Techno-Doku „Denk ich an Deutschland in der Nacht“ : Rausch des Augenblicks

Zwischen Reduktion und Euphorie: Romuald Karmakar zeichnet in seiner Techno-Doku „Denk ich an Deutschland in der Nacht“ eine kollektive Sehnsucht auf.

Dennis Vetter
Der Club als Schutzraum. Zum Sound des DJs (hier Roman Flügel) bilden die Feiernden eine Wertegemeinschaft.
Der Club als Schutzraum. Zum Sound des DJs (hier Roman Flügel) bilden die Feiernden eine Wertegemeinschaft.Foto: Rapid Eye Movies

Romuald Karmakar zitiert gleich im Titel seines neuen Dokumentarfilms „Denk ich an Deutschland in der Nacht" über das Kulturgut Techno das sinnliche Repertoire der Romantik herbei, als gäbe es in der elektronischen Musik eine neue Generation der heimatlos Träumenden. Ob da ein feiner Optimismus mitschwingt oder die Diagnose einer funktionierenden Utopie? In jedem Fall schwingt der Hinweis auf eine unterkomplexe Auseinandersetzung in der deutschen Kulturlandschaft mit. So sieht das zumindest Karmakar und hakt bei fünf Akteuren einer längst auch international vernetzten Subkultur nach: Ricardo Villalobos, Roman Flügel, Ata, Sonja Moonear und David Moufang.

Roman Flügel ist nicht bescheiden. Als ihn Karmakar mit Heinrich Heines „Nachtgedanken“ konfrontiert, pustet der Frankfurter Produzent Techno kurz zum deutschen Exportschlager auf. Für Ata, den Gründer des legendären Clubs Robert Johnson, bedeutete House einmal der Ausbruch aus Traditionen und kulturellen Erwartungshaltungen. Heute schwärmt er stattdessen von seiner Waldhütte. Ob ein Club auch ein Schutzraum sein kann, will Karmakar einmal wissen. Flügel spricht dann von der Verwundbarkeit der Feiernden, dem Verhältnis von Spaß und Terror. Soll ein DJ nach einem Anschlag wie in Paris oder Brüssel sein Set ändern?

Villalobos sinniert über eine Ideologie auf der Tanzfläche, über Vereinzelung und Melancholie, über den „kleinsten gemeinsamen Nenner“ aller Menschen in einer Nacht. Sonja Moonear sucht nach spiritueller Extase, und Moufang spricht neben einem Apfelbaum über den Sound von Hefekulturen. Analyse, Mumpitz und Selbstinszenierung sind gleich wichtig. Da sind Extreme, Überzeugungen und reizende Spinnereien in diesen Lebensentwürfen, die sich ganz um die Möglichkeiten des Rhythmischen drehen, die ausufern und sich fortbilden auf der Suche nach dem perfekten Set. Der Rausch ist im Spiel, das verbindet sie.

Entrückte, wiederständige Momente

Für Karmakar ist weder Techno aus Deutschland noch Techno in Deutschland eine Neuigkeit. Seit Beginn der neunziger Jahre fasziniert ihn, was in den Undergroundclubs passiert. Doch die Tatsache, dass er acht Jahre nach dem Abschluss seiner „Club Land“-Trilogie einen vierten Dokumentarfilm nachlegt, wirft interessante Fragen auf. Weil Karmakar ein Regisseur ist, dessen Filme um Randfiguren, Krisen und Extreme der deutschen Gesellschaft und Geschichte konstruiert sind. Er scheint Zugänge zu den entrückten und doch widerständigen Momenten zu suchen, die die Technoszene so charakteristisch und systematisch produziert. Welche Arbeitsweisen an der Masse sind da wichtig? Und vor allem: welche Menschenbilder?

In seiner Trilogie – „196 BPM“ (2003), „Between the Devil and the Wide Blue Sea“ (2005) und „Villalobos“ (2009) – zeigte Karmakar, was er in Filmen über die Clubkultur vermisst: die exakten Erscheinungsweisen der Musik, eine der sinnlichen Erfahrung adäquate Filmsprache. In den Liveaufnahmen lehnte er Effektschnitte und Stilisierungen ab, er benutzte den Originalton im Club. Auch in „Denk ich an Deutschland in der Nacht“ funktionieren die Clubaufnahmen nach dieser Logik. Mit einem konzentrierten Fokus auf der Arbeit des DJs zeigt Karmakar, wie Plattenspieler zu psychologischen Knotenpunkten werden. Einmal steht Moufang mit seinen Jungs an den Tellern, der Sound geht Achterbahn, es folgt ein langsamer Kameraschwenk. Dann zoomt Frank Griebes Kamera zurück in die Totale: Sie haben kein Publikum, feiern sich selbst. Der Film stellt immer wieder Guckkästen her, die ein Zeitgefühl konservieren.

Man könnte Karmakar diese Reduktion vorwerfen, wenn sein Ansatz nicht so charmant wäre. Die Leerstelle ist hier das Loop. Das gilt auch für seine Spielereien mit dem Ton: Wenn bei einem Set von Ata plötzlich nur ein Kopfhörerkanal zu hören ist, dann entlarvt er damit das Kompositionsprinzip des DJs und fesselt dennoch in der Entlarvung. So unterwandert der Film Erwartungen: Nicht einmal die Namen der Sprechenden sind während der Interviews eingeblendet.

„Denk ich an Deutschland in der Nacht“ ist formal weniger streng als Karmakars frühere Technofilme, manchmal aber auch ironischer. Die Einblicke in die Nacht sind wirkmächtig kadriert. Karmakar legt damit vielleicht nahe, dass die Kinoleinwand die einzig angemessene Zeitzeugin ist für die Entgrenzungsrhetorik dieser Musik. Zwischen Reduktion und Euphorie tastet er nach dem Essenziellen im Techno, balanciert Worte und Gesten, Denkweisen und Bilder. Die Kamera zeichnet eine kollektive Sehnsucht auf. Dass diese aufblitzen darf und sich doch eine Undurchsichtigkeit bewahrt, gibt tatsächlich Anlass zu Optimismus.

In 14 Berliner Kinos

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