Ulrich Raulffs Buch "Das letzte Jahrhundert der Pferde" : Hufschlag in der Dämmerung

Von Menschen und Pferden: Ulrich Raulff, der Leiter des Literaturarchivs in Marbach, erzählt vom Ende des kentaurischen Pakts.

Jakob Hessing
Trautes Getrappel. Pferde waren ein Kulturmotor des Menschen.
Trautes Getrappel. Pferde waren ein Kulturmotor des Menschen.Foto: picture alliance / dpa

Über 6000 Jahre hat der Mensch in Symbiose mit dem Pferd gelebt, und zu den Zeichen einer sich wandelnden Moderne gehört es, dass auch diese Verbindung mit der Natur sich unumkehrbar aufgelöst hat. Der Kulturwissenschaftler Ulrich Raulff, Direktor des Literaturarchivs Marbach, zeigt den Vorgang in seiner tiefen Dialektik: Die Kultur, der das Pferd weichen muss, wäre kaum entstanden, wenn es den Menschen nicht buchstäblich bis in die Gegenwart getragen hätte.

Für den Bund von Mensch und Pferd wählt Raulff die schöne Metapher vom „kentaurischen Pakt“. Sie verwandelt den mythologischen Kentauren, ein Mischwesen aus Pferd und Mensch, das noch von wilder Natur beherrscht wird , in ein kulturelles Projekt. Der Mensch hat das Pferd nicht domestiziert, um es wie viele andere Tiere schließlich zu verspeisen, er hat es zu seinem Partner gemacht, um mit ihm die Welt zu erobern.

Diese These wird zunächst in historischen Längs- und Querschnitten vorgeführt, und da es Raulff um das Ende des kentaurischen Pakts geht, konzentrieren sich seine Beispiele auf das 19. und 20. Jahrhundert. Ein lehrreicher Ansatzpunkt ist die Geschichte der Vereinigten Staaten, an der sich Glanz und Elend dieses Pakts gut zeigen lassen. Zwei Kriege bestimmen diese Geschichte: der kurze Bürgerkrieg (1861-1865) zwischen den Nord- und Südstaaten, aus dem die Union gefestigt hervorgegangen war; und der lange Krieg gegen die Indianer, in dem die Ureinwohner Nordamerikas ihr Land verloren.

Die Pferde kamen mit den Conquistadoren

Nicht zufällig widmet Raulff diesen Ereignissen einige ausführliche Kapitel. Sie beginnen mit der Zerstörung eines Mythos: Die Indianer waren ursprünglich keine Reitervölker. In Amerika hat es lange keine Pferde gegeben, sie kamen erst mit den Conquistadoren auf den Kontinent und verbreiteten sich erst spät, nach dem Aufstand der Pueblo-Indianer, auch im Norden. Für Raulff ist das von höchstem Interesse, denn hier, in der historischen Synopse, lässt sich der kentaurische Pakt von seinem Anfang und zugleich von seinem Ende her beobachten.

Ulrich Raulff ist Autor und Leiter des Literaturarchivs in Marbach.
Ulrich Raulff ist Autor und Leiter des Literaturarchivs in Marbach.Foto: Bernd Weißbrod/dpa

Während die Indianer in kürzester Zeit lernten, Tiere zu reiten, die ihnen bislang unbekannt waren, stand ihnen eine amerikanische Kavallerie gegenüber, der die natürliche Reitkunst der Eingeborenen zunächst große Schwierigkeiten machte. Wie im Zeitraffer prallten die Früh- und Spätphasen des kentaurischen Paktes aufeinander, und dass die Kavallerie schließlich die Oberhand gewann, lag keineswegs an ihren reiterlichen Fähigkeiten. Ihren Sieg verdankte sie den modernen Waffen der industriellen Revolution, die längst eingesetzt hatte und bereits das Ende des Pferdezeitalters ankündigte.

In der Tragik des kentaurischen Paktes zeichnet sich das Schattenbild der Menschheitsgeschichte ab. Indem er das Pferd zu seinem Partner erhob, bewahrte der Mensch es vielleicht davor, im Kochtopf zu enden. Dafür opferte er es aber seiner bösesten Eigenschaft: dem Zwang zur Kriegsführung, zur gegenseitigen Vernichtung. Dieser Zwang hindert den Menschen auch daran, aus seiner Vergangenheit zu lernen. Ein großes Thema des Buches ist der Niedergang der Kavallerie, und in der von Raulff geschilderten Geschichte musste er mehr als einmal stattfinden. Schon an den Geschehnissen in Amerika hätte sich studieren lassen, dass die Pferde im modernen Krieg dem Tod geweiht waren, doch niemand scheint es bemerkt zu haben.

Im Ersten Weltkrieg starben acht Millionen Pferde

Im Ersten Weltkrieg starben acht von 16 Millionen eingesetzten Pferden, und noch im Zweiten Weltkrieg kamen allein auf deutscher Seite fast zwei Millionen Pferde um. An der Ostfront, wo es kaum gepflasterte Straßen gab, mussten sie als Zugtiere arbeiten.

Raulffs Abschied von den Pferden ist weit mehr als eine historische Rückschau. Er erzählt nicht nur, wie sie aus unserer Welt verdrängt wurden, er zeigt auch, wie sie sich unserem kollektiven Gedächtnis eingeprägt haben. Einige der schönsten Seiten des Buches sind der Literatur gewidmet: Ob in Goethes Werther, Kleists Michael Kohlhaas oder Kafkas „Ein Landarzt“, ob in Flauberts „Madame Bovary“, Tolstois „Anna Karenina“oder Fontanes „Effi Briest“ – immer sind es auch die Pferde, an denen sich der Untergang einer Welt abzeichnet.

Nicht nur Worte, sondern auch Bilder halten sie fest, und viele sind im Buch reproduziert. Während die Literatur von Pferden erzählt, um die Misere der menschlichen Gesellschaft anzudeuten, zeigt die Pferdemalerei des 19. Jahrhunderts eine andere Tendenz. Die Maler erfüllten das Postulat des Realismus. Sie strebten eine fotografisch genaue Darstellung der physiologischen Abläufe an, die die Bewegung des Pferdes bestimmten.

Für meine Mutter, die Pferde liebte und verstand

Ohne dass es ihnen bewusst war, malten sie damit bereits die Todesanzeige einer ganzen Welt. Berühmt ist „La machine animale“ geworden, das Werk des französischen Physiologen Etienne-Jules Marey, das 1873 erschien: Sein Titel nahm um Jahrzehnte voraus, welchen Kräften das Pferd schließlich weichen musste.

Eine teils offene, teils verborgene Melancholie liegt über dem Buch. „Die Verbindung von Pferd und Reiter ist eines der ältesten und stärksten Symbole der Herrschaft“, heißt es einmal; und gleich darauf: „Bis tief in die Dämmerung des Pferdezeitalters behielt das Reiten als Metapher seine Kraft.“ Seine Kraft gewinnt das Buch aus der persönlichen Verbindung des Autors zu seinem Thema. Beim Lesen wird schnell spürbar, dass Raulff in seiner Kindheit mit Pferden gelebt hat. Sie stehen ihm nahe, und das macht es ihm möglich, die alte Welt in all ihrer Farbigkeit noch einmal erstehen zu lassen. Im ländlichen Westfalen der Nachkriegszeit aufgewachsen, hat er noch Klänge im Ohr, die später, als es die Pferde nicht mehr gab, verstummt waren.

Die Einleitung zu seinem Buch heißt „Der lange Abschied“, und sie endet mit den Sätzen: „Geschrieben habe ich das Buch für meine Mutter, die die Pferde liebte und verstand. Ob es ihr gefallen hätte, werde ich nie mehr erfahren. Zehn Jahre sind vergangen, seit ich es sie zuletzt hätte fragen können.“ Man achte auf die Kadenz dieser Worte – „seit ich es sie zuletzt hätte fragen können“: So hat er geklungen, der Hufschlag der Pferde.Jakob Hessing

Ulrich Raulff: Das letzte Jahrhundert der Pferde. Geschichte einer Trennung. C. H. Beck Verlag, München 2015. 461 Seiten, 25,95 €.

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