Kultur : Stubenliebe

Knast und Glück: Die Doku „La bocca del lupo“

von
Foto: Arsenal
Foto: Arsenal

Er habe „die Zartheit eines Kindes im Körper eines Riesen“: So beschreibt Mary Monaco den Mann, den ihr das Schicksal ausgerechnet im Gefängnis in die Arme trieb, wo sie wegen Drogendelikten einsaß. Vincenzo Motta, Sohn eines sizilianischen Zigarettenhändlers, ist ein Krimineller, der 23 Jahre abbüßen musste und im Kino bei Disneys „Bambi“ vor Rührung weint. Auch heute noch geht er, der hochgewachsene Schnurrbartträger, als gut aussehender Mann durch, nur die Omar-Sharif-Frisur lichtet sich – im Ansatz.

Gedichte sollte sie damals im Knast für ihn übersetzen. Vier Monate saßen die Frischverliebten in derselben Anstalt, der Ganove Enzo und die heroinsüchtige Transsexuelle, ihrer Erinnerung nach die glücklichste Zeit ihres Lebens. Dann wurde Mary entlassen und fütterte die Liebe mit Briefen, besprochenen Kassetten, Essen und sauberer Unterwäsche. Zehn Jahre lang wartete sie treu und erlaubt sich dabei den kleinbürgerlichen Traum vom beschaulichen späteren Leben im Häuschen auf dem Land.

Matrosen und Tagediebe, Huren, Händler und korrupte Carabinieri, ein großer Hafen, Hochstraßen und enge Gassen zwischen Bergen und Tunnels: Das war das alte Genua, neben Neapel und Triest wohl die poetischste aller italienischen Hafenstädte. Und der angemessene Schauplatz für diese ungewöhnliche und beständige Liebesgeschichte, die zehn Jahre Kerker und Trennung, Alkoholexzesse und Drogensucht überlebt.

Mittlerweile sind Enzo und Mary in die Jahre gekommen, Abrissraupen und Bagger leiten auch in Genua die postindustrielle Stadtzerstörung ein: Alte Lagerhallen und Wohnhäuser verschwinden ebenso wie die Menschen, die dort arbeiteten und wohnten. Doch Enzos und Marys enges Altstadtviertel steht immerhin noch. Nur der Traum vom Landhäuschen hat sich in eine vollgestellte Stube in schmaler Gasse verwandelt, die die beiden mit mindestens drei Hunden, zehn Perücken und viel Krimskrams teilen. Am Schluss erdichtet der Film sich das Idyll trotzdem. Neben Bildern von Dreimastern und ballspielenden Frauen am Strand stehen da ein paar trauliche Heimszenen mit Hunden, Esel und Kamin.

Auch sonst ist das Bild- und Tonmaterial aus disparater Herkunft kunstvoll verschmolzen. Regisseur Pietro Marcello ist selbst kein Genueser und wurde durch die sozial engagierte jesuitische San-Marcellino-Stiftung auf die Idee zu diesem Film gebracht. Seine 2009 auf dem Berlinale-Forum mit dem Caligari-Preis ausgezeichnete Arbeit ist ein kaum einzuordnendes Amalgam aus behutsam – und stumm – nachinszenierten Momenten aus Enzos Leben und dokumentarischen Begegnungen, gipfelnd in einer langen Einstellung mit Enzo und Mary in der Wohnstube.

Drumherum gruppieren sich Archivstücke von Straßenszenen und Schiffstaufen, implodierenden Hafentürmen und einstürzenden Altbauten. Eine aus Erinnerungen, Marys Kassettenbriefen und alten Liedern raffiniert komponierte Toncollage verdichtet diese Schnipsel zu einer atmosphärisch überzeugenden Einheit. Ein Hohelied auf menschliche Nähe. Und ein melancholisches Requiem für eine untergegangene Welt.

Arsenal, International (beide OmU)

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