Thomas Brussigs Roman "Beste Absichten" : Früher war mehr Musik

Überleben in der Übergangsgesellschaft: Thomas Brussigs bildstarker DDR-Musik-Roman „Beste Absichten“.

Bildstark, lapidar und unschlagbar komisch. Der Berliner Schriftsteller Thomas Brussig.
Bildstark, lapidar und unschlagbar komisch. Der Berliner Schriftsteller Thomas Brussig.Foto: Jim Rakete/Verlag

„Am Sonntag, dem 12. September 1976, schien über Zschopau die Sonne.“ Ein guter Tag für den Kugelstoßer Rolf Oesterreich, um den Weltrekord zu brechen, der damals bei 22 Metern stand. Doch seine Leistung von 22,11 Meter bei den Bezirksmeisterschaften wird nirgends verzeichnet, weil der Mann bei den DDR-Sportoffiziellen als nicht ausreichend linientreu gilt. Lange kämpft Oesterreich um nachträgliche Anerkennung.

Zwischen Aktendeckeln vergessen ist auch der ausrangierte MI-1-Hubschrauber, den Hans-Jürgen K. 1971 auf dem Gelände der Kita „Meister Nadelöhr“ aufmotzt, um damit in den Westen zu fliehen. Eine ingeniöse Meisterleistung, doch Hans-Jürgen K. wird verraten. Verraten fühlen sich auch die DDR-Konstrukteure, die mit dem „Fahrzeug 333/400“, einem schwimmfähigen Wartburg, die Gesetze der Schwerkraft außer Kraft zu setzen versuchten. Mit dem vom Innenminister gewünschten aufgepflanzten Granatwerfer muss das Gefährt einfach untergehen. So alternativlos, wie am Ende die DDR untergegangen ist.

Thomas Brussig, der diese unwahrscheinlich wahren Geschichten den einzelnen Kapiteln seines neuen Romans „Beste Absichten“ voranstellt, ist ein Spezialist für kontrafaktisches Erzählen. Zuletzt hat er die Nobilitierung des Unglaubwürdigen in „Das gibt’s in keinem Russenfilm“ vorgeführt und die Maschen – um nicht zu sagen: die Masche – nun wieder aufgenommen: Je seltsamer die erinnerte DDR heute erscheint, desto authentischer die Geschichten, die sie hervorgebracht hat.

Die DDR als Möglichkeitshorizont - damit befassen sich Brussigs Romane

Anders gesagt: Wenn die Sache mit dem Kugelstoßer Rolf Oesterreich stimmt, dann ist auch alles andere möglich. Zum Beispiel die Geschichte einer großen Band namens Die Seuche, die niemand gekannt hat. Die DDR als nachgelassener Möglichkeitshorizont. Damit kann man sich ein ganzes Literatenleben lang beschäftigen.

Ostberlin 1989. In einem Kellerloch hocken Sebastian, André, Rainer, Micha und Silke wie die Maulwürfe und üben „unterm Radar“ der offiziellen Beobachter, denn sie haben keine offizielle Einstufung, um in der DDR als Rockmusiker auftreten zu können. Auf Schleichwegen stößt der Ich-Erzähler auf sie, Stadtindianer in eigenem Auftrag, und bleibt hängen als Coach „Äppstiehn“. Die Figur ist jenem berühmten Brian Epstein nachempfunden, der einst die Beatles entdeckte. Der Seuche geht es nicht um Politik, schon gar nicht um Geld, sondern nur um die Musik, diesen unverzichtbaren Sauerstoff, der die jüngere Generation in der verdämmernden DDR am Leben erhielt: „Ohne Musik ist das alles nicht auszuhalten“.

Äppstiehn verschafft der Band also Auftritte im Fresswürfel, einem der volkseigenen Mehrzweckräume, in denen die Volksseele im Rahmen privater Festbeschäftigung sediert wird. Dort wächst nicht nur der Osten mit der Westverwandtschaft zusammen, sondern auch „das Ding namens Seuche“, das sich im Fettabscheidegestank immunisiert gegen Fankultur und Idolatrie. Die Seuche erinnert an einst real existierende DDR-Punkbands wie Feeling B. Und: Sie íst „gut für die DDR“, aber nicht gut genug für den internationalen Markt.

Die fiktive Band Die Seuche in Brussigs Roman hat Ähnlichkeiten mit der DDR-Punkband Feeling B. Hier Aljoscha Rampe, Paul Landers und Flake Lorenz (v. o.).
Die fiktive Band Die Seuche in Brussigs Roman hat Ähnlichkeiten mit der DDR-Punkband Feeling B. Hier Aljoscha Rampe, Paul Landers...Foto: Promo

Als sich im Sommer 1989 Scharen von DDR-Bürgern auf den Weg nach Ungarn machen und in der Prager Botschaft stranden, ist die Stunde der Band gekommen, deren Problem darin besteht, nicht berühmt werden zu wollen. Nicht musikalisch machen sie Furore, sondern als Autoschiebergang. Der zentrale Teil dieser Geschichte hat alles, was einen guten Brussig-Plot ausmacht: Witz, Chuzpe und bemerkenswert viel kriminelle Energie. In den verlassenen Wohnungen, wo Äppstiehn die hinterlassenen Fahrzeugpapiere organisiert, „hatte ich mich gefühlt wie in einem Film, in dem ich der letzte Überlebende der Menschheit war“.

Dass der „Aktionserlös“ die Band dann doch nicht rettet, hat wiederum mit der Wende zu tun und damit, dass die Währung Musik ersetzt wird vom echtzeitigen Leben – und vom Geld. In den neuen Verhältnissen reicht es nicht mehr aus, Teil eines Kollektivs zu sein, Erfolg misst sich anders. Die Band fällt auseinander, jeder folgt seinem eigenen Stern, da hilft auch der „Abkürzungsperfektionist“ Äppstiehn nichts mehr. „Früher war Musik das Wichtigste. Jetzt ist es das Geld.“

Die Band Die Seuche scheitert an der Weltpolitik. Und am Wetter

Sätze, so platt, dass sie schon wieder so wahr sind, wie Die Seuche, die bei ihrem New Yorker Nachwende-Ausflug schließlich unter dem Namen „Such as I“ firmiert, eben auch wahr sein könnte. Dass es Brussig in den etwas ernsthafter ausgeleuchteten Ecken seines Romans tatsächlich auch um Musik geht und um das, was eine Band zur Band macht, offenbart sich in den etwas krepp-papierenen Gesprächen der Bandmitglieder, auszuziehen wie ein Parteiprogramm.

Doch dort, wo die Überlebensstrategien in einer Übergangsgesellschaft aufgefaltet werden, ist der 52-jährige Schriftsteller unschlagbar bildstark und komisch. Die in der Arschfalte über die Grenze bugsierten Westdevisen, die gewaschen werden müssen, das adoptierte Meerschweinchen Schnüffi, das zum Inbegriff von „Freiheit oder Tod“ wird – und nicht zuletzt die Tatsache, dass Die Seuche am Wetter und der Weltpolitik scheitert: Das alles sind wirkmächtige Bilder von Brussig für eine Befindlichkeit des „als ob“. Und für jene kurze Phase der Anarchie, die es eigentlich nie gegeben haben kann.

Thomas Brussig: Beste Absichten. Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2017. 192 Seiten, 18 €.

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