• Verlage Haffmans & Tolkemitt und Rogner& Bernhard insolvent: Große Erwartungen, kleine Erträge

Verlage Haffmans & Tolkemitt und Rogner& Bernhard insolvent : Große Erwartungen, kleine Erträge

Die Popkultur hilft da nicht weiter: Nach dem Produktionsstopp bei Metrolit sind nun die Verlage Haffmans & Tolkemitt und Rogner & Bernhard insolvent.

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Verlagsprogramm-Cover von Haffmans&Tolkemitt aus dem Jahr 2011
Verlagsprogramm-Cover von Haffmans&Tolkemitt aus dem Jahr 2011Foto: vERLAG

Als der Aufbau Verlag vergangenen Sommer seinen 70. Geburtstag feierte, wurden seine Leiter Gunnar Cynybulk und Reinhard Rohn häufig nach den Verlagslabels Blumenbar und Metrolit gefragt. Der eine, Blumenbar, gehört direkt zur Aufbau-Verlagsgruppe, der andere wurde 2013 von Aufbau-Eigner Matthias Koch mit zwei Gesellschaftern neu gegründet und eigenständig geführt. Als „Cousins“ bezeichneten Cynybulk und Rohn die Verlage, nicht zuletzt ihrer ähnlichen Programmatik wegen, stark Richtung Popkultur gehend, ein jüngeres Publikum ansprechend. Inhaltliche Überschneidungen? Ach iwo, da ging mehr die Rede, die Verlage würden sich „ergänzen“.

Ein paar Monate später, Anfang November, stellte sich es sich doch anders dar. Der Metrolit Verlag wurde vorerst auf Eis gelegt, seine Produktion gestoppt, um ihn eines fernen Tages „neu zu positionieren“, wie es aus dem Aufbau-Haus hieß. Der Grund: Der Verlag sei den wirtschaftlichen Erwartungen nicht gerecht geworden; Erwartungen, die höher waren, als ihnen ein Bestseller wie Ernst Haffners „Blutsbrüder“ (eine Wiederentdeckung aus den Dreißigern) und Bücher wie Alexander Hackes Erinnerungen, das „Rolling-Stone“–Buch oder Ian Svenonius „22 Strategien zur Gründung einer erfolgreichen Rockband“ gerecht werden konnten; alles Bücher wohlgemerkt, die keine potenziellen Bestseller sind, die sich sowieso nur selbst rechnen können.

Till Tolkemitt sagt: "Unser Optimismus war zu groß"

Peter Graf, der mit seiner Kollegin Anais Walde Metrolit-Mitgesellschafter war und den Verlag leitete, hat seine Anteile abgegeben und das Aufbau-Haus zum Jahresende verlassen. In einem Interview mit dem Branchenmagazin „Buchreport“ bezeichnete er den Schritt, den Verlag vorläufig einzustellen, als „falsch“ und sagte: „Meine persönliche Einschätzung ist, dass wir sehr viel erreicht und mehr Zeit benötigt hätten, um uns in den nächsten ein, zwei Jahren auch wirtschaftlich zu konsolidieren. Aber diese Bewertung hat sich letztendlich nicht durchgesetzt und es fehlte an anderer Stelle der Glaube, dass die Stellung, die der Verlag sich erarbeitet hat, sich rasch in ein positives Geschäftsergebnis ummünzen lässt.“

Tatsächlich hat Graf es in der kurzen Zeit geschafft, Metrolit eine Corporate Identity zu geben, dem Verlag einen hohen Wiedererkennungswert zu schaffen, ohne dass sich das wohl ökonomisch halbwegs erfolgreich darstellen konnte. Ähnliches ist nun den ebenfalls in Berlin ansässigen Verlagen Haffmans & Tolkemitt und Rogner & Bernhard widerfahren, die vergangene Woche beim Amtsgericht Charlottenburg Insolvenz beantragt haben. Nachdem Haffmans & Tolkemitt 2011 den Verlag Rogner & Bernhard von seinen damaligen Eigentümern Jakob Augstein und Johanna von Rauch übernommen hatte, schienen diese Verlage unter einem Dach mit Till Tolkemitt als Geschäftsführer ebenfalls auf einem guten Weg, ein eigenständiges Profil zu entwickeln, wie bei Metrolit in den Segmenten Popkultur, Internetkultur, Graphic Novel und Obskures. In diesem, nun von der Insolvenz überschatteten Frühjahr erscheinen dort zum Beispiel Bücher von Joachim Lottmann, eine Graphic Novel mit Edward Snowden als Hauptfigur oder Rainer Schmidts „Cannabis GmbH“-Fortsetzung „Legal High“.

Die Bilanz des Buchmarktes insgesamt lag 1,7 Prozent unter der des Vorjahres

Doch wie es Till Tolkemitt nun sagt: „Unser Optimismus war zu groß“. Letztendlich hat es auch hier ökonomisch nicht gestimmt, nur dass bei Haffmans & Tolkemitt kein Großeigner im Hintergrund – wie im Fall von Metrolit wohl Matthias Koch – die Reißleine gezogen hat, sondern Tolkemitt als Geschäftsführer: „Der geplante Umsatz ist ausgeblieben, und mir persönlich war es finanziell nicht möglich, das schlechte letzte Jahr auszugleichen.“ Tolkemitt nennt ein ganzes Bündel von Gründen, warum es nicht hingehauen hat, von ausbleibenden Verkaufszahlen über eine gekündigte Bankkreditlinie bis hin zu den hohen Rabatten für Amazon, kurzum: den immer schwerer werdenden Konditionen, denen Verlage ausgesetzt sind. Er ist jedoch zuversichtlich, dass nach dem Insolvenzverfahren, das der seinerzeit auch für Suhrkamp zuständige Rolf Rattunde verwaltet, es einen seiner Verlage, wenn nicht gar beide, noch geben wird, nach dem Einstieg eines oder mehrerer Investoren, versteht sich.

Letztendlich bestätigen die Einstellung von Metrolit und die Insolvenz von Haffmans & Tolkemitt/Rogner & Bernhard nur die mäßige Bilanz des Buchmarktes im Jahr 2015, dessen Ergebnis 1,7 Prozent unter dem des Vorjahres lag. Was weniger an der Digitalisierung liegt, die die Branche gut zu meistern scheint, sondern daran, dass es 2015 keine alles überragenden Einzeltitel gegeben hat, einen Harry Potter oder Ähnliches.

Das wiederum interessiert die kleineren Verlage zwar nicht, aber auch sie benötigen hin und wieder, wenn nicht gar regelmäßig Ausreißer nach oben – insbesondere jene Verlage mit einem größeren Programm von zehn bis 16 Titeln pro Jahr, Verlage, die nicht nur eine Nische bedienen wollen, in denen die Selbstausbeutung ein vernünftiges Maß nicht überschreiten soll. Die Titel, die Metrolit und Haffmans und Co in Zukunft erst mal nicht veröffentlichen, erscheinen sicher in anderen Verlagen, von denen es gerade im Bereich der Independent- und Kleinverlage immer noch überraschend viele gibt. Doch an den strukturellen Problemen und einem schwierigen Markt ändert das nichts.



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