William Kentridge im Interview : "Erfolg ist immer ein Desaster"

Vor der Werkschau im Martin-Gropius-Bau: Der Weltkünstler William Kentridge im Interview über die Notwendigkeit des Scheiterns, seine Liebe zum Kohlestift, Wolken in Südafrika – und die Apartheid.

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Multimediakünstler: William Kentridge, 1955 in Johannesburg, Südafrika, geboren wird im Berliner Martin-Gropius-Bau mit einer großen Werkschau gewürdigt.
Multimediakünstler: William Kentridge, 1955 in Johannesburg, Südafrika, geboren wird im Berliner Martin-Gropius-Bau mit einer...Foto: Stella Olivier/Martin-Gropius-Bau

William Kentridge, Jahrgang 1955, ist einer der bedeutendsten zeitgenössischen Künstler. Bekannt sind vor allem die mit Kohle gezeichneten Animationsfilme des in Südafrika geborenen Anwaltssohns, ebenso die großen Rauminstallationen, die auf der Documenta und der Biennale Venedig zu sehen waren. Am Mittwochabend, den 11. Mai, eröffnet im Berliner Martin-Gropius-Bau die Kentridge-Werkschau „NO IT IS!“ (bis 21.August). Die Eröffnung um 19 Uhr ist öffentlich, der Eintritt ist frei. Das Haus der Berliner Festspiele präsentiert vom 5. bis 13. Juli außerdem wichtige Bühnenarbeiten von Kentridge; dabei wird der Künstler seine „Drawing Lessons“ in einem zweitägigen Marathon vorführen. Wir trafen Kentridge beim Aufbau der Ausstellung zum Interview (Tsp)

Mr. Kentridge, Sie sagen, Ihren Erfolg verdanken Sie Ihrem Scheitern. Wie meinen Sie das?
Wahrscheinlich kann man jede Biografie so erzählen. Man ist, wer man ist, weil man mit diesem oder jenem scheiterte. Ich bin gescheitert bei meinen Versuchen, in Öl zu malen, Schauspieler zu werden, Filmemacher zu werden. Eines Tages fand ich mich im Atelier wieder, jetzt mache ich alles, malen, spielen, filmen. Ich profitiere von Dada, davon, dass diese Anti-Kunst den Raum der Kunst in alle Richtungen geöffnet hat. Mit 15 wollte ich Dirigent werden. Dann erfuhr ich aber, dass man dafür Noten lesen muss, also wurde es nichts. Jetzt inszeniere ich Opern, das ist fast wie Dirigieren, ohne Noten lesen zu können.

Sie zeichnen vor der Kamera, machen ein Foto von der Zeichnung, ändern sie, machen wieder ein Foto: Wie kamen Sie zu dieser umständlichen Animationstechnik?
Ich machte normale Filme mit Schauspielern, in einem davon gab es eine kurze animierte Kohlezeichnung. Ein Freund von mir meinte, warum machst du nicht einen vollständigen Film nur auf diese Weise? Ich erwiderte: Bist du verrückt, weißt du, wie lange das dauert? Oft sind es sechs oder acht Monate für einen Zehn-Minuten-Film.

Was geschieht auf diesen zahllosen Wegen zwischen Zeichnung und Kamera?
Ich gehe weg von der Zeichnung, drehe mich um, mache zwei Fotos, gehe wieder zurück und habe jedes Mal einen frischen Blick auf das Bild. Kunst ist vielleicht genau das: dass man die Dinge immer neu sieht. Das Gehen hat etwas Repetitives. Man beginnt zu zählen, die Zeit wird zur Entfernung, zur Maßeinheit. Es ist ein sehr produktiver Raum für neue Ideen.

In den „Drawing Lessons“ erzählen Sie, wie Sie als Neunjähriger an Sommernachmittagen in Johannesburg die sich ständig verändernden Gewitterwolken beobachtet haben. Die vor dem Übermalen verwischte Kohle in Ihren Filmen erinnert daran.
Alle Kinder gucken gerne in die Wolken und schauen, welche Formen sie annehmen. Und wenn man erst mal einen alten Mann oder einen Hundekopf identifiziert hat, sieht man nur noch diese eine konkrete Gestalt. Wir können nicht anders: Wir wollen der Welt Sinn verleihen.

Hat Ihre Technik des Übermalen auch einen politischen Aspekt? Die Wirklichkeit – die Apartheid in Südafrika – wurde übertüncht, aber sie hinterließ Spuren?
Und es gibt ständig Bewegung, etwas, was die Gesellschaft wie eine Maschine im Inneren antreibt, wie eine Maschine, und sie dazu bringt unzufrieden zu sein, zu protestieren und die Dinge verändern zu wollen.

Ihre Eltern arbeiteten als Anwälte, Sie verteidigten die Schwarzen, Opfer der Apartheid. Mit sechs entdeckten Sie auf dem Schreibtisch Ihres Vaters eine Schachtel mit Fotos von Leichen, Beweismaterial für einen Prozess. Ein Schlüsselmoment?
Höchstens im Rückblick. Ich dachte, es ist eine Schachtel Schokolade, aber da waren diese Bilder von Menschen, die erschossen worden waren. Erst als ich mich fragte, warum in meinem Animationsfilm „Felix in Exile“ solche Bilder auftauchen, fiel die Schachtel mir wieder ein. Damals war es ein Moment der Beschämung. Nicht dass ich mich persönlich geschämt hätte, es war die Scham der Welt.

Kentridges Schattenspiel-Installation "More Sweetly Play The Dance" von 2015 ist im Martin-Gropius-Bau zu sehen.
Kentridges Schattenspiel-Installation "More Sweetly Play The Dance" von 2015 ist im Martin-Gropius-Bau zu sehen.Foto: Courtesy the artist, Marian Goodman Gallery (New York, Paris, London); Goodman Gallery (Johannesburg, Kapstadt), Lia Rumma Gallery (Neapel, Mailand)

Würden Sie sich selber einen politischen Künstler nennen?
Nur insofern, als ich ein polemisches Verhältnis zur Politik als Provisorium habe und mir ihrer Ungewissheit bewusst bin. Das Fehlen jeder politischen Botschaft in meinen Werken ist Ausdruck meiner Skepsis gegenüber jeglicher Gewissheit. Erfolg ist immer ein Desaster.

Ihre Filmfiguren reden nie, es gibt Musik, Gesang, aber keinen Dialog. Misstrauen Sie der Sprache?
Nein, ich kann ganz gut reden, anfangs war Jura durchaus eine Option. Aber mein Vater _ er ist 93 Jahre alt und bei guter Gesundheit - war ein derart guter Anwalt, dass es keine gute Idee gewesen wäre, in seine Fußstapfen zu treten. Meine jüngere Tochter ist eine gute Anwältin geworden, die Begabung hat eine Generation übersprungen. Außerdem bin ich ein schlechter Dialogschreiber. Und vor allem gibt es nichts Komplizierteres, als Mundbewegungen zu animieren. Wiederholte Bewegung ist weit schwerer zu zeichnen als Transformation: Es ist leichter, ein Telefon in eine Katze zu verwandeln, als das Telefon umzudrehen.

Sie arbeiten mit Kohle, mit Scherenschnitten, fast immer schwarz-weiß. Warum kaum Farbe?
Eine Frage des Temperaments. Es gibt Künstler, die denken in Farbe, für mich ist Farbe eher Dekor. Ich arbeite gern mit Farbe, die schon da ist, der Farbe auf Landkarten zum Beispiel. Aber wenn ich selber Farben auf einer Palette mische, kommt immer das Gleiche heraus und nie das, was ich möchte. In meinen Operninszenierungen gibt es fantastische Farben, aber die verdanke ich den Kostümbildnern.

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