung, bei der alles Flehen unerhört bleibt. Der britische Komponist Thomas Adès, Jahrgang 1971, hat nach dem Drehbuch zu Luis Buñuels surrealistischem Meisterwerk „Der Würgeengel“ ein Musiktheater gefügt. Die Inszenierung von Thomas Cairns, von dem auch das Libretto stammt, folgt der Handlung des Films in erstaunlich zutraulicher Weise, reduziert nur etwas die Anzahl der plötzlich Eingeschlossenen im Hause de Nobile. Vieles drängt sich da geradezu einer Vertonung auf: Man kommt zum Dinner im Abendkleid und Smoking nach einer Vorstellung von „Lucia di Lammermoor“ zusammen, die Diva ist anwesend, ebenso der Maestro, dazu noch eine gefeierte Pianistin. Man hört ihr im Salon spielend zu, der Doktor, der Oberst, die Herzogin, ein junges Paar – und bittet die Diva vergeblich um noch eine Gabe ihrer Sangeskünste.

Würgeengel? Das klingt nach Vampirgefahr.

Doch der Abend verläuft anders als geplant. Alle Bediensteten haben sich nach nicht näher zu beschreibenden Vorahnungen aus dem Staub gemacht, einzig der Diener Julio bleibt bei seiner Herrschaft. Gehen die sich verstärkenden Seltsamkeiten auf das Konto der exzentrischen Gastgeberin, die die Nachtgesellschaft mit fliegendem Malteser Ragout, lebenden Lämmern und einem dressierten Bären überraschen wollte? Oder schreitet der „Würgeengel“ langsam und unerbittlich zur Tat? Der deutsche Filmtitel klingt nach unmittelbarer Vampirgefahr und wurde deshalb auch nicht zum Namen der Oper. Dem Original folgend heißt sie „The Exterminating Angel“, was man mit Engel der Auslöschung übersetzen könnte. Denn tatsächlich erlischt etwas im Salon, den nun niemand mehr verlassen kann. Mit jeder weiteren Minute dieser unerklärlichen Gefangenschaft reißen Nerven, fallen Masken, sinkt der Glaube, stinkt es zum Himmel.

Buñuel hat für all das bewusst keine Musik eingesetzt, er hat ihre Abwesenheit komponiert, in den Pausen, in der Stille. Thomas Adès, der seine Oper selbst am Pult des Radio-Symphonieorchesters Wien dirigiert, geht da einen radikal anderen Weg. Bei ihm schwillt alles zu prallem Klangkamm, der mit großer Lust auch geklaut sein kann: Walzerschwadronen, die Strauß und Ravel verschlungen haben, sind gleich zur Stelle, wenn es einmal auf die Sinnlichkeit kommt im Salon. Man kann sich gar nicht daran erinnern, dass je ein Komponist ähnlich berauscht auf den tiefen Tönen seines Orchesters herumgeorgelt hat. Das Rumoren aus dem Graben des Hauses für Mozart, das Schmatzen und Schmauchen, die endlosen Trommelsalven, lassen den Boden unter den Akteuren vibrieren.

Das Unerklärliche bekommt eine Stimme

Selbst das Unerklärliche bekommt bei Adès eine Stimme: Der Engel der Auslöschung verrät seine rätselhafte Gegenwart durch die schwellenden Klänge der Ondes Martenot. Dieses frühe elektronische Instrument jubiliert durch Olivier Messiaens bunte Liebesrauschsymphonie „Turangalila“ oder schwebt durch die Filmwüstenweiten von „Lawrence von Arabien“. In Salzburg klingt der Einsatz der musikalischen Wellen wie aus einem in den fünfziger Jahren von Ed Wood zusammengeklebten B-Movie über vergebliche extraterrestrische Kontaktaufnahme.

Für das Grauen einen Klang zu finden, der im Zuhörer wirklich etwas anstoßen könnte, an jenes Vakuum zu rühren, das tatsächlich der Horror ist, damit hat sich der Komponist nicht weiter aufgehalten. Warum mühsam erschüttern, wenn wohliger Schauer doch so viel einfacher geht. Und sauwohl fühlt sich Adès in seiner Musikwelt, die sich vom Salongeplänkel ungehindert schrill und hysterisch hochkatapultiert. Bestens vertraut mit Kolportage und gesellschaftlicher Bigotterie ist der Komponist, seit er mit seinem Erstling „Powder Her Face“ nach dem Leben der Herzogin von Argyll eine Fellatio-Szene auf die Opernbühne stellte. Bei „The Exterminating Angel“ aber bleibt alles unerfüllt, das Ausmaß der Hysterie schießt damit noch weit höher. Die Töne etwa, die Koloratursopranistin Audrey Luna als Diva ansteuern muss, liegen jenseits dessen, wo Stimme noch etwas mitteilen kann – jenseits des Außer-sich-seins. Auf der männlichen Seite übernimmt Countertenor Iestyn Davies das kaum weniger schrille Echo.

Stille könnte eine Antwort sein

Dass die Besetzung dennoch reizvolle Momente bietet, liegt an den Rollen für gereifte Bühnentiere, die hier luxuriös von Anne Sofie von Otter als labiler Patientin, John Tomlinson als ihrem zunehmend verzweifelten Arzt und Thomas Allen als verstocktem Maestro verkörpert werden. Allein das Wiedersehen mit ihnen löst Erinnerungen aus, an vergangene Rollen, nicht mehr zu haltende Versprechen und tausend Bühnentode. Es sollte mehr Opern für Stimmen wie diese geben, lebensvoll, der Perfektion enthoben, offen für den Ausdruck, von dem, was noch bleibt. Vielleicht gelingt es ja György Kurtág, seinen Salzburger Kompositionsauftrag für – ja, genau – Becketts „Endspiel“ fertigzustellen. Seit 2006 arbeitet der inzwischen 90-jährige Komponist daran. Ein Minimalist, der seine Zeit braucht. Auch Stille könnte seine Antwort sein.

Nach der Eröffnung mit dem kreischenden Engel kann man sie jedenfalls brauchen, die Flasche „Endspiel“. Das Festspielleben will weitergehen: Der scheidende Intendant Sven-Eric Bechtolf zeigt seine gezausten Mozart-Inszenierungen und spielt sich in Bernhards „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ den Frust von der Seele. Der kommende künstlerische Kopf Markus Hinterhäuser will sein Programm bis November geheim halten. Gegen schwatzhafte Maestri aber ist er machtlos. So verriet Riccardo Muti bereits, 2017 Verdis „Aida“ in Salzburg zu dirigieren, mit Anna Netrebko in der Titelrolle.

Weitere Vorstellungen am 1., 5. und 8. August, Infos: www.salzburgfestival.at

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