Shared Heritage : Das geteilte Erbe

Mit dem Humboldt-Forum nimmt die Debatte um die Präsentation außereuropäischer Kunst Fahrt auf. Viele Museumsmacher werben für die Politik der „Shared Heritage“. Aber was ist das eigentlich?

Sigrid Weigel
Hocker eines Buli-Meisters aus dem Kongo.
Den Objekten die Geschichte entlocken: Wie diesem Hocker eines Buli-Meisters aus dem Kongo.Mike Wolff

Seit es Museen gibt, gibt es Museumskritik. Das gilt besonders für ethnologische Museen, die in den europäischen Metropolen des 19. Jahrhunderts entstanden. Zielte die Kritik der 1980/90er Jahren auf die „Musealisierung“ als Bewahrung und Stillstellung der Traditionsbestände, so wird die aktuelle Debatte durch Forderungen nach Rückgabe an die Herkunftskulturen befeuert. Doch auch wenn man weiß, dass sich die Gegenwart nicht von den Spuren kolonialer Vergangenheit „reinigen“ lässt, gehen mit dem Umbau ethnologischer Museen Diskussionen über deren Entstehungsgeschichte einher: über das koloniale Erbe und das Machtgefälle zwischen Europa und den Herkunftsländern in jener Zeit, als die Exponate nach London, Paris oder Berlin kamen.

Die Umbenennung der Völkerkundemuseen in ethnologische Museen ist mancherorts Anstoß für eine gänzlich neue Präsentation. Die Strategien sind teils entgegengesetzt: hier die Aufwertung der Objekte als Kunst, wobei ihr Eigensinn – als Gebrauchsgegenstand oder als Fetisch – auratischer Präsentation und ästhetischer Isolierung zum Opfer fällt; dort die Einbettung in einen Diskurs. Wo früher exotische Objekte indigener Kulturen bestaunt wurden, wird heute der europäische Blick auf „fremde“ Kulturen mitthematisiert. Oder der umgekehrte Blick inszeniert, wie in der Pariser Schau „Homme Blanc, Homme Noir“, in der Bilder des Okzidents in der afrikanischen Kunst des 20. Jahrhunderts gezeigt werden. Einen Ausweg aus dem Dilemma von Exotismus, Eurozentrismus und anderen Ismen sucht die jüngste Politik des Shared Heritage.

Ein radikales Umdenken im Umgang mit dem kulturellen Erbe

Mit dem Plan, die Sammlungen des Ethnologischen Museums Berlin im künftigen Schloss zu präsentieren, ist das Humboldt-Forum in die heiße Zone dieser Debatte gerückt. Wenn die Gründungsintendanz um Neil MacGregor im November erste Details zum Ausstellungskonzept bekannt gibt, wird dieses an hohen Ansprüchen gemessen werden. In den bisherigen Erläuterungen der Intendanz treten verschiedene Lesarten des Konzepts Shared Heritage zutage. Neil MacGregor vertritt eine inklusive Idee, derzufolge das Humboldt-Forum ein allen zugängliches Museum für die Kulturen der Welt werden soll, ein Ort, an dem Migranten ihre eigene Geschichte im Kontext anderer Kulturen entdecken können. Hermann Parzinger betont eher die Konflikte und betrachtet die Objekte als Zeugnisse, die kontroverse Narrative zum Sprechen bringen. Und der Kunsthistoriker Horst Bredekamp wirbt für eine kulturgeschichtliche Lesart, die an vorkoloniale Sammlungstraditionen anschließt: das Museum als Archiv und Denkraum.

Woher stammt der Begriff Shared Heritage? Seit gut einem Jahrzehnt findet weltweit ein radikales Umdenken im Umgang mit dem kulturellen Erbe statt. Die Unesco-Welterbekonvention von 1972 stand noch ganz im Zeichen der Bewahrung; das Erbe der Menschheit sollte durch Inventarisierung vor dem Verschwinden bewahrt werden, etwa durch die „Rote Liste des gefährdeten Welterbes“. 2003 wurde die Konvention auf das immaterielle Erbe ausgeweitet, auf Rituale, Gesänge oder Handwerkskünste. Damit war das Augenmerk auf indigene Kulturen gelenkt; Themen wie Kolonialismus, Verschwinden und Zerstörung dieser Kulturen lagen in der Luft. In der Folge entwickelte sich, teils im Windschatten postkolonialer Europakritik, ein kritischer Museumsdiskurs: die Geburt von Shared Heritage.

Menschenrecht, am kulturellen Erbe teilzuhaben

Geteiltes Erbe: Der Begriff wird oft missverstanden als Aufteilung begehrter Objekte, ähnlich wie bei der Provenienzforschung, als ginge es primär um die Ermittlung des ursprünglichen und rechtmäßigen Eigentümers. Dabei will Shared Heritage dem stummen Objekt im Museum seine Geschichte entlocken. Die Gleichsetzung von Erbe mit Besitz hängt dem Begriff seit der Moderne an, obwohl Erbe einst weit mehr bedeutete: die Weitergabe von Wissen, Traditionen, Fertigkeiten und Werten. Erst um 1800 wurde das Erben auf die Weitergabe von Vermögen in der Generationenabfolge verengt.

Jüngere Konventionen zum Kulturerbe pflegen einen anderen Erbe-Begriff. Wenn die Faro Convention der EU 2005 von einer „Erben-Gemeinschaft“ spricht, bezeichnet sie damit eine soziale Gemeinschaft, die gemeinsam kulturelles Erbe wertschätzt. Dahinter steht das Recht, am kulturellen Erbe teilzuhaben, das die Unesco 2007 als allgemeines Menschenrecht formuliert hat. Neu ist die Idee, kulturelles Erbe nicht nur aus Herkunft oder Tradition abzuleiten; „heritage communities“ können sich auch heute und künftig bilden, im Zuge der Migrationsbewegungen einer globalisierten Welt.

Konflikte um Kulturgüter erwachsen aus unverträglichen Interpretationen

Mit der Idee eines Menschenrechts auf kulturelles Erbe ist das Museum als Monument nationaler Identität obsolet geworden. Wenn die Konventionen allerdings vom „droit au patrimoine“ sprechen, wirkt mit dem französischen Begriff Patrimonium darin eine Idee aus der Sattelzeit moderner Nationalstaaten fort. Das verweist auf die objektive „Aporie der Menschenrechte“ (Arendt): über nationalem Recht stehend, werden die Menschenrechte nur wirksam, sofern sie durch nationale Rechte und Institutionen gedeckt sind. Auch das Museum der Weltkulturen entstammt der Epoche, als die großen europäischen Museen als Neugründungen oder als Öffnungen königlicher Sammlungen (wie im Falle des Louvre und des Berliner Schlosses) entstanden. Als Abkömmlinge dieses Modells entstanden separate Völkerkundemuseen mit den Schätzen, die Reisende, Kaufleute, Ethnologen und Militärs in die Metropolen brachten. Beflügelt wurden sie durch die Weltausstellungen, auf denen Industrie, Technik und Orientalismus eine Synthese eingingen.

Konventionen formulieren gewöhnlich Normen, an die die Praxis nicht so leicht heranreicht. Den engagierten Vertretern von Shared Heritage ist das bewusst. Schließlich erwachsen die Konflikte um Kulturgüter und Kulturerbestätten meist aus unterschiedlichen, ja unverträglichen Interpretationen.

Baustelle des Humboldt-Forums im Oktober 2016.
In der heißen Zone. Die Baustelle des Humboldt-Forums im Oktober 2016.Foto: dpa

Unterschiedliche Deutungen auf Gemeinsamkeiten hin befragen

Ein Pilotprojekt der Unesco war ein mit konkurrierenden Deutungen umkämpftes archäologisches Territorium: die Überreste einer römischen Stadt, zwischen Nablus und Jenin im heutigen Westjordanland. Die Teilnehmer stammten aus Palästina, Israel und Jordanien; gemeinsam bearbeiteten sie die historischen Schichten der Überreste und befragten ihre Deutungen auf Gemeinsamkeiten hin. Denn so verschieden die kulturellen Deutungen auch sein mögen, häufig antworten sie auf vergleichbare Fragen.

Ein anderes Beispiel ist das Tenement Museum mit Einwandererwohnungen aus dem 19. Jahrhundert in Lower East Manhattan, auf das mehrere ethnische Gruppen Deutungsansprüche erheben. Wieder andere Projekte widmen sich Stätten, an denen Kriege, Terrorregime oder Völkermorde Spuren hinterlassen haben, wie an der Brücke von Mostar oder in Chile, Südafrika und Botswana.

Ein ganzes Archiv an Erinnerungen

Wird diese Politik auf die Museumspraxis übertragen, müsste Shared Heritage eigentlich als Konfliktforschung am Objekt verstanden werden. Das erfordert eine intensive Zusammenarbeit mit Vertretern der Herkunftskulturen und eine Forschung im Dialog mit ihnen. Es kann dabei nicht um die authentische Deutung gehen: Nicht selten ist den Nachkommen derjenigen, die die Statuen, Masken oder Fächer einst hergestellten, die Bedeutung der Objekte fremd geworden. Es geht vielmehr um die Bergung versunkenen Wissens: Ebenso wie ethnologische Aufzeichnungen über Kulte und soziale und handwerkliche Praktiken von Kulturen, die durch die Industrialisierung verschwunden sind, halten die Objekte für die Enkelkinder der damaligen „Informanten“ heute oft ein ganzes Archiv von Erinnerungen bereit.

Ein solches Archiv zu erschließen, setzt Zusammenarbeit voraus; trotzdem werden Kontroversen entstehen, müssen Konflikte ausgetragen werden. In der Sprache des französisch-algerischen Künstlers Kader Attia hieße das: In der Naht, die über den Spiegel verläuft, in den wir blicken, werden die Wunden der Geschichte dem Spiegelbild eingeschrieben. Attia nennt das „Repair“.

Rückgabeforderungen oft strategischer Natur

Pauschale Rückgabeforderungen reduzieren Kulturgüter wieder auf nationalen Besitz. Sie verkennen auch den janusköpfigen Charakter des Museums, das zwar Objekte anderer Kulturen transferiert, aber sie dadurch nicht selten auch vor dem Verschwinden bewahrt. So haben europäische Archäologen in den Ruinen, welche die örtliche Bevölkerung nicht selten als Steinbruch für ihre Behausung nutzten (etwa in Ägypten und anderen Ausgrabungsstätten des Nahen Ostens), oft überhaupt erst wertvolle Überreste der Vergangenheit entdeckt, sie geborgen und restauriert. Im 19. Jahrhundert waren Teilungsabkommen üblich, also Aufteilungen der gehobenen Schätze. Erst später wurden viele Stätten vor Ort als kulturelles Erbe bewertet. Diese Übernahme des europäischen Konzepts rief unweigerlich den Streit um Besitztümer auf den Plan.

Im Falle ethnologischer Museen kommen Rückgabeforderungen auch häufiger von Aktivisten, die sich für die Interessen der Indigenen starkmachen, als von Vertretern der Herkunftskulturen. Tatsächlich werden die Berliner Sammlungen nicht mit Rückgabe-Begehren überhäuft; spektakuläre Forderungen stammen eher von europäischen Staaten und betreffen Kunstschätze aus archäologischen Ausgrabungen. Häufig sind sie auch strategischer Natur, etwa im Falle des türkischen Staatspräsidenten Erdogan, der mit ultimativen Forderungen eine Politik nationaler Stärke betreibt. Auch das gehört zur Shared Heritage als aktive Konfliktforschung über die Frage, welche Bedeutung das kulturelle Erbe für heutige und künftige Generationen hat: die größtmögliche Distanz zu Diplomatie und Politik.

Sigrid Weigel lebt als Kulturwissenschaftlerin in Berlin. Von 1999 bis 2015 leitete sie das Zentrum für Kultur- und Literaturforschung. Zuletzt erschien von ihr bei Suhrkamp „Grammatologie der Bilder“.

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