Super-Thriller aus Spanien: "La isla mínima" : Männer vor Flusslandschaft

Stimmt schon, „La isla mínima“ ist ein Serienkiller-Thriller. Aber vor allem führt er zurück in die bleierne Zeit nach der Franco-Diktatur. Und die ist mindestens so gruselig.

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Einsatz im Feld. Pedro (im Vordergrund: Raúl Arevalo) und sein Kollege Juan (Javier Gutierrez) jagen einen Verdächtigen.
Einsatz im Feld. Pedro (im Vordergrund: Raúl Arevalo) und sein Kollege Juan (Javier Gutierrez) jagen einen Verdächtigen.Foto: Dropoutcinema

Wer dieser Tage mit einigem Entsetzen zusieht, wie die demokratischen Errungenschaften am östlichen Rand des Mittelmeers zuschanden gehen, mag einstweilen an dessen westlichem Rand Trost finden. Spanien! Das Land ist zwar gebeutelt von Wirtschaftskrise und Jugendarbeitslosigkeit, aber seit 40 Jahren hält es stabil zur Staatsform der Demokratie. Und auch die schnell erstarkten neuen Parteien, die linke Podemos und die bürgerliche Ciudadanos, fallen bislang nicht, wie andere Neugründungen in Europa, durch dumpfen Nationalismus auf.

Sicher ist diese Immunität gegenüber dem Liebäugeln mit diktaturaffinen Strukturen eine Folge jenes 40 Jahre währenden Staatsterrors, der der sonnigeren jüngeren Gegenwart vorausging. Was hierzulande weniger bekannt ist: Nach dem Tod des Generals Franco 1975 dauerte es Jahre, bis die neue Demokratie Festigkeit gewann – noch 1981 scheiterte seine einstige Spezialpolizei Guardia Civil mit einem Putschversuch. Und es brauchte zwei Jahrzehnte, bis der „Pakt des Schweigens“, der mit dem Neuaufbau verbunden war, der Aufarbeitung der historischen Verbrechen des Regimes wich. So wurde erst 2005 eine sieben Meter hohe Franco-Statue im Zentrum Madrids beseitigt, nachts und unter Polizeischutz.

Der Film spielt 1980, in der Zeit der "transición"

Aus exakt jener drückenden Atmosphäre der Nach-Franco-Zeit bezieht Alberto Rodriguez’ Thriller „La isla mínima“ seine besondere Spannung. Sorgfältig zeitgenau ausgestattet, spielt er in der Periode der „transición“, in der das Verschweigen des Vergangenen zur Staatsräson wurde. Die beiden im Herbst 1980 aus Madrid ins Mündungsgebiet des Guadalquivir entsandten Kommissare müssen zwar eine Reihe von Morden aufklären – vor allem aber machen ihnen die eigenen, anfangs kaum kompatiblen Biografien zu schaffen.

Was Juan (Javier Gutierrez) und seinen jüngeren Kollegen Pedro (Raúl Arevalo) aneinanderkettet und zugleich trennt, passt keineswegs zu jenen aufgeschminkten Privat-Malaisen, mit denen der deutsche TV-Krimi sich allabendlich interessant zu machen versucht. Pedro wurde in die Ebene südwestlich von Sevilla zwangsversetzt, weil er in einem Zeitungsleserbrief forsch gegen alte Militärs polemisiert hatte. Juan dagegen, seine bös zupackenden Verhörmethoden verraten es, hat das Folterhandwerk noch unter Franco gelernt – und der Einsatz eines derart zwielichtigen Ermittlers, der seinen Alltag noch dazu nur mit Alkohol und Tabletten stemmt, ist in der Hauptstadt offenbar nicht mehr opportun.

Ein Kruzifix mit Fotos von Hitler und Franco

Die beiden müssen ein schäbiges Hotelzimmer teilen, und als Erstes verbannt Pedro dort ein Kruzifix mit Konterfeis von Hitler und Franco in eine Kommode. Aus dieser Gegend, in der Gewalt und Armut gleichermaßen regieren, wollen die meisten weg – die Alten sind auf rostigen Kähnen weniger mit der Fischerei als mit Drogenhandel beschäftigt, und die Jungen hoffen verzweifelt auf ein Leben in der Stadt. Ein Putzjob etwa in einem Hotelbunker in Malaga bedeutet da fast schon eine paradiesische Perspektive.

Der Fall, den Pedro und Juan aufklären sollen, könnte für das Genre gewöhnlicher nicht sein: Zwei minderjährige Mädchen werden, brutal verstümmelt, tot in den Wassergräben der Reisfelder aufgefunden. Treibt hier also ein Serienkiller, das TV-Nachtgespenst vom Dienst, sein Unwesen? Ja und nein, denn es geht um weitaus mehr: Schon die Trägheit, auf die die Ermittler bei ihren Recherchen stoßen, die diffus bremsende Attitüde ihres Vorgesetzten, auch das frühere spurlose Verschwinden von Mädchen, das hier niemanden sonderlich zu interessieren scheint – all das summiert sich schnell, abseits üblicher Zutaten, zu einem vielschichtigen Thriller-Material. Spannende Verfolgungsjagden finden hier zudem mit Kleinwagen auf unasphaltierten Wegen statt, und der vergleichsweise beiläufige Showdown kommt fast ohne Herumballern mit der Dienstwaffe aus.

Aus Gottesaugenperspektive schaut die Kamera herab

Aufregender in einem Geschehen, dessen Kamera (Alex Catalán) mal aus hoher Draufsicht auf die Winzlinge in leerer Natur schaut und ihnen dann wieder angemessen zappelnd auf den Fersen ist, ist die Annäherung der beiden Polizisten, im Guten wie im Bösen. Oder auch der korruptionsgestählte Umgang mit der Macht, vom Verkauf von Informationen selbst für kleinste Pesetenbeträge bis hin zu strategischen Anrufen zur Unzeit. Irgendwann treten dann Wahrheiten zutage, über die niemand mehr reden muss. Zwei mögen miteinander so handelseinig werden, scheint dieser 2015 mit vielen Preisen ausgezeichnete Film zu fragen – aber ein ganzes Land?

Einziger Makel von „La isla mínima“: Einmal erfasst die Kamera ein Schild mit der Aufschrift „Isla Mayor“. So heißt einer der Orte in der öden Gegend – allerdings erst seit einer Volksabstimmung im Jahr 2000. Zur erzählten Zeit des Films trug er den Namen „Villafranco del Guadalquivir“: so getauft zu Ehren des Diktators Francisco Franco.

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