Sammler Anne und Wolfgang Titze im Interview : Die Selbstforscher

Das internationale Sammlerpaar Anne und Wolfgang Titze stellt seine Kunst erstmals in Wien aus - 54 Werke bleiben anschließend als Dauerleihgabe im Belvedere.

Eva Karcher
Voll versunken. Eberhard Havekosts Gemälde „Shopping World“ von 2000.
Voll versunken. Eberhard Havekosts Gemälde „Shopping World“ von 2000.Foto: White Cube

Herr und Frau Titze, wann begann Ihre persönliche Love Story?
ANNE TITZE: Vor 25 Jahren in Monaco bei der Einladung eines gemeinsamen Freundes zum Grand Prix. Ich kam aus Palermo, wo ich für 60 Minutes, das Nachrichtenmagazin des amerikanischen Senders CBS, einen Beitrag über die sizilianische Mafia produzierte. Ich hatte überhaupt keine Lust auf Feiern …
WOLFGANG TITZE: Ebenso wenig wie ich. Ich arbeitete gerade an einem komplizierten Auftrag als Unternehmensberater. Als du zum Frühstück kamst, saß ich am Flügel und spielte eine von Mozarts Klaviersonaten.
ANNE TITZE: Wir wurden uns vorgestellt und sprachen über alles andere als Formel Eins und Boliden.

Auch über Kunst?
WOLFGANG TITZE: Nein, über Musik, Reisen und unsere Berufe.

Was war der Zündfunke für das Sammeln?

ANNE TITZE: Zufall. Als Reporterin war ich oft in Krisengebieten unterwegs. Ich besuchte Kriegscamps und Flüchtlingslager, ich sah so viel Leid und Elend. Mit meinen Berichten wollte ich dazu beitragen, es zu lindern. Die Entfernung zur Kunst hätte nicht größer sein können.
WOLFGANG TITZE: Ich reiste zwischen Europa, Asien und Südamerika, traf Geschäftsleute und Politiker und versuchte mitzuhelfen, die Probleme der Welt zu lösen. Ein abstrakter Beruf, im Gegensatz zu dem von Anne, die sich mit persönlichen Schicksalen auseinandersetzte. In die Kunst bringt sie ihre visuelle Intelligenz mit und ich ein wenig von meinem strategischen Know-how.
ANNE TITZE: Kunst reizte uns zum Austausch, zuerst analytisch und intellektuell, dann emotional. Diesen Wechsel zwischen den Bewusstseinsebenen lernte ich erst durch die Kunst kennen. Allmählich wurde sie unsere gemeinsame, ehrliche Sprache. Deshalb nennen wir die Ausstellung Love Story.
WOLFGANG TITZE: Heute ist die Sammlung unser gemeinsames Werk. Aber es war ein Prozess. Sehen, lesen, diskutieren, um zu verstehen, was Künstler beschäftigt. 1995 kauften wir unsere erste Arbeit.

Um welches Werk handelte es sich?
ANNE TITZE: Ein Diptychon des Künstlers Klaus Rinke, eine Hommage an Matisse. Als Journalistin suchte ich immer die größte Intensität und die stärkste Botschaft. Mit dieser Erwartung begegne ich auch der Kunst. Ich will überrascht und zum Nachdenken angeregt werden. Kunst erzählt mir von unserer Welt, ihren Abgründen und ihrer Großartigkeit.

Anne und Wolfgang Titze mit der österreichischen Kunstmanagerin Agnes Husslein-Arco.
Anne und Wolfgang Titze mit der österreichischen Kunstmanagerin Agnes Husslein-Arco.Foto: Rüdiger Ettl, © Belvedere, Wien

Wie charakterisieren Sie Ihre Sammlung?
WOLFGANG TITZE: Ich würde sagen, unsere Sammlung enthält sehr unterschiedliche Positionen. Die Basis ist Minimal Art von Donald Judd, Robert Morris und Dan Flavin, Fred Sandback, John McCracken, Larry Bell oder Sol LeWitt. Dazu Konzeptkunst von Piero Manzoni und anderen. Außerdem Arte Povera und Werke deutscher Künstler wie Georg Baselitz, Anselm Kiefer, Eberhard Havekost, Thomas Zipp oder Dirk Skreber.
ANNE TITZE: Ihn halte ich für einen der besten deutschen Künstler. Wir gehen bis in die jüngere und jüngste Generation. Im Jahr 2000 merkten wir, wir müssen uns neu orientieren. Die Welt hat sich globalisiert, was ist mit Indien, China, Südamerika, Afrika? Wir begannen, in diese Länder zu reisen. Dort haben wir zwar Talente entdeckt …
WOLFGANG TITZE: … uns dann aber entschlossen, mit Ausnahme einiger indischer Künstler wie Subodh Gupta und Bharti Kher unserem minimalistischen Kurs zu folgen. So entdeckten wir früh Künstler, die heute als Stars gelten – Wade Guyton, Kelley Walker, Sterling Ruby, Nathan Hylden. Weißt du noch, Anne, wie wir Ruby im Atelier besuchten? Dort verstand ich, warum er auf den Straßen Objekte sammelt und weshalb er von Graffitikunst beeinflusst ist.
ANNE TITZE: Studiobesuche sind mir nicht so wichtig. Ich lese lieber über die Künstler oder sehe mir Dokumentationen an. Aber ich begleite dich gerne.

Sind Sie oft gemeinsam unterwegs?
WOLFGANG TITZE: Immer. Am meisten schätze ich die kreative Spannung zwischen uns. Wir haben noch nie eine Arbeit gekauft, bei der wir nicht übereinstimmten. Nicht einmal die kleinste Zeichnung.
ANNE TITZE: Vor allem, wenn wir Werke eines neuen Künstlers kaufen! Es kann Wochen dauern. Aber wenn es soweit ist, erwerben wir ganze Werkkomplexe. Wichtig sind mir übrigens die Frauen in unserer Sammlung, Lisa Yuskavage, Sarah Lucas, Rebecca Warren, Paola Pivi. Ich liebe ihre Direktheit und ihren Mut, sich radikal selbst zu erforschen.

Das sind starke Einzelpositionen. Gibt es eine Richtung, die Sie ausklammern?
WOLFGANG TITZE: Ja, die Pop Art. Wir wissen um ihre Bedeutung, aber wir suchten andere Herausforderungen. Mainstream-Künstler interessieren uns nicht. Betreten Sie das Apartment eines Hedgefonds-Managers, dort hängen die immer gleichen Namen. Aber wie viele von diesen Rekordkünstlern gibt es? Wenige, dafür umso mehr Künstler, die am Existenzminimum leben, obwohl sie großartig sind. Einige unterstützen wir und versuchen, sie in Institutionen zu bringen.

Freuen Sie sich über die rasante Wertsteigerung des einen oder anderen Künstlers in der Sammlung?
ANNE TITZE: Das ist eher unangenehm. Mit einem Budget von zehn Millionen Dollar pro Jahr konnte man vor zehn Jahren noch ein Museum füllen. Heute kaufen Sie dafür eine Spitzenarbeit.

Vor allem auf Auktionen. Nehmen dort die Spekulanten überhand?
WOLFGANG TITZE: Historisch gesehen, wurde schon immer mit Kunst spekuliert. Es ist lächerlich, sich darüber aufzuregen. Wir machen das Spiel nur nicht mit. Niemals kaufen wir auf Auktionen, stattdessen pflegen wir unsere Kontakte zu den Galeristen. Topwerke sind rar. Lieber warten wir lange oder verzichten.
ANNE TITZE: Unser Ziel ist nicht, die Sammlung quantitativ zu erweitern, sondern uns auf das Beste zu konzentrieren.

Um ein Privatmuseum zu bauen?
WOLFGANG TITZE: Nein, unsere Sammlung wird in Museen landen. Kunst gehört der Öffentlichkeit. Ihr Besitz ist nicht unser Hauptanliegen.

Wie ist Ihre Prognose für den zeitgenössischen Kunstmarkt?
WOLFGANG TITZE: Alles verläuft in Zyklen. Wir haben immer noch viel zu billiges Geld in der Welt, das sich Anlagen sucht. In den letzten 20 Jahren hat die Kunst bewiesen, dass sie, vorausgesetzt, die Qualität stimmt, Rezession besser überwindet als alle anderen Investments.

Macht Sie das Sammeln glücklich?
WOLFGANG TITZE: Ja. Es bewegt meinen Verstand ebenso wie mein Herz und meine Sinne. Wenn nicht alle drei Instanzen gleichzeitig vibrieren, heißt das für uns: Kaufe es nicht. Das ist auch der Rat, den ich Sammlern gebe!
ANNE TITZE: Genau. Sammeln heißt: sich in die Kunst verlieben.

Die Ausstellung ist bis zum 5.10. im Belvedere Wien zu sehen. www.belvedere.at

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