Er hat Karriere gemacht, kennt aber auch das Scheitern

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Stadtplanung : Rufer in der Bauwüste
Quertreiber mit vielen Talenten. Stephan Braunfels
Quertreiber mit vielen Talenten. Stephan BraunfelsFoto: picture alliance / ZB

Geboren 1950 in Überlingen am Bodensee im Haus des Großvaters, der die Nazijahre in der inneren Emigration verbrachte, haben ihn die Italienaufenthalte geprägt, vor allem Florenz. „Mittelalterliche Stadtbaukunst in der Toskana“ heißt ein Buch seines Vaters von 1953. Stadtbaukunst, das ist ein Kernbegriff seines architektonischen Credos. Tradition und Gegenwart miteinander zu versöhnen, darum geht es ihm. Dass die Moderne vor allem autistische Solitärbauten kennt, dass sich Häuser aber aufeinander beziehen müssen und jede Außenwand eines Bauwerks zugleich Innenwand des öffentlichen Raumes ist – das hat er in der Toskana gelernt. „Aber keine Verwaltung interessiert sich von sich aus für Stadt als übergreifendes Raumkonzept. Wir Architekten müssen das anbieten.“

Studiert hat er an der TU in München, 1978 dort sein Büro gegründet, 1996 folgte ein zweites in Berlin, seinem Lebensmittelpunkt. Braunfels wohnt am Ludwigkirchplatz. Er hat Karriere gemacht, aber er kennt auch das Scheitern. Schon in den 80ern kam er bei einem Umbau des Münchner Hofgartens nicht zum Zuge, nach der Wende erarbeitete er ein Leitbild für Dresden mit breiten Ringstraßen, das nie umgesetzt wurde. Dann die Erfolge: Die Pinakothek der Moderne in München, die Bundestagsbauten in Berlin, das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus und das Paul-Löbe-Haus.

Die Erneuerung der Staatsoper dagegen wurde zum Reinfall. Er nahm mit einem modernen Entwurf am Wettbewerb teil, wurde nicht zugelassen, dann gewann ein ähnlicher Entwurf von Klaus Roth. Als der Wettbewerb neu ausgeschrieben wurde, legte Braunfels einen historisierenden, stark an Richard Paulick angelehnten Entwurf vor. „Ich mache euch den besten Paulick aller Zeiten“, sagte er – abermals gewann ein anderes Büro.

Gibt es in Berlin eine Anti-BraunfelsLobby? „Es gib Intriganten“, so weit würde er schon gehen. Über seine Erfahrungen mit der Staatsoper will er ein Buch schreiben. Sehr viel besser lief es an der Komischen Oper, wo er das Foyer umgebaut hat, sein „kleinstes, aber bestes Projekt in Berlin“, sagt er. Das neobarocke Treppenhaus hat er mit verspiegelten Wänden ummantelt, die Kosten blieben mit 200 000 Euro im Rahmen. Erst kürzlich sah man ihn bei der „Così fan tutte“-Premiere durchs Foyer schlendern.

Bis zu fünfmal die Woche geht Braunfels in die Oper oder ins Konzert. Gerne wäre er selbst Musiker geworden, wäre ihm nicht Le Corbusier in die Parade gefahren. Mit sechs Jahren sah er dessen Kirche in Ronchamp, eine Ikone der Moderne. Von da an war klar, dass er Architekt werden wollte. Wie viel Selbststilisierung in dieser Story steckt, weiß man nicht. Aber sie ist gut erzählt.

Immerhin kaufte er sich, nachdem er den Auftrag für die Bundestagsbauten bekommen hatte, einen Fazioli 308 („der Ferrari unter den Klavieren“). Den konnte er aber schon wenige Jahre später wegen einer Heberden-Arthrose nicht mehr spielen: „Eine Versteifung der obersten Fingergelenke“, erklärt er und hält seine Hände in die Höhe.

Also: Musik jeden Abend, auch als Kompensation. Seine legendäre Leidenschaft für Anna Netrebko ist allerdings abgekühlt. Ja, sie hat ihn einst in den Bann gezogen – „Wen nicht? Um keine Sängerin seit der Callas gab es so einen Hype“. Inzwischen verehrt er auch Anja Harteros, Elina Garanca, Juliane Banse. Und: „Viel wichtiger als Anna Netrebko ist für mich mein Großvater.“ Dessen Werk propagiert er unermüdlich, an Christoph Schlingensiefs Inszenierung der „Scenen aus dem Leben der Heiligen Johanna“ an der Deutschen Oper war er zwar nicht direkt beteiligt, aber veranlasste immerhin, dass die Erbengemeinschaft kein Veto einlegte. Walter Braunfels sei der bedeutendste deutsche Spätromantiker neben Richard Strauss gewesen. Und dass Schlingensief daraus eine Meditation über Tod und Todesriten machte, fand er absolut richtig: „Es ist schwierig, so etwas im Stil von Peter Stein zu inszenieren.“

Natürlich wäre es sein größter Wunsch, in Deutschland oder Europa ein Opern- oder Konzerthaus zu bauen. Vorerst muss er sich mit China begnügen. In Zhangzhou plant sein Büro ein Kulturzentrum, vier Pagoden, die sich wie Pilze aus dem Wasser erheben, in einem davon wird auch ein Opernhaus untergebracht sein, nach dem Vorbild des Münchner Prinzregententheaters. Und dann ist da noch Mauritius. Auf dem Inselstaat im Indischen Ozean errichteten die Franzosen 1822 das erste Opernhaus südlich des Äquators, es steht leer und soll wiedereröffnet werden. Braunfels leitet den Umbau – ein Projekt für reiche Touristen. Vielleicht kommt ja doch noch der große Auftrag in Deutschland. Bei der Hamburger Elbphilharmonie war Braunfels übrigens der einzige Architekt, der sich zu klagen traute, weil das Projekt ohne Ausschreibung durchgezogen wurde.

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