Kultur : Wir leben nicht mehr im selben Haus

Russlands Kulturminister Schwydkoj diskutiert mit Moskauer Autoren im Maxim Gorki Theater

Christoph Funke

Versuchen wir das „Protokoll einer Sitzung“. Alexander Gelman, geboren 1933 in Moldawien, schrieb 1976 ein Stück mit diesem Titel und setzte sich darin voller Leidenschaft für Wahrheit und Offenheit in der sozialistischen Produktion ein. Gestern war er bei einer Matinee zum 50-jährigen Jubiläum des Berliner Maxim Gorki Theaters zu Gast, gemeinsam mit dem 1932 in Moskau geborenen Dramatiker Michail Schatrow („Die Diktatur des Gewissens“).

Grauhaarige Herren beide – bewegt vom gesellschaftlichen Umbruch, den sie in ihren Stücken mit vorbereiteten. Schatrow ist der Historiker unter den russischen Dramatikern, der die Legendenbildungen um Lenin und Stalin bis heute mit dokumentarischem Material zu analysieren versucht. Dass Gelman und Schatrow an den Kämpfen der Vergangenheit hängen, in denen sie Konsequenz und Mut bewiesen, ist offensichtlich. Und Christoph Schroth, heute Generalintendant in Cottbus, der zu DDR-Zeiten auch Gelmans Stücke am Maxim Gorki inszeniert hatte, bestätigte den Einfluss der russischen Perestroika-Dramatik. In einer „Zeit der staatlichen Lüge“ brach sie in der späten DDR Verkrustungen auf, erweiterte die Grenzen für offene Auseinandersetzung über den Alltag im real existierenden Sozialismus. Heute allerdings beschäftige er sich weniger mit der russischen Gegenwartsdramatik: „Wir wohnen nicht mehr im selben Haus“, und die neuen Zeitfragen, so Schroth, bräuchten neue Antworten, Fantasien, Utopien.

Gesprächsleiterin Susanne Rödel, Übersetzerin und im Henschel Verlag viele Jahre Mittlerin zwischen der russischen Szene und den (ost)deutschen Theatern, fragte den russischen Kulturminister Michail Schwydkoj – „außerhalb des Protokolls anwesend“, als Theaterwissenschaftler und früherer Kritiker -, ob das Theater in seinem Land noch immer politische Brisanz habe. Schwydkoj, der trotz aller wirtschaftlichen Probleme auf verfielfachte Kultursubventionen verwies, sieht heute mehr politische Reflexe im Film und in der Literatur als auf den Bühnen. Vielleicht sei das der Preis der neuen Freiheit. Als Alexander Gelman dann als Konfliktstoffe die scharfe Kluft zwischen Reich und Arm, die 200000 Kriegstoten seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und die täglichen Auftragsmorde nannte, erwiderte Schwydkoj: „Die Politik und das Leben in Russland sind heute dramatisch, weniger das Theater.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben