Kultur : Turboverdichter

Wie haltbar ist Geschichte? Inka Parei erzählt in „Die Kältezentrale“ von der DDR im Jahr 1986

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Heizer sind in der deutschsprachigen Literatur, von Kafka bis Hilbig, vertraute Figuren; Männer, die für Kälte sorgen, eher nicht. „Kälte herstellen, hatte der Mann, der mich anwarb, unsere Tätigkeit damals genannt", erinnert sich der namenlose Protagonist in Inka Pareis neuem Roman „Die Kältezentrale“. „Aber wir waren nicht produktiv. Arbeit am Klima ist die ständige Überwachung eines Ist-Zustandes. Man sorgt dafür, dass die Dinge stabil bleiben.“

In der DDR herrschte an unproduktiven Überwachungstätigkeiten bekanntlich kein Mangel. Elf Prozent des Nationaleinkommens wurden damals dafür ausgegeben, belehrt einen der Ich-Erzähler. In der gesamtdeutschen Gegenwart hat er es inzwischen über den zweiten Bildungsweg vom Mechaniker zum Lehrer für Deutsch und Geschichte gebracht. Zwanzig Jahre nach seiner Ausbürgerung schämt er sich für seine damalige Tätigkeit: „Der Grund für mein Gefühl war nicht der Umstand, dass ich einem politischen System, das heute weitgehend abgelehnt wird, so nahe war. Sondern dass ich diese Tatsache damals nicht begriffen hatte. Ich war Teil von etwas gewesen, ohne zu verstehen, was es war.“ Verdächtig flott kommt das daher, allzu politisch korrekt. Was bleibt hier ausgeblendet?

Die Männer der „Kältezentrale“, zu denen Pareis Held einst gehörte, arbeiteten nicht irgendwo. Mit ihren drei großen „Turboverdichtern“ sorgten sie dafür, dass im Redaktionshaus des „Neuen Deutschland“ am Franz-Mehring-Platz in Berlin Druckmaschinen und Redakteursköpfe nicht heiß liefen. „Die manchmal äußerst heiklen Entscheidungen auf der Leitungsebene der Redaktionen, bei denen im Extremfall die Auslassung oder unangemessene Verwendung eines einzigen Wortes weitreichende Folgen haben könnte, erklärte er mir in der ersten Woche, führten immer wieder dazu, dass das Empfinden Einzelner sich derart stark sensibilisiere, dass nur noch eine ganz bestimmte Temperatur den Betroffenen erträglich erscheine. Alles, was knapp darüber oder darunter liege, werde dagegen als Zumutung empfunden.“

In Pareis inzwischen dritten Roman geht es um die anhaltenden Strapazen der Regulation – buchstäblich wie metaphorisch. Es geht um Verhaltenslehren der Kälte, um technische und emotionale Störfälle, um die Angst vor Kontrollverlust. Und um die Unfähigkeit geschlossener Systeme, sei es die DDR oder das individuelle Bewusstsein, sich wie „von außen“ sehen zu können. Das muss auch Pareis Protagonist erkennen, der im Heute nach einem psychischen Absturz in einer Klinik versucht, seine Erinnerungen zu ordnen. Am Ende weiß er, dass er ihnen nicht trauen kann, dass sich seine Vergangenheit in den labyrinthischen Windungen der Klimaschächte im „ND“-Gebäude verliert. Den roten Faden sucht auch der Leser, einmal mehr beeindruckt von Sprachmächtigkeit, Einfühlungsvermögen und literarischem Anspruch Inka Pareis. Schon die vorangegangenen Romane der 1967 in Frankfurt am Main geborenen Autorin, „Die Schattenboxerin“ (1999) und „Was Dunkelheit war“ (2005), waren so etwas wie Turboverdichter deutscher Geschichte, in denen sich Persönliches und Gesellschaftliches amalgamierten. Auch im neuen Roman überlagern sich die Zeitebenen: die Ereignisse in der DDR 1986. Das erinnerungslose Nachwendeleben des Ich-Erzählers in Baden-Württemberg samt trostloser Ehe mit einer Westdeutschen, beidseitige Vorurteile inklusive. Und schließlich die dem Absturz unmittelbar vorangegangenen, wie halluziniert erlebten letzten Tage in Berlin.

Hier aber wird es problematisch, weil nicht zusammenwächst, was offenbar für Parei zusammengehören soll. Diese letzten Tage sind ein klassischer Wettlauf gegen die Zeit: der Versuch der Hauptfigur, den Krebstod seiner ostdeutschen Ex-Freundin aufzuhalten. Marthas Anruf aus dem Krankenhaus, ihre Bitte, nach einem seinerzeit verstrahlten Lastwagen auf dem „ND“-Gelände und einem ehemaligen Kollegen, Hansmann, zu suchen, öffnet für den Protagonisten die Tür zum Kühlhaus seines Gedächtnisses. Zu den bis dahin ignorierten, konservierten Erinnerungsbrocken an ein früheres Leben in einem nicht mehr existierenden Land, darunter seine Schuldgefühle wegen Hansmanns vermeintlichem Selbstmord. Doch wie haltbar ist Geschichte?

Lkws aus der DDR, die nach dem GAU in Tschernobyl verstrahlt aus der Ukraine zurückkamen, gab es tatsächlich; auch fiel ihre Kontaminierung erst sehr spät auf. Dieser Einfall Pareis ist nach Fukushima also nicht nur aktuell, sondern auch historisch glaubhaft. An jenem Nachmittag im Jahr 1986 wäre in der Nähe des Lastwagens sein erstes Date mit Martha gewesen; stattdessen ging der Ich-Erzähler in der Kühlzentrale einem eingebildeten Geräusch nach. Dass sein und Marthas Leben anders verlaufen wäre, hätte er seiner Angst nicht nachgegeben, wird ihm erst auf seiner Suche nach Hansmann in der Gegenwart bewusst. Ebenso dass es der kranken Martha offenbar mehr um den tot geglaubten Hansmann als um die Frage geht, ob sie damals, als sie heimlich in den Lastwagen kletterte, verstrahlt wurde.

So atemlos man diesem verzweifelten Versuch, den Zerfall der eigenen Identität aufzuhalten, folgt, die Verbindung zwischen dem Plot und dem historisch-politischen Hintergrund wirkt nicht überzeugend. „Meine Vergangenheit ist ganz anders als das, was euch, den Nachfolgenden, in Büchern und Filmen gezeigt wird“, glaubt Pareis Hauptfigur. Doch inwiefern? Die merkwürdig diffus bleibende Angst der Arbeiter vor einem Kollegen, der für die Stasi arbeiten soll, genügt da kaum. Eindringlich beschreibt Parei den rauen Werksalltag im Schichtbetrieb, das Mobbing der älteren Kollegen gegen jeden Neuen, ihre Rituale des Machterhalts – aber was ist daran DDR-typisch? Auch für ihre Hauptmetapher, die maschinelle Produktion von Kälte zur Erhaltung des Status quo, gilt: Nicht nur die Köpfe von „ND“-Redakteuren bedurften und bedürfen beizeiten der Kühlung.

Inka Parei:

Die Kältezentrale.

Roman. Schöffling, Frankfurt/Main 2011. 216 Seiten, 19, 95 €

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