Kultur : Verschollene Manieren

Zweifel an Deutschland: Ausgewählte Schriften des Kritikers und Lektors Walter Boehlich

Hannes Schwenger
Linke Rauchzeichen. Walter Boehlich (1921-2006). Foto: Ullstein Bild/Friedrich
Linke Rauchzeichen. Walter Boehlich (1921-2006). Foto: Ullstein Bild/FriedrichFoto: ullstein bild - Friedrich

Nicht wenige Zuhörer waren überrascht, als Walter Boehlich bei seiner Aufnahme in die Darmstädter Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung bekannte, zu seiner Biografie sei „wenig zu sagen, höchstens dass ich zweimal Glück gehabt habe“. Das erste Mal, als er im Studium den Lehrer fand, „von dem ich nicht einmal zu träumen gewagt hätte“, das zweite Mal als Lektor in einem Verlag, „in dem sich mir so etwas wie eine andere, neue Welt auftat“.

Kein Wort davon, dass sein Lehrer Ernst Robert Curtius wohl kaum Boehlichs Linkswendung 1968 gebilligt hätte, noch davon, dass Boehlichs Jahre im Suhrkamp Verlag alles andere als glücklich, nämlich im Konflikt endeten.

War er nicht glücklicher als Mitgründer und Begleiter des Verlags der Autoren, der die Ideen von 1968 exemplifizierte, oder auch als freier Kritiker, Publizist und Übersetzer, dem bis zu seinem Tod 2006 die führenden Feuilletons der Republik von der „FAZ“ bis zur „Zeit“ (und auch dieser Zeitung) offenstanden? Auch wenn er selbst für seine Kolumnen die Satirezeitschrift „Titanic“ bevorzugte, mit der ihn in seinen späten Hamburger Jahren immer noch alte Frankfurter Fäden verbanden.

Man sollte die beiden Sammelbände lesen, die Helmut Peitsch und Helen Thein zu Boehlichs Person und Publizistik herausgegeben haben, um sein Darmstädter Bekenntnis nachzuvollziehen. Denn so verdienstvoll sein Wirken für den Verlag der Autoren, so geschliffen seine Publizistik der siebziger, achtziger und neunziger Jahre war: Als seine eigentliche Lebensleistung bleibt – in kritischer Nachfolge von Curtius – sein Beitrag zu Erneuerung der Literaturwissenschaft und sein Wirken als Cheflektor und Herausgeber der von ihm mitbetreuten Bibliothek Suhrkamp, aber ganz besonders der von ihm konzipierten fünfzig Bände der Sammlung Insel.

Richard Faber widmet ihr einen eigenen Beitrag im Sammelband „Walter Boehlich Kritiker“ des Akademie Verlags, der auch gleich mit einem Vorschlag aufwartet, wie das Gedächtnis des 2006 Verstorbenen „erstens und letztens zu ehren und in Erinnerung zu halten ist, auf eine produktive Weise“: durch eine Wiederaufnahme der Sammlung Insel, die deren Erbe „im besten, nämlich antizyklischen Sinn“ mit aktuellen Editionen antreten solle.

Daraus wird wohl nichts werden. In Walter Boehlichs altem Verlag denkt man eher mit gemischten Gefühlen an die Jahre des Kondominiums von Siegfried Unseld und Walter Boehlich nach Peter Suhrkamps Tod bis zum hausinternen „Aufstand“ der Lektoren unter Boehlichs Beteiligung. Das erklärt wohl auch, warum jetzt Boehlichs ausgewählte Schriften „Die Antwort ist das Unglück der Frage“ im S. Fischer Verlag erscheinen. Claus Kröger, Mitherausgeber von Unselds eigener Chronik des Konflikts, räumt im Sammelband des Akademieverlags ein, dass das Verhältnis von Verlagschef und Cheflektor nicht erst seit dem Herbst 1968, sondern offenbar von Anbeginn ein „schwieriges“ war.

Selbst Peter Suhrkamp, dem das Zusammenwirken der beiden ein „Herzenswunsch“ war, scheint das gespürt zu haben, wenn er Boehlich 1958 von Unselds Eintritt als Komplementär mit der Bemerkung unterrichtete, er wisse um die persönlichen Schwierigkeiten und wünsche sich dennoch, „dass Sie sich in der Zusammenarbeit und Auseinandersetzung mit Dr. Unseld die Entwicklung und die Zukunft des Verlags zu Ihrem eigensten Anliegen und einer echten Aufgabe machen könnten.“ Er möge nicht zu rasch resignieren und nicht zu bald aufgeben.

Kröger glaubt sogar, dass Boehlichs „eher elitäre Verlagskonzeption“ den Vorstellungen Peter Suhrkamps näherstand. Immerhin wurden aus beider Zusammenarbeit und Auseinandersetzung noch zehn gute Jahre für den Suhrkamp Verlag, in denen Unseld und Boehlich um die Balance zwischen ökonomischen und literarischen Zielen rangen. So lehnten Boehlich wie Peter Suhrkamp den Einstieg ins Taschenbuch ab, den Unseld mit der Edition Suhrkamp erfolgreich vollzog.

Peter Suhrkamp hatte den studierten, aber trotz seiner Assistentenzeit bei Curtius nicht promovierten Literaturwissenschaftler und -kritiker Boehlich nach dessen fulminanter Auseinandersetzung mit Suhrkamps deutscher Proust-Edition in seinen Verlag geholt. Sie ist in Boehlichs ausgewählten Schriften ebenso nachzulesen wie dessen liebevolles Porträt Peter Suhrkamps zum 100. Geburtstag „Ein alter Herr mit verschollenen Manieren“.

Daneben stehen Boehlichs weniger liebevolle Beiträge zur (braunen) Geschichte der Germanistik, zur Antisemitismusdebatte um Fassbinder, Broder und „seinen“ Autor Martin Walser, zur Selbstvernichtung der bürgerlichen Kritik („Autodafé“, 1968) und schließlich seine Beiträge zur Protestbewegung und Demokratisierung, die er durch seine öffentliche Praxis als Sprecher der „Literaturproduzenten“ und als Betriebsratsvorsitzender des Suhrkamp Verlags beglaubigte.

Das letzte Kapitel versammelt Boehlichs Kommentare und Kolumnen aus der Zeit nach seinem Ausscheiden bei Suhrkamp; wie das Motto „Auf der alten deutschen Welle“ verrät, mit kritischem Blick auf die deutsche Wiedervereinigung und deren Begleitumstände.

Boehlich gibt darin den Befürchtungen der alten Neuen Linken der Bundesrepublik vor einem neuen Nationalismus Ausdruck, mit Beiträgen wie „Deutschland erwacht“ (1990), der – mit einem Satz Max Horkheimers – selbst deutschen Patriotismus für furchtbar erklärt, „weil er grundlos ist“. Die Träume der deutschen Nation seien allemal Albträume für Europa und die Welt gewesen und die „von kaum jemand mehr erwogene Zweistaatlichkeit“ eine immer noch wünschbare Möglichkeit. Es ist anders gekommen, und dabei haben sich weder rechte Träume noch linke Albträume erfüllt. Boehlichs Provokation „Wollt ihr die totale Wiedervereinigung?“ ging ins Leere. Der Alptraum einer schwächelnden DDR im Dauerclinch zwischen Neuen Bürgerforen und alten Seilschaften ist uns zum Glück erspart geblieben.

Wahrscheinlich hat Boehlich gegen seine Herausgeber recht, wenn er es ablehnte, seine Gelegenheitsschriften gesammelt wiederzuveröffentlichen. Manches, was man als Wegbegleiter nicht ohne Bewegung noch einmal liest, ist in der Tat schon verblasst. Umso heller strahlt Boehlichs Lebensleistung im Verlag, auch als kongenialer Übersetzer (aus dem Englischen, Spanischen und den skandinavischen Sprachen) und als Geburtshelfer einer neuen, im europäischen Geist erneuerten Literaturwissenschaft.

Walter Boehlich: Die Antwort ist das Unglück der Frage. Ausgewählte Schriften. Hrsg. von Helmut Peitsch und Helen Thein. S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2011. 704 Seiten, 26 €.

Helmut Peitsch, Helen Thein (Hg.): Walter Boehlich Kritiker. Akademie Verlag, Berlin 2011, 400 Seiten, 69,80 €.

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