Kultur : Weg ist das Werk

In Frankfurt am Main gibt es Streit um Kunst von Tobias Rehberger. Die Inneneinrichtung eines Clubs wurde nach einer Räumungsklage zerstört.

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Dahin. Tobias Rehbergers grafische Handschriften auf den Toilettenwänden des NuSoul existieren nicht mehr. Foto: Mengi Zeleke
Dahin. Tobias Rehbergers grafische Handschriften auf den Toilettenwänden des NuSoul existieren nicht mehr. Foto: Mengi Zeleke

Es hätte eine so schöne Geschichte werden können. Ein Beispiel dafür, wie harmonisch Kunst, Kommerz und Kulturszene koexistieren, wie sie sich gegenseitig unterstützen, erfreuen und inspirieren können. Von einer neuen „Lovemark am Standort Frankfurt“ schwärmte die Werbeagentur Saatchi & Saatchi noch vor vier Jahren: „Dancefloor, Ausstellungsraum, Konzertsaal und Bühne für DJs und Künstler aus den Metropolen Europas“.

Ein kulturelles Aushängeschild für die Bankenstadt sollte im Erdgeschoss des „Saatchi & Saatchi“-Büros entstehen, ein cooler, interdisziplinärer, multifunktionaler Ort. Mittags warmes Essen für die Werber, abends Lesungen, Musik oder Tanz. Der Coup: Für die Innenausstattung konnte Tobias Rehberger gewonnen werden, weltweit anerkannter Künstler und Prorektor der Städelschule, der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste in Frankfurt. Früher hätte man gesagt: ein berühmter Sohn der Stadt. Auf den man nicht erst stolz ist, seit er mit einem anderen spektakulären Innenraum den Goldenen Löwen der 53. Biennale von Venedig gewonnen hat.

Das war im Juni 2009, im selben Monat, in dem auch besagte Lovemark, der Frankfurter Club NuSoul, eröffnete. 3000 Glühbirnen hat Rehberger an die Decke des Clubs anbringen lassen, er hat Möbel und Trennwände und die Raucherlounge gestaltet. Die Toiletten sind ein grafischer Traum in Schwarz und Weiß. Über Wände, Böden und Waschtische ergießen sich eingescannte Handschriften, die Texte handeln von Musik und Kunst. Mittlerweile existieren von dem Raum nur noch Fotos. „Es war ein Freundschaftsdienst“, sagt Rehberger, „ein Geschenk an die Zelekes.“ Die Zelekes, das sind die Brüder Mengi, Taff und Yeshi, die in der Frankfurter Kulturszene fest verankert sind. Jahrelang haben sie einen der bekanntesten Clubs der Stadt geleitet, haben in Museen, im Schauspielhaus, an der Kunsthochschule Partys und Feste ausgerichtet. Das NuSoul soll nun alles vereinen.

Doch das Projekt steht unter keinem guten Stern. Die Zusammenarbeit mit dem Vermieter, der WestInvest, einer Immobilienfonds-Gesellschaft, die zur Deka-Gruppe gehört, ist von Anfang an schwierig. Die Baugenehmigung zieht sich hin, der Club kann erst zwei Jahre nach Unterzeichnung des Mietvertrags eröffnet werden. Mittlerweile aber ist vor dem NuSoul eine Großbaustelle entstanden, hundert Meter weiter wird das neue EZB-Gebäude gebaut. Es gibt Streit um Mietminderungsforderungen und Mietrückstände, dann zieht auch noch der Kooperationspartner Saatchi & Saatchi weg. 2011 treffen sich Deka und NuSoul vor Gericht. Es endet mit einem Vergleich.

Doch der Frieden hält nicht lange. Anfang 2012, nachdem die Zelekes mit einer Zahlung im Rückstand sind, leitet die Deka sofort die gerichtliche Räumung ein. Alle namhaften Fürsprecher, alle Bittbriefe, alle Vermittlungsversuche, die Empörung der Lokalmedien, der große Name Rehberger – sie helfen nichts. Bei der Deka will man den Club loswerden. Immerhin erhält der Künstler einen Anruf: Ob er seine Kunst abholen will. Er lässt die Bank wissen, dass alles den Zelekes gehört und es außerdem sein ausdrücklicher Wunsch ist, die kontextbezogene Arbeit nicht an Dritte weiterzugeben. „Da kann man nicht irgendwelche Höckerchen rausnehmen und dann sagen, das sei eine Arbeit von mir.“

Der 47-jährige Rehberger hat in den letzten Jahren viele Innenräume gestaltet, oft Restaurants und Cafeterien. Die meisten Räume – wenn sie nur temporär zugänglich waren – sind anschließend von Museen oder Sammlern übernommen worden. Es habe zwar immer mal Anfragen gegeben, die Installationen zu zerstückeln und Einzelteile zu verkaufen. „Aber das mache ich grundsätzlich nie.“ Der Kunstbegriff mag längst flüssig, die Grenzen fließend, die Objekte raum- und zeitbezogen sein. Die alte Idee von der Einheit des Werks tangiert das alles nicht. Derzeit wird eine Bar, die Rehberger in New York eingerichtet hat, nach Zürich verschickt und dort komplett wiederaufgebaut.

In Frankfurt schert sich derweil niemand um Rehbergers ästhetisches Gesamtkonzept. Über das, was während der Zwangsräumung im März 2012 genau passierte, gehen die Erzählungen der Beteiligten auseinander. Die Zelekes sagen, sie hätten nach dem Termin mit dem Gerichtsvollzieher nie wieder die Möglichkeit bekommen, die Räume zu betreten. Die Deka ist offiziell zu keiner Stellungnahme bereit, deutet am Telefon aber an, dass zum Räumungstermin andere Gläubiger aufgetaucht seien, die Ansprüche geltend gemacht hätten. Und dann habe man denen halt signalisiert, nehmt mit, was ihr haben wollt, wird sowieso alles entsorgt. Listen, wer was wie abtransportiert hat, existieren angeblich nicht, Geld sei auch keins geflossen. Und das allermeiste sei ohnehin fest montiert gewesen und wohl bei der Demontage zerstört worden.

Unmöglich sei der Vorgang, sagt Tobias Rehberger. „So etwas habe ich noch nie erlebt“. Auch die Zelekes wollen Klarheit darüber, wo die Kunst geblieben ist. Ihr Anwalt schreibt weiter Briefe, erwägt sogar eine Klage einzureichen. Ein Jahr nach der Schließung des NuSoul spricht niemand mehr von einem Liebes-Wahrzeichen. Zwar kursieren Teile des Mobiliars eventuell noch irgendwo. Aber einen Original Rehberger-Club hat ausgerechnet die Stadt Frankfurt nicht mehr im Angebot.Astrid Herbold

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