Kultur : Sein erstes Mal

Sex und Behinderung: Der Film „The Sessions“.

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Seit Mark O’Brien (John Hawkes) im sechsten Lebensjahr an Kinderlähmung erkrankte, versagen seine Muskeln vom Hals abwärts ihren Dienst. Allein den Kopf kann er bewegen, und die Atmung ist nur mit einer Eisernen Lunge möglich – einem Gerät, das die Größe eines halben Zimmers einnimmt. Inzwischen ist Mark 38 und hat sich mit viel Lebensenergie in seinem limitierten Dasein eingerichtet. Mit einem Stift im Mund kann er die Tastatur des Telefons und seines Computers bedienen. Obwohl er nur drei Stunden in der Woche aus der Eisernen Lunge heraus kann, hat er ein Studium absolviert und sich als Journalist und Poet einen Namen gemacht.

Marks Körper mag gelähmt sein, aber sein Geist ist hellwach und hochbeweglich. Die sanfte, dünne Stimme steht im Kontrast zur verbalen Präzision und zum bissigen Humor, mit denen er formuliert – Sprache ist ihm seit frühester Kindheit die einzige Ausdrucksmöglichkeit. Ja, sein Intellekt ist sexy; das spürt auch die junge Pflegerin, in die sich Mark hoffnungslos verliebt. Aber den Schritt von der Freundschaft zur Liebe wagt sie nicht, und wieder einmal wird Mark klar, dass er auf normalem Wege wohl nie mit dem anderen Geschlecht zusammenkommen wird. Gerade deshalb wächst in ihm der Entschluss, dass er nicht als Jungfrau sterben will.

Also engagiert er die Sextherapeutin Cheryl (Helen Hunt), die darauf spezialisiert ist, behinderten Menschen bei der Befriedigung ihrer sexuellen Bedürfnisse zu helfen. „Ich bin keine Prostituierte“, stellt sie gleich klar – und auch dass es nur sechs Treffen geben wird, in denen sie Mark in die Geheimnisse des Geschlechtsverkehrs einweist. Aber trotz aller therapeutischen Professionalität beginnt Mark sie über die Grenzen der Körperlichkeit hinaus zu berühren.

„The Sessions“ ist kein Thesenfilm zum Sujet Sexualität und Behinderung. Vielmehr erzählt Regisseur und Drehbuchautor Ben Lewin von der Suche eines Menschen nach Liebe. Mark O’Brien gab es wirklich, und sein Artikel über die Erfahrungen mit einer Sextherapeutin war die Grundlage für das Skript. John Hawkes, der in „Winter’s Bone“ und „Martha Marcy May Marlene“ eher zwielichtige Charaktere verkörperte, entwickelt hier eine enorm charmante Präsenz, die die Einschränkungen seiner Figur oft vollständig verschwinden lässt. Für einen amerikanischen Film geht „The Sessions“ zudem verblüffend offen mit den Details des Beischlaftrainings um. Das ist komisch, aber nie albern, und gerade durch den pragmatischen Umgang mit Sexualität sogar zärtlich. Hindernisreich, aber schön – dieser Weg zum Liebesglück. Martin Schwickert

Ab Donnerstag im Cinemaxx,

Filmkunst 66 und Kulturbrauerei; 

OmU im Central, Eiszeit und Rollberg

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