Kultur : Vater, Mutter, Tod

Im Kino: „Willkommen bei den Rileys“

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Spieglein, Spieglein. Kristen Stewart und Melissa Leo. Foto: Arsenal Filmverleih
Spieglein, Spieglein. Kristen Stewart und Melissa Leo. Foto: Arsenal Filmverleih

Trauer lässt sich nicht verdrängen, man muss sich ihr stellen. Von diesem Glauben ist das Familiendrama „Willkommen bei den Rileys“ durchdrungen. Als der Klempner Doug Riley in einem Stripclub in New Orleans die Gelegenheitsprostituierte Mallory trifft, sagt er: „Ich bin nicht der Funtyp.“ Er will keinen Sex, er will nur reden. Der Fun verschwand aus seinem Leben, als seine Tochter bei einem Unfall starb. Mallory, eine jugendliche Ausreißerin, erinnert ihn an diese Tochter, deshalb beginnt er sich um sie zu kümmern, zieht zu ihr in ein Abbruchhaus, repariert ihren Stromanschluss, gibt ihr Geld. An dieser Stelle könnte, wie in „Pretty Woman“, schon das Happy-End folgen, die Errettung eines gefallenen Mädchens aus der Gosse. Aber „Willkommen bei den Rileys“ ist kein Märchen.

Riley wird von James Gandolfini gespielt, der als Mafia-Pate in der Fernsehserie „Die Sopranos“ bekannt geworden ist. Sein Bierbauch, der sich unter unmodischen Sweatshirts wölbt, lässt ihn wie einen freundlichen Kumpeltypen wirken. Doch die Gemütlichkeit ist bloß ein Panzer, erst auf den zweiten Blick wird die abgrundtiefe Traurigkeit des Mannes sichtbar. Der Film beginnt in der Provinzstadt, in der Riley lebt. Er trifft sich mit seiner Geliebten, kurz darauf stirbt sie. An ihrem Grab weint er keine Träne, auf demselben Friedhof liegt auch die Tochter. Rileys Name ist bereits auf dem Grabstein eingemeißelt. Nur das Todesdatum fehlt noch.

„Willkommen bei den Rileys“: Die Floskel auf dem Klingelschild des Ehepaars ist ein Witz. Denn seit dem Tod der Tochter sind die Rileys keine Familie mehr, und willkommen kann sich bei ihnen keiner fühlen. Die traumatisierte Mutter hat seither das Haus nicht mehr verlassen. Melissa Leo, die in diesem Jahr für „The Fighter“ den Oscar als beste Nebendarstellerin bekam (siehe Seite 28), spielt sie mit fast somnambuler Entrückung. „Wir leben noch“, ruft ihr Mann ihr zu. Aber sie traut sich nicht einmal in die Garage, wo er auf einem Klappstuhl übernachtet, um ihrem Schweigen zu entgehen. Seine Fahrt zu einem Kongress nach New Orleans ist die Flucht aus der klaustrophobischen Enge dieser Gespensterehe.

Ausgerechnet New Orleans, die kaputte, vom Hurrikan Katrina geschundene Stadt, wird zum Schauplatz einer Wiedergeburt. Als Riley seine Firma verkauft, um bei Mallory (Kristen Stewart) bleiben zu können, fährt seine Frau ihm hinterher. Beim Aufbruch – eine wunderbare Slapsticknummer – demoliert sie, hin- und hergerissen zwischen Euphorie und Panikattacken, sein Auto. Am Ende kommen Herr und Frau Riley einander wieder näher, mit Mallory als Ersatztochter könnte die Familie komplett sein. Aber das Mädchen will kein neues Leben beginnen. Regisseur Jake Scott, Sohn des großen „Blade Runner“-Schöpfers Ridley Scott, hat mehr als zehn Jahre nach seinem Debüt mit dem Historienkrimi „Plunkett & Macleane“ einen zweiten Film gedreht, der eine frohe Botschaft hat. Liebe, behauptet „Willkommen bei den Rileys“, ist stärker als der Tod. Christian Schröder

Broadway, Eiszeit, Kulturbrauerei; OmU im Central und Rollberg

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