Sommerhits (2) : Piratenmusik in Holland

Sommerhits gehören zum Urlaub wie die Sonnenbrille. In den Ferien erzählen wir von der besten Musik für die heiße Jahreszeit, diesmal über den „Summer of Love“.

Urlaub am See. Unser Autor Bernhard Schulz hörte während des "Summer of Love" hauptsächlich Brit-Pop.
Urlaub am See. Unser Autor Bernhard Schulz hörte während des "Summer of Love" hauptsächlich Brit-Pop.Foto: kebox Fotolia

1967, heißt es, war der „Summer of Love“. Für den damals 14-Jährigen war es indessen nicht der Sommer der Liebe – zu früh! –, sondern der Sommer der Musik. Nie zuvor war so viel Musik. Mit einem Mal war die Musik der Jugend überall und allgegenwärtig.

Wir fuhren nach Holland, an die See. Sonne heiß, Strand voll, Musik überall. Sie tönte aus diesen kleinen Radiogeräten, die an jedem zweiten Badetuch lagen. Und da gab es, in diesem August an der holländischen Küste, nicht etwa eine Kakophonie unterschiedlichster Musik. Es gab nur einen einzigen Sound. Der kam vom Wasser her: Dort hatte sich ein Piratensender positioniert, auf einem ausgedienten Schiff knapp vor der Dreimeilengrenze, und sendete illegal, so ganz ohne Lizenz.

Holland war Brit-Pop-Country

„Radio Caroline“ war eine englische Piratenstation, die aber just in diesem August gen Holland geschippert war und von dort aus eine begeisterte Hörerschaft mit britischer Pop-Musik beschallte. Der quäkige Sound von Dave Davies, dem Leadgitarristen der Kinks, blieb für immer im Gedächtnis haften: „Death of a Clown“. Was für ein merkwürdiges Sujet für einen Sommerhit. War aber gerade neu, und die Kinks – heute weitgehend vergessen – fast so groß wie die Stones. Von denen war „Dandelion“ zu hören, das verstand der 14-Jährige nicht (so wenig wie die Älteren), und in der Bedeutung seines Textes ebenso verschlossen blieb „Itchycoo Park“ von den Small Faces. Den wahren Sommerdauerbrenner aber lieferte die Gruppe Procol Harum mit „A Whiter Shade of Pale“. Das konnte man, zwischen den Badetüchern durch den Sand hüpfend, als einen einzigen Klangteppich den Strand entlang hören, an- und abschwellend je nach Nähe eines Batterieradios. Radio Caroline sendete, die Sonne ging nie unter, Holland war ein einziges Brit-Pop-Country.

Erstmals Live-Musik im Fernsehen

Woher kam die Bezeichnung „Summer of Love“?  Für Europäer vielleicht hierher: Am 25. Juni 1967 führten die Beatles, nach „Sgt. Pepper’s“ die für immer unbestrittenen Könige des Pop, ihre Hymne „All You Need Is Love“ auf. Live im Fernsehen, von der BBC weltweit ausgestrahlt, erstmalig in der Geschichte des Mediums. 400 Millionen Zuschauer sollen zugeschaut und -gehört haben, darunter der Schreiber dieser Zeilen, denn das Deutsche Fernsehen – war es das Dritte Programm? – beteiligte sich an diesem Ereignis der globalen Frühzeit.

Fortan konnte man überall die ironische Mischung aus Marseillaise und E-Gitarre hören, wo man ging und stand oder auch lag. 400 Millionen Menschen weltweit waren geimpft mit Liebe, und wenn es auch nur ein Märchen blieb, so war es doch ein schönes Märchen. Ein Sommermärchen.

Lesen Sie hier den ersten Teil der Sommerhits.

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