Thomas Oberender im Gespräch : „Wir brauchen die großen Formate“

Der alte Intendant der Berliner Festspiele ist auch der neue: Thomas Oberenders Vertrag wird bis 2021 verlängert. Wir sprachen mit ihm über die Zukunft seines Hauses.

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Herr über tausend Träume. Thomas Oberender.
Herr über tausend Träume. Thomas Oberender.Foto: Jörg Carstensen/p-a/dpa

Herr Oberender, Sie sind seit 2012 Intendant der Berliner Festspiele. Ihr Vertrag läuft Ende des Jahres aus. Wie geht es danach weiter?
Ich freue mich, dass mein Vertrag durch die Staatsministerin verlängert wurde und ich bis 2021 hier weiterarbeiten kann.

Sind damit inhaltliche Vorgaben, Veränderungen verbunden?
Ja, wir werden uns weiter verändern. An kaum einer Institution lassen sich die Geschichte und der Wandel der Stadt so deutlich ablesen wie an den Berliner Festspielen – von der Gründung im Kalten Krieg über die splendiden West-Berliner Siebziger und Achtziger bis 1989 und danach, als die Festspiele mit der ehemaligen Freien Volksbühne ihr eigenes Theater bekamen.

Wo stehen Sie heute, wie hat sich Ihr Haus entwickelt?
Na, es soll weiter splendid bleiben! Wir haben neue Formate gegründet und werden das auch weiter tun, aber auch die bestehenden Festivals gestärkt und verjüngt. Wir fangen an, in unseren Häusern das Format „Festival“ anders zu begreifen und zu hinterfragen. Genauso das klassische Ausstellungsformat, denken Sie an die Tino-Sehgal-Schau oder Susanne Kennedys „Orfeo“ im Martin-Gropius-Bau. Wie erzählt man heute von unserer Zeit? Ich meine wirklich heute? Die Integration des Martin-Gropius-Bau in die Festspiele macht unsere Struktur in der Welt einzigartig. So können wir mit „Kentridge in Berlin“ dieses Jahr Installationen und Performances dieses Künstlers aus Südafrika im Martin-Gropius-Bau und bei Foreign Affairs im Festspielhaus zeigen.

Der Gropius-Bau hat einen eigenen und hochverdienten Leiter, Gereon Sievernich, aber er gehört zu Ihrer Intendanz …
Genau wie die Festivals mit ihren eigenen künstlerischen Leitern. Wir arbeiten auch mit freien Kuratoren und kooperieren viel. Gereon Sievernich hat das Programm des Gropius-Baus erfolgreich und immer wieder überraschend gestaltet. Mit der David-Bowie-Ausstellung kamen Impulse hinzu, die mit den Arbeiten im Festspielhaus korrespondieren, wo auch bildende Künstler arbeiten und große Formate stattfinden. Im Zusammenspiel der beiden Häuser können wir zeitgenössische Kunst zeigen die sich zwischen den Künsten ereignet und was sich andernorts schlecht in Repertoireform oder einem Ensuite-Betrieb darstellen lässt. Wir bringen Ausstellungen aus London nach Berlin, aber auch Kuratoren wie Richard Williams, der das Jazzfest gerade erfrischt.

Die Unterschiede zwischen Festivals und festen Häusern, sagen wir dem Maxim Gorki Theater oder dem Hebbel am Ufer, werden doch immer geringer. Wo setzen Sie da noch Akzente?
Vor 20 Jahren waren Festivals die Ausnahme, heute sind sie ein allgemeines kulturelles Phänomen. Es gibt für alles Festivals, für Literatur, für Kochen, für Theater oder Musik. Das kulturelle Feld hat sich generell internationalisiert, das stimmt. Wir schaffen daher andere Erlebnissituationen und gründen spezifische Formate innerhalb der Festivals wie „Thinking Together“ oder „The Long Now“ bei Maerzmusik. Wir werden in Zukunft fokussiertere Programme machen, gleitend zwischen Aufführung und Ausstellung, wie das im Herbst etwa bei Pina Bausch zu erleben sein wird. Und wir werden über das Format „Festival“ selber weiter nachdenken.

Was heißt denn das eigentlich in dieser Inflation noch – Festival?
Ein Festival ist eine Art Verbrennungsmaschine, die in kurzer Zeit viel Hitze und Licht produziert. Andere Institutionen verteilen ihre Kraft auf einen langen, kontinuierlichen Weg. Festivals hingegen schaffen Ausnahmesituationen.

Zum Beispiel?
Nehmen wir die MaerzMusik mit ihrem Finale, dem 30-Stunden-Konzert „The Long Now“ im Kraftwerk Mitte. Wir spielen die Nacht durch. Beim Theatertreffen versuchen wir, die ganze Stadt verrückt nach Theater zu machen: Hier gibt es das Interessanteste, was eine Saison in Deutschland, Österreich und der Schweiz hervorgebracht hat. Und auch wir setzen unsere Themen, so wie das Haus der Kulturen der Welt mit seinem „Anthropozän“-Projekt.

Was ist denn dann die Differenz zwischen dem HKW und Ihrem Haus?
Die Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin bestehen aus der Berlinale, dem HKW und den Festspielen. Im Grunde mischt sich unser jeweiliges Profil aus drei Komponenten: Wissen, Werk und Markt. Der Markt ist am stärksten bei der Berlinale, das Wissen und die Wissenschaft im Haus der Kulturen der Welt, und bei uns ist es der Künstler, das Werk. Wir wollen Kunst zeigen.

Die aber immer stärker diskursiv erscheint und konzeptuell. Es sieht alles irgendwie gleich aus.
Wirklich? Jan Fabres „Mount Olympus“-Marathon oder Tino Sehgal im Gropius-Bau, das sind moderne Riten der Kunst mit ihrer ganz eigenen Energie, die sind unverwechselbar. Und wir spüren, dass man für kurze Zeit eine Gesamtberliner Wirkung erzielen kann: zum Beispiel mit der Ai-Weiwei-Ausstellung oder im Falle von Robert Wilsons „Einstein on the Beach“. In den kommenden Jahren werde ich mich sehr um diese großen Formate und Behauptungen bemühen, das fordert auch die pure Größe unserer Häuser. Ich bin zuversichtlich, denn ich habe das Gefühl, dass gerade sehr viel passiert …

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