Vermisste Kilos : Wo sind die dicken Opernsängerinnen?

Einst hatten sie die Lizenz zur Leibesfülle - heute müssen die Diven schlank sein. Wie konnte es nur dazu kommen?

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Die Opernsaengerin Montserrat Caballe im Juli 20014 in Berlin.
Die Opernsaengerin Montserrat Caballe im Juli 20014 in Berlin.Foto: Fabian Matzerath/ddp

Wo sind eigentlich die dicken Opernsängerinnen geblieben? Ewig nichts mehr gehört von Jessye Norman, der primadonna assoluta der Neunzigerjahre, die mit ihrem flutenden, aus einem Meer rauschender Seide aufsteigenden Sopran einst die Massen faszinierte. Norma Fantini, Jane Eaglen, Deborah Voight, Alessandra Marc, Sharon Sweet: Wahrhaft bühnenfüllende Erscheinungen waren das. Die humorbegabte Montserrat Caballé pflegte bei Liederabenden stets die selbstironische Slapstickeinlage einzubauen, bei der sie sich in all ihrer Korpulenz in die Einbuchtung des Flügels, die sogenannte Diven-Kuhle schmiegte, um gleich darauf mit schreckgeweiteten Augen so zu tun, als habe sie versehentlich das Instrument verschoben.

Jessye Norman im Jahr 2006
Jessye Norman im Jahr 2006Foto: ddp

In lebhafter Erinnerung ist dem Autor dieser Zeilen eine Verdi-Aufführung in der Lindenoper, bei der ein schmächtiges Tenörchen neben der 1,80 Meter im Würfel messenden Titelheldin sein „celeste Aida, forma divina“ flötete. Durch die übliche Optik der Brünnhilden in Wagners „Ring des Nibelungen“ entstand die Formulierung „Sie sieht aus wie eine Walküre“, im Amerikanischen findet man als Entsprechung den Satz „It ain’t over till the fat lady sings“. In den „Tim und Struppi“-Comics gibt es die raumgreifende Sängerin Bianca Castafiore, und selbst Panikrocker Udo Lindenberg besang 1975 auf seinem Album „Votan Wahnwitz“ die eindrückliche Erscheinung der „Elli Pyrelli vom Regensburger Opernhaus“.

Eine Wampe als Resonanzraum? Absolut unnötig!

Dabei hat schon Maria Callas mit dem Klischee aufgeräumt, Sängerinnen bräuchten eine Wampe als Resonanzboden: 1954 speckte Callas binnen weniger Monate 28 Kilo ab – weil sie wie Audrey Hepburn aussehen wollte. Und sang so göttlich wie zuvor. Für einen fülligen Klang braucht man eben nur die richtige Atemtechnik, die Fähigkeit, das Zwerchfell als Stütze zu nutzen. Zwei Generationen hat es gedauert, aber mittlerweile verlassen nur noch topfitte, beeindruckend schlanke Darstellerinnen die Hochschulen, neben denen selbst Anna Netrebko pummelig wirkt.
Ach, ihr armen Primadonnen: Die Lizenz zur Leibesfülle wurde euch entzogen. Und die Lust am hemmungslosen nächtlichen Schlemmen beim Italiener ebenfalls, für die Zeit nach der Vorstellung, wenn der Adrenalinpegel weiterhin so hoch ist, dass die Müdigkeit sich einfach nicht einstellen will. Euch bleiben nur noch das Scheinwerferlicht, die Ovationen des Publikums, der Rausch des Erfolgs. Und fiese Witze über Kollegen aus anderen Stimmfächern. Dieser zum Beispiel: „Was tut ein Tenor, wenn der Regen ans Fenster prasselt? Er verbeugt sich.“

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