Theater : Dezent asozial halt

Wenn Gärten Eintritt kosten: Hellersdorfer Teenager aus schwierigen Verhältnissen spielen im Theater o.N. an der Kollwitzstraße in dem Stück „Hell erzählen“ ihre eigenen Geschichten. Ein Probenbesuch.

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Erst fragil, jetzt stabil. Gruppenteilnehmer bei der Arbeit. Foto: Christian Mang
Erst fragil, jetzt stabil. Gruppenteilnehmer bei der Arbeit. Foto: Christian MangFoto: Christian Mang

„Ich kenn’ böse und gute Menschen. Ich kenn’ Ghettos und Nobelviertel. Ich kenn’ Liebe und Hass“, sagt Needy. Und Zero rappt: „Ich kenn’ koksen, ich kenn furzen, ich kenn viele, viele Cents. Ich kenn Straßen, die du auf keinen Fall kennst.“ Was mit Sicherheit stimmt. Die neun Jugendlichen, die auf der schmalen Probebühne im Souterrain eines Hinterhauses an der Schönhauser Allee stehen und ihre Szene durchgehen, stammen aus Hellersdorf. Nicht bloß ein Bezirk an der Berliner Peripherie. Sondern vom Prenzlauer Berg aus betrachtet eine ferne, fremde Welt. Die fünf Mädchen und vier Jungs im Alter zwischen elf und 15 Jahren sind hier, weil sie ein Stück über das Leben in ihrem Kiez erarbeiten. Über Konflikte, Sehnsüchte und sich selbst. „Hell erzählen“ heißt das Projekt, mit dem sie im Theater o. N. an der Kollwitzstraße auftreten werden, bis zur Premiere sind es bloß noch ein paar Tage. Im Anschluss gastieren sie in zwei Jugendclubs in Hellersdorf, zum Heimspiel.

Wie es dort ist? „Vielleicht nicht der schlimmste Bezirk, aber schon Ghetto“, sagt die 15-jährige Jass im Gespräch am Rande der Proben und zuckt mit den Schultern. „Dezent asozial halt“. Stefan, ebenfalls 15, bittet, seine Ausdrucksweise zu verzeihen, aber man könne dort „an jeder Ecke in jedem Moment eins auf die Fresse bekommen.“ Obwohl es, schränkt er ein, auch schöne Gegenden gäbe. Ruhige. „Die kenne ich leider nicht“, lacht Jass. „Gärten der Welt?“, gibt Stefan zurück. „Kostet Eintritt“, entgegnet sie.

Am Theater o.N. haben die Künstler bereits Erfahrungen mit Projekten im Problemkiez. Vor rund zweieinhalb Jahren stellten sie dort das Stück „Der Teufelsschatz“ mit Erst- bis Drittklässlern der Grundschule am Schleipfuhl auf die Beine. Außerdem entstand mit fünf Jugendlichen die Produktion „Was dann passiert“, eine Arbeit über die sieben Todsünden. Eigentlich, erzählen die Regisseurin Cindy Ehrlichmann und die Dramaturgin Dagmar Domrös, wollten sie diesmal das Thema „Held oder Heldin in Tierhaut“ als Grundlage nehmen, sich über Märchen den Weg in die Lebenswelt der Jugendlichen bahnen. „Doch damit sind wir an Grenzen gestoßen.“ Jetzt zeige die Textcollage eher eine klassische Heldenreise, so Domrös. „Aufbruch, Abenteuer, neue Ufer“. Steinig genug, dieser Weg.

Keine Frage, kulturelle Bildung ist ein Muss. „In Deutschland wachsen fast vier Millionen Kinder unter 18 Jahren, also mehr als ein Viertel dieser Altersgruppe, in mindestens einer sozialen, finanziellen oder kulturellen Risikolage auf, die ihre Bildungschancen schmälert“, warnte unlängst das Ministerium von Annette Schavan. Entsprechend gern gesehen sind Projekte wie jenes am Theater o. N. – bloß welche Mühsal dahinter steht, bleibt unsichtbar. Vor einem Jahr begannen die Proben. So langfristig zu arbeiten ist überhaupt nur möglich, weil die Schering-Stiftung das Engagement des Theaters o. N. in Hellersdorf nachhaltig fördert.

Die größte Hürde war anfangs, überhaupt Jugendliche zu gewinnen. Aus der Vorgängergruppe, dem „Was dann passiert“-Ensemble, blieb genau ein Spieler dabei, Stefan. In den Jugendclubs stießen Ehrlichmann und Domrös kaum auf Resonanz, die 13- bis 17-Jährigen, hieß es auch von Streetworkern, träfen sich eher privat, zum „World of Warcraft“-Spielen, an die sei kaum ranzukommen. Die Theatermacherinnen verteilten dann 2500 Flyer in Wohngegenden, riefen zu einem Casting auf, weil sie dachten, das müsse die Kids doch ansprechen. „Und dann kam keiner“, sagt Ehrlichmann. Erfolg hatten sie schließlich über das Kinderhaus Berlin- Mark Brandenburg, ein Jugendhilfe-Träger, der Heime und betreute Wohneinheiten unterhält. Sieben der neun Jugendlichen, die jetzt dabei sind, lebten oder leben dort. Meist, weil der Stress zu Hause nicht mehr auszuhalten war.

Jass hat pinke Haare, ein schwarzes Herz auf der Wange und ein gewinnendes Lächeln. Stefan hat wache Augen und eine ruhige Art zu sprechen. Die beiden wirken tough und schlau, was hinter ihnen liegt, kann man nur erahnen. Wie alle im Ensemble haben sie mit Hilfe der Theater-o.-N.- Künstler ihre Texte selbst geschrieben, sich Figuren erfunden und ihnen Namen gegeben. Jass heißt Needy. „Wer mich kennt, wird wissen, dass ich mir die Rolle nicht ausgedacht habe“ sagt sie. „Es geht um mich.“ Sie beschreibt Needy als „depressiv und leicht gestört“. Ihr Traum sei derselbe, den sie auch habe: „Sängerin oder Schauspielerin zu werden“. Stefan hat sich den Rapper Zero erfunden. „Ein kleiner Draufgänger, der denkt, er ist stark“, beschreibt er ihn. Einer, „der seine Wut unter Kontrolle kriegen will und ein Anti-Aggressions-Training macht.“

Erst seit dem Ende der Sommerferien ist die Gruppe „stabil“, wie Ehrlichmann und Domrös sagen. Heißt: im ersten halben Jahr war kaum kontinuierliches Proben möglich, weil immer wieder Jugendliche ausstiegen und neue dazukamen. Schwierig genug bleibt die Arbeit. Immer wieder gibt es diese Situationen, für die auch eine lange pädagogische und therapeutische Ausbildung, wie Ehrlichmann sie besitzt, keine Patentrezepte bietet: Etwa, wenn zwei Spieler zu einer der wichtigsten Proben vor der Premiere einfach nicht erscheinen. Was tun? Mit Rauswurf drohen, an den Teamgeist appellieren?

Natürlich wünsche man sich Erfolgsgeschichten, sagt Domrös. Von Jugendlichen, deren Leben durch diese Theaterarbeit bereichert, gar verändert würde. Und genau so natürlich müsse man da realistisch sein. Ein riesiger Erfolg ist es schon, wenn die Premiere über die Bühne geht. Würden Jass und Stefan am Ball bleiben, auch bei einem nächsten Projekt? „Keine Frage“, antwortet sie. „Vielleicht wird ja eine richtige Karriere draus“, lächelt er.

Theater o. N., Kollwitzstr. 53,

Fr/Sa 25./26.1., 20 Uhr

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