Kultur : Und es waren Hirten auf dem Felde

800 Schafe, vier Hunde, drei Esel, zwei Schäfer: der Schweizer Dokumentarfilm „Winternomaden“.

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600 Kilometer legt der Schäfer Pascal Eguisier mit seiner Gefährtin Carole Noblanc und der Herde des Patrons in einer Saison zurück, auf der Suche nach Weidegrund. Die kräftigsten Schafe werden zum Schlachthaus abtransportiert, jede Woche ungefähr 50. Foto: Neue Visionen
600 Kilometer legt der Schäfer Pascal Eguisier mit seiner Gefährtin Carole Noblanc und der Herde des Patrons in einer Saison...

Wie lenkt man 800 Schafe über Wiesen und Weiden, tagelang, wochenlang? Ganz einfach, man erklärt eins der Tiere zum Leitschaf, hängt ihm eine Glocke um, gibt ihm einen Namen, ruft nach dem Tier und läuft ihm voran. Die anderen 799 folgen ihm garantiert auf den Fuß. Sollte ein weiteres Schaf Führungsqualitäten entwickeln, gibt man auch ihm einen Namen und organisiert noch eine Glocke. Es kann nicht schaden, ein Ersatztier zu haben.

Die junge Schäferin Carole lernt ihr Handwerk noch. Sie darf nicht zimperlich sein, denn ihr Partner, der ältere, erfahrene Wanderhirte Pascal, schimpft sie regelmäßig aus, wenn sie die Herde nicht zusammenhält und die Tiere sich in alle Winde zerstreuen. Zumal Titus, der wildeste Hund, gern zwischen die Schafsbeine rast, die Tiere zwickt und den gesamten Tross mit seinem Übermut durcheinanderbringt.

Carole und Pascal gehören zu den letzten ihrer Art. Mit vier Hunden, drei Lasteseln und der Herde ihres Patrons JeanPaul ziehen sie im Winter durch die französische Schweiz, vier Monate lang, 600 Kilometer weit, immer auf der Suche nach nahrhaftem Weidegrund unter dem Schnee. Die Schafe werden gemästet, nach ein paar Wochen kommt der Patron mit dem Viehtransporter und karrt 50 Tiere zum Schlachter, das macht er bis zum Schluss immer wieder. Von wegen Hirtenromantik: Der Viehtrieb dient dem Geschäft, ein wohlgenährtes Schaf bringt seinem Besitzer gutes Geld.

Archaik und Maloche: Manuel von Stürlers Dokumentarfilm „Winternomaden“ erzählt von einem Landleben mit uralter Tradition, mitten im Europa des 21. Jahrhunderts. Die Esel schleppen Zeltplanen, Felle und Kochgeschirr, einer rutscht aus, kann nicht weiterziehen und wird gegen einen anderen Esel ausgetauscht. Mit klammen Fingern schlagen Pascal und Carole in der Abenddämmerung unter Bäumen ihr Lager auf, sammeln Brennholz, versorgen die Hunde. Matsch und Schneeklumpen hängen unter den Bäuchen der Schafe, manche Wiesen sind derart aufgeweicht, dass sie knietief darin versinken.

Pascal trägt Hut und Wolltracht der Bergamasker Schäfer, seit 32 Jahren übt er den Beruf aus. Zur Nacht wäscht er sich mit Schnee, morgens steht er im eisigen Bach und putzt sich die Zähne. Carole zieht ihre rote Mütze tief in den Nacken, hält Mittagsschlaf am Baum, liest von den Eseln und Hunden umgeben dicke Bücher und trägt unter der Pelerine den kleinsten Hund durch die Gegend. An Heiligabend leisten sich die Hirten Austern aus dem Hypermarché, mit Stirnlampe im Regen am Lagerfeuer. An Silvester diskutieren sie in klarer Mondnacht mit ein paar Freunden über Partnerschaftsprobleme. Der Supermarkt führt auch Lamm aus Neuseeland, im Sonderangebot.

Der Schweizer Fotograf und Komponist Manuel von Stürler begleitete seine Protagonisten bereits im Jahr vor dem Dreh bei einer Hirtenwanderung. Geduldig schildert er in seinem bei der Berlinale uraufgeführten Regiedebüt die Mühsal des Viehtriebs. Die Kamera beobachtet nicht einfach, sie ist mittendrin und entwickelt ein feines Gespür für die raue Poesie dieser Winterreise. Pittoresk wird es nie. Im Dezember wurde „Winternomaden“ mit dem Europäischen Dokumentarfilmpreis ausgezeichnet.

800 Schafe, das ist ein mal zäher, mal quirliger Fluss, der sich über Wiesen und Felder ergießt, der Dörfer flutet, den Hügel hinabstürzt oder sich Wege um die Neubauviertel bahnt. Strukturwandel einer ländlichen Region, aus tierischer Sicht. Disneyland, sagt Pascal, wenn sie mal wieder auf eine gesichtslose Siedlung treffen. Mancher Bauer verbietet mittlerweile die Überquerung seiner Felder, andere haben die Weiden derart kräftig gedüngt, dass die Schafe das Gras nicht mögen. Wieder andere begrüßen die Hirten wie alte Freunde und bringen Selbstgebackenes nach draußen. Das Getrappel der Hufe auf gefrorenem Grund mischt sich mit dem Trotten der Esel, mit Wind- und Wettergeräuschen. Spröde, schöne Winterlandschaft, dezente Musik akzentuiert die Bilder.

Und es waren Hirten auf dem Felde: Vor allem Touristen geraten über das Schäferpaar ins Staunen. Zu viel Neugierde mögen Carole und Pascal aber nicht, schließlich ist ihr Arbeitsalltag unter dem schweren, trüben Winterhimmel weit entfernt von jeder Schäferidyllik. „Winternomaden“, dieser etwas andere Weihnachtsfilm, holt die biblische Statisterie rund um Jesu Geburt mitten in die Gegenwart. Jede Woche verkleinert sich die Schar der Tiere, mit langen Stangen werden die dicksten gnadenlos eingefangen. Kein schöner Anblick. Am Ende holt der Patron die letzten Schafe und fährt mit ihnen davon. Die Hirten schauen dem klappernden Wagen lange nach. Trennungsschmerz, Wehmut? Ach was, Pascal ist stolz darauf, dass die Käufer die Qualität des Fleischs dieses Jahr besonders loben.

Ende einer Dienstwanderung. Den Leitschafen bleibt das Schlachthaus übrigens erspart – im nächsten Winter werden sie wieder gebraucht.

OmU. Eva-Lichtspiele, Filmkunst 66, Lichtblick, fsk am Oranienplatz, Hackesche Höfe

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