Welterbe contra Badespaß : Flußbad an der Museumsinsel? Bitte nicht!

Natürlich müssen Museen immer wieder die Bewohner einer Stadt neu für sich begeistern. Dennoch ist der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz strikt dagegen, dass wir an der Kunst demnächst vorbeikraulen können. Ein Gastkommentar

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Spreekanal an der Museumsinsel.
Vorbeikraulen oder lieber vergraulen? Hier soll das „Flussbad“ hin.Foto: Soeren Stache/dpa

„Nichts wird uns aufhalten. Alles ist möglich. Berlin ist frei.“ Diese Sätze, die der amerikanische Präsident Bill Clinton einst am Brandenburger Tor auf Deutsch sprach und die auf eine neue Rolle des vereinten Deutschlands in der Welt gemünzt waren, werden gern für regionales Marketing in Anspruch genommen. Es lässt sich damit so schön das neue Berlin beschreiben, wo jeder tun und lassen kann, was er will, solange es ihm nicht an möglichen und unmöglichen Ideen für ein Projekt mangelt. Anything goes.

Das Unmögliche zu denken und widerspruchslos ins Werk zu setzen, betrifft nun auch die Berliner Mitte. Ein Flussbad soll zwischen Humboldt-Forum und Bode-Museum entstehen, weil die Stadt dort ja nur reich und sterbenslangweilig ist.

Das künstlerisch denkende Architekturbüro Realities United argumentiert zunächst mit Vokabeln der Ökologie. Gereinigt werden soll das Spreewasser durch einen bepflanzten Kiesfilter. Im obersten Abschnitt des bisherigen Kanals soll ein Biotop, eine neue innerstädtische Parklandschaft entstehen. Eigentlich eine prima Idee. Allerorten brandet Jubel auf und auch millionenschwere Förderzusagen lassen nicht lange auf sich warten.

Lustgarten nur für die Reichen und Schönen?

Doch die Sache hat einige gewaltige Haken. Sich als Partyschreck zu outen ist in Berlin ja immer heikel. Aber ich will doch deutlich machen, warum sich die Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit ihren Staatlichen Museen zu Berlin nicht einfach in die Schar der Beifallspender einreihen kann. Das beginnt schon damit, dass Befürworter bei „Flussbad Talks“ in einem stadtsoziologischen oder eher stadtideologischen Begleitkommentar ein Zerrbild der Museumsinsel entwerfen, das einfach fassungslos macht.

Weder brauchen wir eine Neuinszenierung der unwirtlichen Insel, weil aktuelle Baupläne die Berliner vermeintlich entmündigen, noch ist das Humboldt-Forum rein touristisch gedacht. Und Lustgarten und Monbijoupark sollen angeblich nur den Reichen und Schönen gehören. Schauen Sie doch mal vorbei, und Sie werden sich wundern über all die jungen Menschen aus aller Welt, die dort liegen, plaudern, essen und trinken, Musik hören und Frisbee-Scheiben werfen; reich sind die allermeisten ganz gewiss nicht.

Müll, Polizei und Dauerparty? Gute Nacht Museumsinsel!

Natürlich müssen sich die Museen (nicht nur die auf der Insel) immer wieder aufs Neue aufmachen, um die Bewohner der Stadt stärker mit ihren Sammlungen zusammenzubringen. Wir wissen, dass wir unseren Bildungsauftrag dann am besten erfüllen, wenn wir auch emotional begeistern und sich die Menschen mit den Häusern identifizieren. Dazu brauchen wir aber keine Badeanstalt.

Geschickt verbreiten die Verfechter der Flussbad-Idee gestellte Bilder, auf denen drei verloren wirkende Menschen wie auf einem Watteau-Bild in der Abendsonne gemächlich ins Nass des Kupfergrabens hinabsteigen. Leider geht das komplett an der Realität vorbei. Hier werden Hunderte nicht nur baden, sondern feiern wollen. Ich empfehle einen Besuch am Schlachtensee oder in den Freibädern von Neukölln, Kreuzberg oder Pankow, dort ist die Situation längst gekippt. Unmengen von Müll, Polizei, Anwohnerklagen, Dauerparty, gute Nacht Museumsinsel! Welcher Platz könnte zudem für Badegäste ungeeigneter und lebensgefährlicher sein, als ein von glatten, meterhohen Ufermauern eingefasster Flussarm? Es wirkt wie eine Realsatire, wenn Millionen in den Kupfergraben geworfen werden sollen, während in den Bezirken die Bäder verfallen, sogar die historischen aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert.

Ein Risiko für den Welterbe-Status?

Als belangslos und kleinkariert werden ernste denkmalpflegerische Bedenken abgetan. Die von Schinkel errichtete östliche Ufermauer des Kupfergrabens zwischen Schlossbrücke und Eiserner Brücke soll eingerissen werden. Das ist nicht nur ein tiefer Eingriff in die Substanz des Lustgartens, sondern dabei wird auch ein Boden- und Gartendenkmal zerstört. Die historisch bedeutsame Ansicht der Museumsinsel, wie sie Schinkel in seiner Entwurfsskizze des Alten Museums verewigt hat, wäre ruiniert. Ist das mit dem Welterbe-Status des Gesamtensembles vereinbar, wollen wir hier tatsächlich auf der Roten Liste der Unesco landen?

Ich höre jetzt schon die Kommentare, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hätte doch nur Angst vor nackter Haut und lebe mal wieder hinter dem Mond der Möglichkeiten. Doch wenn eine Belebung der Mitte Berlins angeblich nur dann erreicht werden kann, wenn wir an den Museen vorbeikraulen können, dann hätten wir alle etwas falsch gemacht. Der Auftrag der Museen ist es, dafür zu sorgen, dass die Menschen in der Kunst baden wollen.

Hermann Parzinger ist Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

Sommer in Berlin
Flucht ins Wasser. Ein junger Mann springt bei der sogenannten «Müggel Mortale»  mit einem BMX-Rad von einer Rampe in den Müggelsee.
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1 von 45Foto: Rainer Jensen
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