Wettlauf um Buch-Besprechungen : Schnell gelesen, schnell vergessen

Siegfried Lenz, Benjamin von Stuckrad-Barre, Heinz Strunk: Spektakuläre Bücher werden oft Wochen, bevor sie in den Handel kommen, besprochen - jedenfalls von ausgewählten Medien und im Fernsehen. Das ärgert Leser und Buchhändler.

Gerrit Bartels
Siegfried Lenz 2009 in Hamburg. Sein autobiografischer Kriegsroman "Der Überläufer" erscheint erst jetzt, fast 70 Jahre, nachdem er geschrieben wurde.
Siegfried Lenz 2009 in Hamburg. Sein autobiografischer Kriegsroman "Der Überläufer" erscheint erst jetzt, fast 70 Jahre, nachdem...Foto: picture-alliance/ dpa

Wer dieser Tage in einen Buchladen geht, um sich das neue Buch von Benjamin von Stuckrad-Barre zu kaufen, „Panikherz“, wird keinen Erfolg haben: Das Buch gibt es noch nicht, es erscheint, so will es der Verlag, erst am 10. März, also in über einer Woche. „Aber im Literarischen Quartett ist darüber doch schon gesprochen worden“, dürfte der Stuckrad-Barre-Fan seinem Buchhändler oder seiner Buchhändlerin des Vertrauens noch entgegnen und vermutlich ein Schulterzucken als Reaktion bekommen, „so ist es halt“.

Stillschweigen gegen Unterschrift

Tatsächlich hat sich in diesem Fall der Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch, in dem „Panikherz“ erscheint, sogar Erklärungen unterschreiben lassen, das vorab als Leseexemplar verschickte Buch von Stuckrad-Barre „vertraulich“ zu behandeln und „strengstes Stillschweigen“ über den Inhalt zu wahren. Im Fall der Zuwiderhandlung sei man dem Verlag gegenüber „für alle aus dieser Verletzung entstehenden Schäden ersatzpflichtig“.

Welcher Natur auch immer diese „Schäden“ sein könnten: Erstaunlich ist, dass der Verlag einerseits sehr darauf bedacht ist, dass das Buch nicht in der Welt ist, also in den Medien, bevor es jemand kaufen kann. Er andererseits aber eine „Sondergenehmigung“ für das Literarische Quartett erteilt (so die Sprachregelung in Köln), weil so eine Fernsehbesprechung vor potenziellem Millionenpublikum dem Absatz doch nur förderlich sein kann. Das ist insofern verwunderlich, als dass sich die Verlage oft darüber beschweren, dass insbesondere ihre Top-Titel häufig Tage vor der Veröffentlichung in den Medien besprochen werden.

Gerade im Moment, da sich die Literaturwelt auf die Leipziger Buchmesse vorbereitet, kann man das schön verfolgen:  Heinz Strunks Roman „Der goldene Handschuh“, offizieller Veröffentlichungstermin 26.2., wurde in der „FAZ“ am 17. 2. rezensiert. Oder der nachgelassene Roman von Siegfried Lenz, „Der Überläufer“, der am 10. März erscheinen sollte: Besprechungen gab es am letzten Februar-Wochenende in „Spiegel“ und „Süddeutscher Zeitung“, also knapp zwei Wochen vor dem offiziellen Veröffentlichungstermin. Seltsam: Warum will immer jemand der Erste sein, Hype-Taktgeber? Zeugt das jetzt von mehr Kompetenz? Wem nützt das bloß? Ach ja, das wissen wir auch, das hier ist jetzt ein Text aus dem Glashaus.

Taktgeber für den Hype

Doch die Verlage weinen ein paar Krokodilstränen – und machen das Spiel mit, wenn sie es nicht manchmal mitgestalten. Nolens volens im Fall des Lenz’-Romans, den Hoffmann & Campe nun schon diese Woche in die Läden schafft. Wird sicher ein Bestseller. Oder im Fall von Kiepenheuer & Witsch gezielt, da kam nun mal die Anfrage vom ZDF. Keine Atempause, Bücher werden gemacht – und besprochen. Nur kann sie erst mal keiner kaufen und lesen. Und wenn es so weit ist, könnte es bei der schnellen Neuerscheinungsdrehzahl sein, dass der Leser sich gelangweilt abwendet: Lohnt „Panikherz“ noch, ist das überhaupt ein Buch von Dauer? Es gibt doch schon wieder so viele neue und ganz, ganz heiße Bücher!

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