Theater : Im Morast der Erinnerung

Remix aus Wolfgang Borchert und Soldatengesprächen. Volker Löschs Inszenierung des Nachkriegsdramas „Draußen vor der Tür“ an der Schaubühne.

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Waten durch Deutschland. Löschs Soldaten auf flauschiger Decke. Foto: drama-berlin.de
Waten durch Deutschland. Löschs Soldaten auf flauschiger Decke. Foto: drama-berlin.deFoto: Braun/drama-berlin.de

Er ist der, der die Stimme der Wirklichkeit auf die Bühne holt und uns in chorischer Verstärkung donnernd die Leviten liest. Arbeitslose, Prostituierte, Wutbürger – Volker Lösch, der Robin Hood des Theaterbetriebs, hat sie alle gehabt. Dort stehen sie dann, die Echt-Menschen, breitbeinig, die Hände zu Fäusten geballt, und brüllen aus dem Herzen ihrer Not. Und man sitzt da, mehr umgepustet als berührt, schon auch betroffen – es muss sich was ändern! – und nach einer halben Stunde fallen einem die Augen zu, denn so ein Geschrei ist natürlich nicht abendfüllend. Wer brüllt, sollte zwischendurch mal Luft holen oder flüstern oder ganz normal sprechen, damit das Gebrüll nachklingen kann. Ohne Nachklang keine Wirkung. Nur unbedingtes, fußaufstampfendes Wirkenwollen.

In der Schaubühne zeigt Volker Lösch nun Wolfgang Borcherts Nachkriegsdrama „Draußen vor der Tür“. Und es ist wie immer bei Lösch: Wirkenwollen durch Chor und den inszenatorischen Holzhammer. Aber es ist auch anders: Denn erstens stehen dieses Mal keine Echt-Menschen, sondern Schauspieler auf der Bühne, und zweitens sind ihre Geschichten so unerhört und beklemmend, dass man die derbe Vermittlung über weite Strecken ausblendet.

Der junge Beckmann kommt nach drei Jahren Sibirien traumatisiert nach Hamburg, aber sein Zuhause existiert nicht mehr. Sein Frau hat einen neuen, die Eltern sind tot. Keine Arbeit, keine Zukunft, keine Sau, die sich für ihn interessiert. Beckmann ist mehr Gespenst als Mensch. Denn wo früher sein Selbst hin und wieder einen klaren Gedanken fasste, toben nun Bilder des Krieges und lassen ihm die Haare zu Berge stehen.

Mit zu Bergen stehendem Haar und grellen Bildern inszeniert auch Lösch die Gesellschaftsanklage. Die Bühne (Carola Reuther) ist bedeckt von einer flauschigen Decke in Schwarz-Rot-Gold. Ein gruseliger Anblick. Noch gruseliger: der nachgebende, weiche Untergrund. Die Schauspieler, die sich in Soldatenmänteln aufstellen, waten durch Deutschland und sinken tief in etwas ein – in tote Körper? Den Morast der Erinnerungen? Oder ins Bettzeug für den Schlaf der Verdrängung? So einfach mehrschichtig bleibt es nicht. Sogleich wird Beckmanns traurige Geschichte runtergebrüllt, meist im Chor – alles ist laut, überzeichnet, und wenn Beckmann zu seinem Elternhaus kommt, wird eine riesige Tür auf die Deutschland-Ebene geschleppt, als sei die Wirklichkeit ein Albtraum, in dem man immer zu klein ist, um an die Klinke zu kommen. Es gibt weder Höhen noch Tiefen, dafür eingefügte Textpassagen, die das Eigentliche des Abends ausmachen.

Lösch hat Gespräche deutscher Soldaten aus dem Buch „Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben“ von Sönke Neitzel und Harald Welzer aufgenommen, die davon erzählen, wovon Beckmann schweigt: Was im Krieg passiert ist. Die Protokolle beruhen auf Gesprächen zwischen deutschen Soldaten, die sich in amerikanischen und britischen Kriegsgefangenenlagern über ihre Erfahrungen austauschten – und dabei abgehört wurden. Da ist von der „Mordsgaudi“ die Rede, die das Zivilistenabschießen aus einem Flugzeug gemacht habe, oder es werden die technischen Abläufe von Massenerschießungen erörtert. Das Unerhörte ist der nonchalante Ton – wie auf einer Party am Küchenbuffet gesprochen. Sinngemäß: Und die Jüdin wusste, dass sie erschossen wird? – Klar. – Krass.– Hat aber auch irgendwie Spaß gemacht.

Dass die Schauspieler bei Lösch dabei effekthascherisch die Stiefel putzen oder wie in der Jugendherberge unter der Decke liegen, kann der Wirkung in diesem Fall nichts anhaben. Am Ende tritt ein Soldat von heute auf die Bühne, der Afghanistanveteran Andreas Timmermann-Levinas, der von traumatisierten Kollegen berichtet und davon, dass die Gesellschaft auch heute nichts von den Geschichten ihrer Veteranen wissen wolle.

Ist das gutes Theater? Nein. Sollte man hingehen? Unbedingt. Andreas Schäfer

Wieder heute und am 9. Februar

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