Vertretungsgebäude in Berlin : Der Bau ist die Botschaft

Nächste Woche eröffnet die neue türkische Vertretung. Ein Architektur-Rundgang durch Berlins diplomatisches Viertel zeigt: Sie erweitert eine Gebäudesammlung, die vielgestaltiger kaum sein könnte.

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Der Bosporus in Berlin. Die türkische Botschaft charakterisiert das Land als Brücke zwischen Europa und Anatolien.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Kai-Uwe Heinrich
02.02.2012 14:54Der Bosporus in Berlin. Die türkische Botschaft charakterisiert das Land als Brücke zwischen Europa und Anatolien.

Berlin hatte Glück. Die Stadt wurde zu jenem Zeitpunkt wieder Hauptstadt des Landes, als die Botschaftsarchitektur eine Blütezeit erlebte. Botschaften sind heute weit mehr als dröge politische, wirtschaftliche und militärische Verwaltungs- und Kontaktstellen. Es sind zuweilen aufwendige Aushängeschilder des jeweiligen Landes, seiner Kultur, Traditionen und Werte – kurz, seiner nationalen Identität. So ist Berlin nach der Wiedervereinigung um eine internationale Bauausstellung bereichert worden, die weltweit einmalig ist. Als nächster diplomatischer Neubau wird nun am 30. Oktober die neue türkische Botschaft in der Tiergartenstraße eröffnet.

Ebenso wie ihr indischer Nachbar wurde sie von einem Berliner Architekten entworfen – und nicht wie üblich von einem Landeskind. Zeitgenössische Botschaftsarchitektur hat ja nicht nur die Aufgabe, das jeweilige Land zu repräsentieren. Sie setzt auch ein Zeichen im Kontext der Gastgeberstadt, ist stadtbildprägend und bewirbt das Land nicht zuletzt als Ziel von Reisen und Investitionen.

Wenn die Architektur der Botschaft selbst zum Botschafter werden soll, können Farben, Formen und Materialien Atmosphären und Aussagen transportieren: Die Botschaften von Norwegen, Kanada, Israel und nun auch der Türkei stellen unter Beweis, dass der weite Transport von charakteristischen Steinen sich lohnen kann: Granit aus den norwegischen Fjordlandschaften, Kalkstein aus der Türkei und dem kanadischen Manitoba oder der leuchtend gelbe Naturstein aus Jerusalem prägen nun Berliner Fassaden. Bisweilen bringen Botschaftsgebäude neben politischen Ambitionen auch eine gemeinsame Vergangenheit mit dem Gastgeberland zum Ausdruck. So haben Japan, Italien und Spanien sich entschlossen, ihr Nazi-Erbe nicht zu verdrängen, sondern sich ihm zu stellen und ihre Bauten aus den dreißiger Jahren produktiv umzuwidmen.

Mehr als hundert Länder unterhalten diplomatische Vertretungen in Berlin, knapp drei Dutzend davon in Neubauten – zuletzt der Iran, Slowenien und Singapur. Nur wenige Nationen sind mit ihren Vertretungen in Bonn geblieben, wo sich nach wie vor der Hauptsitz des Bundesministeriums für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung befindet. Andere Berliner Bauten sind noch in Planung, etwa für Griechenland, Polen, Portugal und Indonesien.

Ehemals sozialistische Länder wie Ungarn wiederum hatten es eilig, nach der Wende ihre Ost-Berliner Botschaft zu verlassen und sich mit neuen architektonischen Visitenkarten zu präsentieren. Russland oder die Tschechische Republik hingegen sind in den sozialistischen Gebäuden geblieben, die einst der Sowjetunion und der Tschechoslowakei dienten. Und die drei ehemaligen Westmächte Frankreich, Großbritannien und USA haben sich rund um den Pariser Platz in repräsentativen, symbolisch codierten Neubauten eingerichtet. So findet sich die Fassade der Französischen Botschaft mit ihren diagonalen Fensterlaibungen vis-à-vis dem Brandenburger Tor, durch das einst Napoleon paradierte, während der große Schlitz in der Platzfassade der amerikanischen Botschaft exakt am 4. Juli, dem Nationalfeiertag der USA, um 12 Uhr mittags das Sonnenlicht auf das star spangled banner lenkt, so dass es „zu glühen beginnt“.

Tragisch ist allerdings, dass die US-Botschaft sich wegen der strengen Sicherheitsmaßnahmen wie eine veritable Festung direkt neben dem Brandenburger Tor ausnimmt. Das Architekturbüro Moore Ruble Yudell wollte das Gebäude eigentlich als „Symbol einer offenen Gesellschaft“ verstanden wissen. Auch bei der britischen Botschaft gleich um die Ecke kann man sich der Anmutung eines Bollwerks kaum erwehren.

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