Kultur : Tanzen verboten

Keltischer Rock ’n’ Roll: Mark Knopfler spielt in der Berliner O2–World

H. P. Daniels
Mann auf dem Stuhl. Mark Knopfler saß wegen einer Rückenverletzung. Foto: Davids Foto: DAVIDS
Mann auf dem Stuhl. Mark Knopfler saß wegen einer Rückenverletzung. Foto: DavidsFoto: DAVIDS

Mit 11 000 Besuchern ist die komplett bestuhlte O2-World ausverkauft. Eigentlich kein schöner Rahmen für ein Konzert von Mark Knopfler, aber vielleicht angemessen, denn der 60-jährige Gitarrist, Sänger und Songschreiber zählt mit rund 120 Millionen verkaufter Platten zu den erfolgreichsten Popstars der letzten 25 Jahre. Längst spielt er in der Liga „Stadionrock“, wo Arenen wie das Berliner Velodrom – dort trat Knopfler vor zwei Jahren auf – oder die O2-World fast noch als „Club Gig“ durchgehen.

Ein bisschen schade ist das allerdings für die Musik, die in einer intimeren Umgebung besser zur Geltung käme als mit schwer zermatschtem Großhallenhall in schmerzhafter Lautstärke. Es beginnt mit dem wehenden Klang einer keltischen Folk-Melodie, in die Knopfler den elektrisch schwirrenden Sound seiner Stratocaster-Gitarre einwebt und eine Trucker-Story singt: „Border River“ ist der erste Song von „Get Lucky“, seinem sechsten und jüngsten Soloalbum.

Knopfler hockt auf einem hohen Drehstuhl, von dem aus er gelegentlich den rechten Fuß auf ein kleines Podest vor sich stellt, um ein Volumenpedal für an- und abschwellende Klangfarben zu bedienen. Vor sechs Wochen habe er sich den Rücken verrenkt, erzählt er. Sein Arzt habe ihm daraufhin „disco dancing“ verboten, also sitzt er während des ganzen Konzertes. Ein großer physischer Bühnendarsteller war Knopfler ohnehin nie.

Posen liegen ihm nicht, er konzentriert sich aufs Wesentliche: die Songs und seine ausgedehnten Gitarrensoli. Wobei er auf ganz eigene Art seine Liebe für keltische Folk-Musik verbindet mit der Leidenschaft für Americana, Country, Blues und Rock ’n’ Roll. „Sailing To Philadelphia“ ist ein früher Höhepunkt, in „Hill Farmer’s Blues“ setzt Knopfler seine fingerfertige Elektrizität gegen einen akustischen Bandsound. Etliche Kompositionen des gebürtigen Schotten klingen wie traditionelle Folksongs. Die größte Begeisterung brandet Knopfler entgegen, wenn er ein paar alte Songs seiner früheren Band Dire Straits aus dem Griffbrett schüttelt.

Die rührende Ballade „Romeo & Juliet“ klingt noch immer frisch, doch „Sultans of Swing“, der Hit vom ersten Dire-Straits-Album von 1978, wirkt inzwischen arg abgenudelt. Knopfler, der bei seinen Auftritten eigentlich keine Videowände benutzt, erlaubt sich dann doch mal eine technische Spielerei. Am Ende des Gitarrenhalses hat er eine Kamera installiert, deren Aufnahmen, auf die Bühnenrückwand projiziert, einen Blick über Knopflers Griffbrett und auf seine Finger erlauben. Wobei sich sehr schön seine außerordentliche Technik studieren lässt: der Anschlag der rechten Hand, mit seinem außergewöhnlichen Fingerpicking, und die rasanten „Hammer Ons“, „Pull Offs“, gezogene und geschobene Saiten mit der Linken.

Knopfler spielt kaum etwas vom jüngsten Album. Dessen Titelsong „Get Lucky“ mit akustischer Gitarre ist allerdings ein weiteres Glanzlicht. Da Knopfler wegen seines Rückens ja nicht gehen soll, bleibt er nach knappen zwei Stunden gleich da für die Zugaben: „Brothers in Arms“ und „So Far Away“ in bedrohlicher Lautstärke. Und schließlich – mit einem Intro-Thema, das an den klassischen Folksong „The Wild Mountain Thyme“ erinnert – Knopflers „Piper To The End“, eine Hommage an den gestorbenen Onkel und letzter Song vom neuen Album. Beim orkanartigen Schlussapplaus wünscht man sich mal wieder so ein ganz kleines Konzert mit geringerer Lautstärke, wie vor drei Jahren im Kreuzberger Meistersaal vor 150 Zuhörern.

0 Kommentare

Neuester Kommentar