Unfertige Großprojekte : Immer auf den Architekten

BER-Flughafen, BND-Zentrale, Elbphilharmonie – und demnächst das Schloss? Bei großen öffentlichen Bauprojekten explodieren regelmäßig die Kosten, der Terminplan läuft aus dem Ruder. Doch wer ist verantwortlich?

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Neuer Hauptstadt-Airport: Entgegen früherer Erklärungen des Aufsichtsratsvorsitzenden Klaus Wowereit und seines Vize Matthias Platzeck (beide SPD) wird das Projekt nun doch drastisch teurer als geplant.Alle Bilder anzeigen
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07.08.2012 12:10Neuer Hauptstadt-Airport: Entgegen früherer Erklärungen des Aufsichtsratsvorsitzenden Klaus Wowereit und seines Vize Matthias...

Es gab eine Zeit, da war es selbstverständlich, dass der Architekt ein Haus plante, den Bau organisierte und überwachte und bei der Einweihung den Schlüssel an den Bauherrn übergab. Die HOAI (Honorarordnung für Architekten und Ingenieure) kennt für den Ablauf neun „Leistungsphasen“, von der Grundlagenermittlung über Vorentwurf, Genehmigungsplanung, Ausführungsplanung und Bauüberwachung bis zur Objektbetreuung. Wenn etwas schiefging, wenn die Kosten oder die Terminierung aus dem Ruder liefen, lag die Schuld beim Architekten, das war klar.

Bei Großprojekten der Öffentlichen Hand werden die Verantwortlichkeiten heutzutage auf viele Schultern verteilt. Wenn der Architekt Glück hat, darf er die Ausführungsplanung erstellen. Die Ausschreibung an die Firmen machen andere. Die Bauleitung übernehmen spezielle Firmen, die Kosten- und Terminkontrolle liegt wieder in anderen Händen. Eines hat sich nicht geändert: Die Schuld wird immer noch beim Architekten gesucht. Wenn aus politischen Gründen Köpfe rollen sollen, wird nicht lange im Dickicht der Verantwortlichkeiten gestochert. Man schasst lieber die Galionsfigur, und das ist nun mal der Architekt.

Beim Bericht über eine Einweihung vergisst die Presse schon mal, den Architekten des Neubaus zu erwähnen. Wenn jedoch beispielsweise die Münchner Pinakothek der Moderne nach nur zehn Jahren aufwendig saniert werden muss, geht keine Meldung über den Ticker ohne den Hinweis, dass Stephan Braunfels den Bau entworfen hat. Die Risse im Beton, wird suggeriert, sind ihm anzulasten. Nicht der Baufirma, die vielleicht eine falsche Mischung eingebracht hat oder an der Bewehrung sparte, nicht der Bauleitung, die zu prüfen vergaß, nicht dem Statiker, der möglicherweise die üblichen Dehnungsfugen „weggerechnet“ hat.

Die Schweizer Stararchitekten Herzog und Pierre de Meuron bauen in aller Welt , zum Beispiel die Allianz Arena in München oder die Tate Modern in London. Seit geraumer Zeit ist Pierre de Meuron hauptsächlich damit beschäftigt, sich der Vorwürfe zu erwehren, die ihn wegen der exorbitanten Kostensteigerungen und Terminverschiebungen bei der Elbphilharmonie in Hamburg treffen. Mittlerweile ist halbwegs klar, dass die Schuldigen im Rathaus sitzen. Mit beispiellosem Dilettantismus hat man dort gravierende Fehler gemacht: So schrieb man die Arbeiten ohne endgültige Planvorgaben aus. Dass Firmen sich nachträgliche Änderungen gnadenlos bezahlen lassen, weiß jeder Fachmann. Hochtief in Hamburg machte da keine Ausnahme und zog die städtische Realisierungsgesellschaft über den Tisch. Und Nachträge gab es zuhauf. So orderte der Bauherr unter anderem zwei weitere Konzertsäle ... Während der Beauftragung, der Planung, der Bauzeit und auch beim Konfliktmanagement sitzen den hoffnungslos überforderten Verantwortlichen eines Senats immer versierte Profis gegenüber, darunter viele Juristen. Die Zeche zahlt der Steuerzahler. Und das Architekturbüro, in dessen Kalkulation jahrelange Rechtsstreitigkeiten nicht eingepreist sind.

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