Tankred Dorst zum 90. Geburtstag : Der Welterfinder

Tankred Dorst wird 90 - ein Vivat! Im gedruckten Tagesspiegel von Samstag lesen Sie drei unveröffentlichte Texte des Dramatikers, Filmemachers, Regisseurs und Erzählers.

Peter von Becker
Der Schriftsteller und Dramatiker Tankred Dorst.
Der Schriftsteller und Dramatiker Tankred Dorst.Foto: David von Becker


Tankred Dorst ist als Person alles Pathos fremd. Da ist er eher ein ironisch liebenswürdiger Impressionist. Und doch wirkt sein Werk auf eine subtile Weise auch monumental und hochexpressiv. Wie Ernest Hemingway schreibt er keine „Five-dollar-words“, die mit ihrer ausgesuchten Kostbarkeit prunken, seine Sprache erscheint einfach, bildhaft, im Detail ganz klar – und doch drückt sie einen von Rätseln, Revolutionen, Liebesabenteuern, Menschheitsgeheimnissen erfüllten Kosmos aus, der alle Zeiten, Gesellschaften, Kontinente erfasst.
Darum werden Dorsts Stücke rund um den Globus gespielt, allen voran natürlich sein ungeheures „Merlin“-Drama, das Dieter Dorn 1982 an zwei Abenden in den Münchner Kammerspielen inszeniert hat: mit Peter Lühr als Titelfigur und mythischem Zauberer, mit Thomas Holtzmann, Doris Schade, Gisela Stein, Sunnyi Melles, Axel Milberg, Tobias Moretti undundund.
Seitdem ist jener in voller Länge fast zehnstündige „Merlin“, der so tragisch wie witzig und alle Epochen übergreifend modern vom Zerbrechen der Artus-Tafelrunde, von Parzival und der Suche nach dem Gral handelt, als Gleichnis einer Dämmerung der großen Utopien begriffen worden. „Merlin“ gab so auch wenige Jahre später das hellsichtigste Bild einer Wendezeit: dramatischer Komet über den Mauerbrüchen, Freudenfeuern, Aschehaufen, verstanden von Bukarest bis Moskau, in Asien oder Südamerika.
Und Dorsts Geschichte vom „Herrn Paul“: Im Deutschen Theater Berlin sah man 1994 die schwarz leuchtende Komödie eines Mannes, der seinen Besitz an keine Spekulanten der Zeitenwende verkaufen will, der dem beginnenden Turbokapitalismus als Tagträumer, als neuer Oblomow widersteht. Das konnte in Thüringen spielen. Im deutschen Herzland, wo Dorst vor 90 Jahren geboren wurde, als Sohn eines nach 1945 enteigneten Fabrikbesitzers. Von Sonneberg in Thüringen ist er dann schon als Junge ins nahe fränkische Coburg gefahren, um dort das erste Theater zu sehen.


Mit dem Märchen- und Puppenspiel hat der junge Tankred begonnen, schon sein erster Theater-Krimi „Die Kurve“ wurde 1960 von Peter Zadek mit Klaus Kinski und Judy Winter verfilmt. Danach haben von Zadek, Palitzsch, dem jungen Patrice Chéreau („Toller“ in Mailand) bis Robert Wilson, Dorn, Flimm, Neuenfels, Jossi Wieler viele Großregisseure seine bislang gut 40 Stücke inszeniert. Doch ist der mit dem Büchner- und Schillerpreis ausgezeichnete Dramatiker auch ein Autorfilmer, sein „Eisenhans“ mit Hannelore Hoger und Susanne Lothar lief 1983 in Cannes; er hat als Theater- und Opernregisseur gearbeitet (2006 der Bayreuther „Ring“) und zwischenrein so feine Prosa geschrieben wie die wunderbare, 2009 erschienene deutsch-balinesische Künstlerliebesgeschichte „Glück ist ein vorübergehender Schwächezustand“.
Vor zwei Jahren nun ist Tankred Dorst mit seiner Ehefrau und künstlerischen Mitarbeiterin Ursula Ehler-Dorst von München nach Berlin gezogen. Seine Suhrkamp-Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz hat hier bei einer Feier vor einigen Tagen über ihn gesagt, in Tankreds Stücken erfahren wir auch „Selbstgespräche der Liebenden, die mit den Toten reden“. Und Hans Neuenfels nannte den so vital in sich ruhenden Freund: „einen tanzenden Stein“. Zum Geburtstag ist er mit der Familie in den Spreewald verschwunden – und hat uns drei unveröffentlichte Geschichten sowie „Das ferne Land“ (aus einem früheren Stück) als Kleeblatt überlassen. Dank und Glück! Sie finden die Texte im gedruckten Tagesspiegel von 19. Dezember.

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