Sam Shepard und die Dramen eines weiten Landes : Der wahre Westen

Der US-Dramatiker und Filmstar Sam Shepard ist tot. Er war ein Gigant. Ein Nachruf.

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Der amerikanische Dramatiker und Schauspieler Sam Shepard (1943-2017).
Der amerikanische Dramatiker und Schauspieler Sam Shepard (1943-2017).Foto: AFP

Er gehörte zu diesen jungen Typen, die von Anfang an ein Land, eine Kultur verkörpern. Der Cowboy und der Intellektuelle, das war bei Sam Shepard kein Widerspruch. Er wird 1943 in Illinois geboren und wächst in Kalifornien auf. Er arbeitet auf einer Ranch und interessiert sich für Beckett und Jazz. Nach ersten Theatererfahrungen schreibt er 1970 das Drehbuch für Michelangelo Antonionis Film „Zabriskie Point“: Drogen, Gewalt, Hippie-Marxismus, mit Musik von Pink Floyd und Grateful Dead.

Zu der Zeit ist es offenbar egal, in welchem Medium sich der Freiheitsdrang ausdrückt. Shepard lernt Patti Smith kennen, sie werden ein Paar und arbeiten an dem Theaterstück „Cowboy Mouth“. Bis in die 1980er Jahre schafft er eine Serie von Dramen, die sich mit der amerikanischen Familie beschäftigen. Für „Buried Child“ bekommt er den Pulitzer-Preis. Robert Altman verfilmt „Fool for Love“ mit Kim Basinger und Sam Shepard in den Hauptrollen. Für Wim Wenders’ „Paris, Texas“ liefert er die Story. Wieder eine kaputte Family. Die Weite des Landes, die Hitze der Wüste (Ry Cooders flirrende Musik!) verhindern nicht diese Dramen klassischen Zuschnitts.

Sam Shepard wird zu einem stillen Riesen der amerikanischen Kultur. Mit Bob Dylan ist er auf der „Rolling Thunder“-Tour unterwegs, die dem unschuldig im Knast sitzenden Boxer Rubin „Hurricane“ Carter gewidmet ist. Später veröffentlicht Shepard das Logbuch der chaotischen Reise, auf der sich auch Allen Ginsberg gern in den Vordergrund spielt. Shepard hat ein Händchen für Meisterwerke, aber auch für krachende Flops wie Dylans Spielfilmprojekt „Renaldo and Clara“. Viele Jahre hat er an US-Colleges unterrichtet. Es ist ziemlich schwer, etwas zu finden, was er nicht gemacht hat. Seine lakonischen Prosastücke in dem Buch „Day out of Days“ (2010) skizzieren einen Westen, der auch seinem Bewohner fremd zu werden beginnt: ein Land, das mit seiner Weite kämpft, dessen Mythen verblassen.

Das Outlaw-Image war für ihn nie ein Problem

Terrence Malick dreht 1978 den monumentalen Film „Days of Glory“ (In der Glut des Südens). Richard Gere und Sam Shepard sind hier, im Texas um das Jahr 1916, in der Phase der Industrialisierung und Zurückdrängung der Landwirtschaft Todfeinde. Sie sehen beide unverschämt gut aus. Shepards Attraktivität, seine hoch aufgeschossene Gestalt ist ein Kapital, mit dem er im Kino sehr bewusst und sparsam umgeht.

Das Outlaw-Image war für ihn nie ein Problem. Er hat im Kino ebenso gut die andere Seite vertreten, die Männer des Militärs und der Ordnung, wie in „The Right Stuff“ oder „Black Hawk Down“; da spielt er einen US-General. Volker Schlöndorff hat ihn 1991 bei seiner Max-Frisch-Verfilmung „Homo Faber“ für die Hauptrolle gewonnen. Das war eine seltsame Verbindung, und von dem Film ist vor allem Shepards Haltung in Erinnerung geblieben, seine Statur ein Denkmal der Verzweiflung. Für Wim Wenders’ Westernelegie „Don’t Come Knockin’“, in der wirklich alles zu spät war, spielt er sein abgehalftertes Selbst, durchaus mit Ironie. Das hat den Film nicht gerettet, aber man sah wieder, dass ein Film mit Sam Shepard nicht komplett schlecht sein kann. Es liegt sicher auch an der Loyalität, die er für bestimmte Künstlerfreunde aufgebracht hat.

Er litt an der Nervenkrankheit ALS. Am vergangenen Donnerstag ist er im Kreis seiner Familie in seinem Haus in Kentucky gestorben. Sam Shepard wurde 73 Jahre alt. 27 Jahre war er mit der Schauspielerin Jessica Lange liiert – ein amerikanisches Traumpaar. Es ist schlimm, ihn jetzt zu verlieren. Die Sehnsucht nach Cowboys, denen man vertrauen kann, ist groß.

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