Thriller "Kill the Messenger" : Das ganz große Ding

Drogenschmuggel in Mittelamerika: In Michael Cuestas Geheimdienst-Thriller „Kill the Messenger“ wird ein Zeitungsreporter vom Enthüller zum Gejagten.

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Jeremy Renner als Reporter Gary Webb
Jeremy Renner als Reporter Gary WebbFoto: Chuck Zlotnick / Focus Features

„Manche Geschichten sind zu wahr, um sie zu verbreiten“, wird Gary Webb von einem Informanten gewarnt. Doch davon lässt sich ein investigativer Reporter natürlich nicht abschrecken. Auch wenn die Geschichte, an der er dran ist, eigentlich viel zu groß ist für ein kalifornisches Lokalblatt wie die „San Jose Mercury News“.

Es ist das Amerika der Clinton-Regierung, Mitte der Neunzigerjahre, zwischen O.-J.-Simpson-Prozess und Lewinsky-Affäre, als Webb (Jeremy Renner) von einer geheimnisvollen Anruferin auf den bevorstehenden Prozess gegen ihren Mann, einen Drogendealer, aufmerksam gemacht wird. Als Belastungszeuge sei ein gewisser Danilo Blandón geladen, jahrelanger Geschäftspartner ihres Mannes, eine große Nummer im mittelamerikanischen Drogenschmuggel – und möglicherweise ein Agent der CIA. Der Anruf verfehlt seine Wirkung nicht: Die Fragen des Reporters machen die Staatsanwaltschaft nervös, der Zeuge wird nicht aufgerufen, die Anklage gegen den Dealer fallen gelassen. Und Gary Webb wittert die ganz große Story.

Könnte es sein, dass die CIA in den Achtzigerjahren am Verkauf von Crack in die USA beteiligt war, um mit dem Gewinn die rechtsgerichteten Contra-Rebellen in ihrem Kampf gegen die sandinistische Regierung Nicaraguas zu unterstützen? Immerhin war bereits seit zehn Jahren bekannt, dass die Reagan-Regierung mit demselben Ziel geheime Waffengeschäfte mit dem Erzfeind Iran betrieben hatte. Offensichtlich war ihr jedes Mittel recht, um die kommunistischen Kräfte auf dem Kontinent zu schwächen. Warum also nicht auch der Verkauf harter Drogen an die eigene Bevölkerung?

Webb recherchiert, reist nach Nicaragua, redet mit einem inhaftierten Drogenbaron und setzt Stück für Stück das Puzzle zusammen. Zurück in den USA, kontaktiert ihn der Geheimdienst. Kühl versucht man ihm zu erklären, weshalb die finanzielle Unterstützung der Contras einem militärischen Einsatz vorzuziehen war, in dem etliche junge Amerikaner gestorben wären. „Etliche junge Amerikaner sind gestorben“, entgegnet Webb: „Nur nicht die, an denen Ihnen etwas liegt.“

Der Jäger wird zum Gejagten

Wenn er seine Untersuchungen veröffentliche, sei er erledigt, teilt man ihm mit. Das spornt Webb erst recht an. Er zieht sich mit Frau und Kindern in sein Ferienhaus zurück, während seine Zeitung die Bombe platzen lässt. Die Resonanz ist gewaltig. Das Thema beherrscht die Nachrichten und die nordkalifornische Journalistengilde wählt Webb zum Reporter des Jahres 1996. Doch dann wendet sich das Blatt.

Düpiert vom Scoop des Provinzblatts nehmen die überregionalen Zeitungen Webbs Artikel auseinander und drehen seine Befunde um. Aus dem Mittel – dem Drogenhandel – machen sie den Zweck: Die Regierung habe eine ganze Generation überwiegend schwarzer Vorstadtkids in die Drogensucht treiben wollen. Eine aberwitzige Verschwörungstheorie, gegen die sich Webb nun in Talkshows verwahren muss. Er selbst und sein Privatleben werden zum Gegenstand der Berichterstattung. Er fühlt sich verfolgt, ruft die Polizei. Die beschlagnahmt erst einmal Dokumente aus seinem Arbeitszimmer.

Idealbesetzung mit Jeremy Renner

Mit „Kill the Messenger“ wechselt der bislang vor allem als Produzent und Regisseur der Spionageserie „Homeland“ bekannte Michael Cuesta die Fronten und zeigt, wie Geheimdienstoperationen (die auch bei „Homeland“ häufiger scheitern als gelingen) von außen betrachtet erscheinen: als das verheerende Werk verantwortungsloser Hasardeure, deren Kaltblütigkeit nur von ihrem Vertuschungseifer übertroffen wird. Ihnen gegenüber steht mit Gary Webb ein ambivalenter, fehlbarer, zutiefst menschlicher Gegner.

Ohne dass Jeremy Renner dem echten Webb sonderlich ähnelte, ist er eine Idealbesetzung. Mit seinen Pausbacken und dem struppigen Bart gleicht er weniger einem Hollywood-Helden à la Brad Pitt als Rainer Werner Fassbinder an einem besseren Tag. Sein Selbstbewusstsein, sein Stolz, seine Sturheit sind glaubhaft, und doch scheint er stets nur eine kurze Kette von Fehlentscheidungen von einer verkrachten Existenz entfernt.

Die wahre Begebenheit inszeniert Michael Cuesta als packenden Politthriller und ebnet dafür manches ein, was nicht in sein Narrativ passt. Großteils übergangen wird etwa die inhaltliche Kritik an Gary Webbs Enthüllungen, die im Internet bis heute kontrovers diskutiert werden. Die Anstrengung, die Geschichte der Dramaturgie des Thrillers zu unterwerfen, ist immer wieder zu spüren – nicht zuletzt im Fehlen eines dritten Akts. Das System hat Gary Webb nicht zum Einsturz gebracht. Manche Geschichten sind wohl einfach zu wahr, um sie als Genrefilm zu erzählen.

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