Kultur : Terror nach Kontingent

Stalins Paranoia: Das Deutsche Historische Institut in Moskau untersucht den Terror von 1937/38

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Über den Charakter der Verhaftungen gab es keine Illusionen. „Sie nehmen alle fest, hauptsächlich Unschuldige“, so ein ehemaliger „Kulake“, ein enteigneter Bauer: „Jede Nacht ist das Schreien von Kindern, Ehefrauen und Müttern zu hören …“ Stalin hingegen sorgte sich um die Aufsteiger. Bei einem Empfang in Moskau Ende 1937 – mitten während des „Großen Terrors“ – hob der Diktator die Nachrücker in Partei und Industrie als Vorbilder hervor. „Leitende Kader kommen und gehen, das Volk aber bleibt.“ Die Botschaft war unmissverständlich: Jeder ist ersetzbar, und für jeden Nachrücker gibt es einen Platz.

Damit ist die Fragestellung umrissen, die das Deutsche Historische Institut Moskau im Rahmen seines mehrjährigen Forschungsprojektes „Stalinismus in der sowjetischen Provinz 1937–1938“ beleuchtet hat: Kam der Terror allein „von oben“, oder hat er eine ebensolche Komponente „von unten“? Offensichtlich diente der Terror mit der Beseitigung so vieler altgedienter Funktionäre auch – auch! – dazu, Aufstiegsmöglichkeiten zu schaffen. Wer den Preis bezahlen musste, war – abgesehen von der bolschewistischen Elite, für die die großen Moskauer Schauprozesse reserviert waren – die mittlere Schicht der Nomenklatura, die zumeist noch in die Zarenzeit hineingeboren war. Zugleich fielen Millionen von „Kulaken“, als vermeintliche Grundbesitzer verfemte Bauern, „kriminelle Elemente“ und politische „Abweichler“ sowie Randständige oder zu Randständigen Erklärte dem Terror zum Opfer und füllten, wenn sie überhaupt am Leben blieben, die anschwellenden Sklavenheere des Gulag-Systems.

In zwei voluminösen, von Rolf Binner, Bernd Bonwetsch und Marc Junge herausgegebenen Bänden liegen jetzt die Ergebnisse des Moskauer Projekts vor. Es ist keine einfache Lektüre. Aber sie birgt Sensationen: die vollständige Dokumentation der Vorgänge, die in der höchsten Ebene der KPdSU zur Auslösung des großen Terrors geführt haben, in ihrem Mittelpunkt den „Operativen Befehl des Volkskommissars des Inneren N. I. Jeschow No. 00447 ,Über die Operation zur Verfolgung ehemaliger Kulaken, Krimineller und anderer antisowjetischer Elemente’“ vom 31. Juli 1937. In diesem ungeheuerlichen Befehl wird die Erschießung von 76 000 Personen sowie die Einweisung von 193 000 in den Archipel Gulag festgesetzt, insgesamt 269 000 Personen. Um wen es ging, hatten die örtlichen Kräfte der Partei und des NKWD, des Innenministeriums mit seinen der Gestapo vergleichbaren Truppen, zu bestimmen. Der unionsweite Terrorfeldzug begann.

Und er wurde noch weit schlimmer. Zunächst auf vier Monate geplant, verlängerte er sich bis zum November 1938. Aus der sowjetischen Provinz, auch das war perfide an dieser Aktion, konnten immer neue und höhere „Kontingente“ angefordert werden – sie wurden umstandslos vom Politbüro, an der Spitze Stalin und Wjatscheslaw Molotow, „genehmigt“. Die Provinzfürsten überboten sich in ihrem Eifer, immer mehr zu fordern. Stalin hatte zwar die Aktion angestoßen. Als sie jedoch in Gang gekommen war, waren es die Provinz-Bolschewiki, die sie zu ihrem schließlichen Umfang emportrieben.

Da die Erschießungspelotons immer schneller arbeiten mussten, gerieten zunehmend weitere Personenkreise ins Blickfeld der NKWD-Schergen, die mit ihren „Schwarze Maria“ genannten Autos stets nachts kamen, um die ausgewählten Opfer abzuholen. Am Ende waren 767 000 Menschen verhaftet worden, von denen 386 000 nach kurzem Prozess – ohne Berufung, meist auch ohne Beweisaufnahme – erschossen wurden und die andere Hälfte in den Weiten des Gulag verschwand. Das bedeutete nicht etwa das Überleben, sondern, wie es in aller Offenheit der Sowjetterminologie hieß, „Vernichtung durch Arbeit“.

„Mit dem Befehl No. 00447, dessen Durchführung unter die größten bürokratisch organisierten Verbrechen des 20. Jahrhunderts einzureihen ist, erhielt der Terror in der Sowjetunion eine neue Qualität“, schreiben die Herausgeber lapidar. Es handelt sich um die bislang kaum zur Kenntnis genommene Seite des „Großen Terrors“, die der Verfolgung der „kleinen Leute“. Die Elite aus Parteibürokratie, Militär, Industrie und Kultur wurde in gesonderten Operationen beseitigt, angefangen mit derVerhaftung der höchsten Militärführer im Juni 1937 und der Auslöschung eines Großteils des Offizierskorps der Roten Armee. Auch die wahllosen Deportationen ganzer Dörfer und Völkerschaften sind hier nicht erfasst.

Das Besondere und bislang in seiner ganzen Dimension Unbekannte ist die enorme Bürokratisierung des Terrors. Das hatte man dem Stalin-Regime nicht zugetraut. Mit der erstmaligen Veröffentlichung von Aberhunderten von Dokumenten wird die verwaltungsmäßige Sorgfalt erschreckend deutlich. In der gesamten Sowjetunion verlief die „Kulakenoperation“, wie sie der Kürze halber genannt wurde, nach gleichem Muster. Vorwürfe wurden konstruiert, eine Dreier- Mannschaft fällte das Urteil, die Moskauer Zentrale bekam die Unterlagen und bestätigte sie. Wenige Tage später war das Opfer tot oder auf dem Weg ins Lager, und das für acht bis zehn Jahre.

Über den Anlass oder gar den tieferen Sinn dieser Aktion zu spekulieren, versagen sich die deutschen Historiker. Sie legen die Fakten dar. Befehl No. 00447 war in Russland selbst bis 1992 geheim geblieben, immerhin ein 17 Schreibmaschinenseiten langes, in bürokratischer Detailfreude gehaltenes Dokument.

Der Terror, so sehr und so schnell er an Umfang zunahm, war durchaus keine blindwütige Orgie. Die vom Deutschen Historischen Institut akribisch zusammengetragenen Dokumente belegen vielmehr, dass noch unter der größten Beschleunigung die Formalien des Prozesses, wie rudimentär sie auch sein mochten, eingehalten wurden. Monströs war nicht allein das millionenfache Vorgehen, monströs war der Antrieb zur Entfesselung dieser Maschinerie. Stalin brachte am Revolutionsfeiertag 1937 den bezeichnenden Trinkspruch aus: „Wir werden gnadenlos jeden vernichten, der durch seine Taten oder Gedanken – ja, seine Gedanken – die Einheit des sozialistischen Staates bedroht. Auf die vollständige Vernichtung aller Feinde, ihrer selbst und ihrer Verwandtschaft!“

Die Paranoia im Kreml ist oft genug beschrieben worden. Ihr fielen die Konkurrenten und politischen Gegner von Gewicht zum Opfer, von Trotzki über Tuchatschewski bis Bucharin. Der Massenterror indessen richtete sich gegen die Gesamtheit der damals 140 Millionen Sowjetbürger. Er hatte seinen historischen Sinn darin, ein Volk von treuen Stalinisten hervorzubringen, ohne Erinnerung an oder auch nur Vorstellung von etwas anderem als dem Regime Stalins.

Ihm wurde der Terror erstaunlicherweise nicht angelastet. Als die Verhaftungen Ende 1938 zur großen Erleichterung ausblieben, wurde der Organisator Jeschow zum Sündenbock gemacht, degradiert, verhaftet und später hingerichtet. In den Archiven verblieben die Karteikarten, deren jede das Schicksal eines Menschenlebens bewahrt, das beim Weg zum Sozialismus auf der Strecke blieb.

Rolf Binner, Bernd Bonwetsch, Marc Junge (Hrsg.): Massenmord und Lagerhaft, sowie: Stalinismus in der sowjetischen Provinz 1937–1938. Veröffentlichungen des Deutschen Historischen Instituts Moskau, Band 1 und 2, beide im Akademie Verlag, Berlin 2009/2010, 821/731 S., je 39,80 €.

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