Uraufführung in Rheinsberg : Schönheit hinter Glas

Musiktheater als Anti-Avantgarde: Die Kammeroper Rheinsberg bringt Marc-Aurel Floros' „Adriana“ mit einem Libretto von Elke Heidenreich zur Uraufführung.

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Leben, Lieben, Leiden. Geht auch in Rheinsberg. Szene aus "Adriana".
Leben, Lieben, Leiden. Geht auch in Rheinsberg. Szene aus "Adriana".Foto: dpa

Lauernde Töne, langgezogen, liegend. Grummeln und Murmeln im Orchester. Raunende Streicher, als sei's der Beginn einer Wagner-Oper, „Rheingold“ oder „Siegfried“. Dann springt ein Typ auf den weißgedeckten Festtisch. Athletisch, mit Halskette und Kreuzköllner Hipsterbart. Er grinst, in seinen Augen flackert was Irres. Es ist Luke Sinclair als Julian, einer der beiden Brüder, die in dieser Oper um eine Frau streiten. Romantiker, Libertin, Cellist, drogenabhängig, verschuldet.

Nein, dies ist kein Wagner. Sondern etwas ganz Heutiges. Zumindest will es das sein. „Adriana“ heißt das Werk von Komponist Marc-Aurel Floros und Librettistin Elke Heidenreich, das die Kammeroper Schloss Rheinsberg jetzt uraufgeführt hat – im ersten Jahr unter der neuen Leitung von Frank Matthus. Wegen der nachts empfindlich gestürzten Temperaturen findet die Premiere leider nicht im Schlosshof statt, sondern in der nach dem Festivalgründer und Vater des neuen Chefs benannten Siegfried-Matthus-Arena.

Es ist ein Stück mit Vorgeschichte. 2008 wollte die Oper Köln „Adriana“ zeigen, doch Floros wurde krank und konnte die Partitur nicht beenden. Jetzt also, sieben Jahre später, der zweite Anlauf. Heidenreich – Schriftstellerin, Literaturkritikerin, leidenschaftliche Opernliebhaberin – und Floros kennen sich schon lange. Was sie eint: das Anliegen, Oper müsse ohne antike Mythen auskommen, mit Stoffen, die aus unserer pochenden Gegenwart entstanden sind. Und die Musik müsse wieder unmittelbar ins Herz treffen, aufs Gefühl zielen.

An sich eine sympathische Unternehmung. Aber kann man das Rad der Zeit zurückdrehen, ohne mehr als schalen Aufguss, Epigonales zu produzieren? Die Avantgarde sei „geboren aus dem Entsetzen und den Katastrophen des 20. Jahrhunderts“, schreibt Floros. Diese könne sie auch hervorragend ausdrücken. „Aber damit sind ihre Möglichkeiten erschöpft. Eine Dissonanz kann nur eine Dissonanz sein, wenn auch konsonante Momente auftreten.“

In Elke Heidenreichs Libretto steht eine junge Frau, Adriana, zwischen zwei Männern. Sie liebt Julian, steht aber kurz davor, dessen Bruder Leander zu heiraten. Der bietet Sicherheit, hat Geld, ist aber skrupellos. Seine Lieblingsbeschäftigung: mit dem Aktienhändler telefonieren. Dazu noch ein kommentierendes mittelaltes Paar, Fanny und Bruno, und Adrianas alles verzeihender Vater, der Selma, ihre Mutter, wieder aufnimmt, obwohl sie die Familie einst verlassen hat. Das „hohe Paar“, wie bei Mozart. Verdi lässt auch grüßen, denn was bei ihm vorgeprägt ist – der Bariton sperrt sich gegen das Glück von Tenor und Sopran – findet sich auch hier wieder.

Und es gibt noch mehr Vorbilder: Der Gesang der Celli zu Beginn des zweiten Aktes ruft Tschaikowsky auf, das lautmalerische Klingeln des Telefons Francis Poulencs „La Voix Humaine“. Floros Musik, von Judith Kubitz und der Kammerakademie Potsdam in gelungener Balance aus Kontrolle und Leidenschaft umgesetzt, strömt unablässig, rauschhaft, süffig dahin, setzt voll auf den Streicherteppich, der selten abreißt, um – in den überzeugendsten Momenten – einem Perkussionsgewitter Platz zu machen. Dies ist sicher mehr als durchkalkulierte und effektoptimierte Filmmusik. Aber gerade weil sie unablässig Emotionen behauptet, weil sie den Hörer ständig drängt „Empfinde doch was!“ kann sie eigentlich gar nicht berühren.

Regisseur Bernd Mottl lässt die Szene ausschließlich am Hochzeitstisch spielen, Friedrich Eggert hat ihm dazu opulente, leicht anironisierte Kostüme geschneidert. Schade nur dass die Damen mit den prachtvollsten Hüten am wenigsten zu singen haben. Die Aufführung krankt daran, dass sie kein wirkliches Zentrum hat. Julia Bachmann als Adriana füllt diese Rolle nicht aus. Weil sie eine Frau verkörpert, die kaum zerrissen, nicht überfordert ist von den Ansprüchen zweier Brüder und der plötzlich zurückkehrenden Mutter, sondern die immer zu wissen scheint, was als nächstes zu tun ist.

Philipp Mayer legt den Leander zum Glück vielschichtigerer und weniger als Karikatur an, als es die Lektüre des Librettos vermuten lässt, singt aber mit leiser Stimme, die zudem zu niedrig liegt für diese Partie. In die Höhe muss er sich hinaufwuchten. Was für Sophia Theodorides – eine Fanny im 60er-Jahre-Chic mit Bubikopf und brunnentiefen Augen, die die viele spitze Ausrufe zu singen hat – kein Problem ist.

Aber dennoch ist das sängerische Niveau – die Kammeroper hält sich viel auf ihre Nachwuchsarbeit zugute – ausbaufähig. Am ehesten überzeugt Luke Sinclairs lebensnaher Julian im schluffigen Parka, der barfuß zur Hochzeit kommt – obwohl sein Bruder ihm Geld gegeben hat, damit er verschwindet. Julian ist ein Renegat, er sperrt sich erfolgreich gegen die Ästhetik dieser Oper.

In „Adriana“ schimmert Elke Heidenreichs Sehnsucht nach Schönheit, nach Poesie in jeder Textzeile durch. Aber Sentenzen wie „Wir haben zwei Leben, eines das wir leben, und eines, das wir träumen“ oder „Ich bin ein Fluss und kenne meine Ufer nicht“ stanzen das Stück seltsam fest, lassen es in Poesie erstarren, rücken es weg, machen es blutleer, klassizistisch. So schleicht sich die Antike durch die Hintertür doch wieder ein, da hilft auch kein Schwenken mit dem iPad. Es ist eine Schönheit hinter Glas.

Wieder am 7./8. August, Weitere Infos: www.kammeroper-schloss-rheinsberg.de

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