"Zement" am Gorki Theater : Apparatschiks auf der Geschichtsmülldeponie

Sebastian Baumgarten inszeniert Heiner Müllers „Zement“ am Berliner Maxim Gorki Theater als aufschlussreichen Historien-Comic.

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Sprung in die neue Zeit. Schlosser Tschumalow (Peter Jordan, li.) beobachtet den Genossen Badjin (Thomas Wodianka, re.)
Sprung in die neue Zeit. Schlosser Tschumalow (Peter Jordan, li.) beobachtet den Genossen Badjin (Thomas Wodianka, re.)Foto: Ute Langkafel

Russland 1921: Der Schlosser Gleb Tschumalow kehrt aus dem Bürgerkrieg heim und findet statt sozialistischer Aufbau-Euphorie flächendeckende Resignation vor. Die Zementfabrik, in der er einst gearbeitet hatte, ist zum Ziegenstall verkommen. Und die menschliche Zukunft verhungert im Kinderheim. Zwar wird Tschumalow das symbolschwangere Zementwerk unter heftigen realsozialistischen Geburtswehen wieder in Gang bringen. Doch die dreckige Realität hat die lichte Vision längst beschädigt. Bürokratie und Stalinismus beschleichen den „Apparat“.

Heiner Müllers „Zement“ – 1973 von Ruth Berghaus am Berliner Ensemble uraufgeführt – keilt sich anno 2015 aufreizend quer in den Theater-Zeitgeist. Neben dem Stoff, einer Müllerschen Überschreibung des gleichnamigen GladkowRomans von 1925, verweigert sich auch die erdenschwere Sprache leichthändigen Gegenwartsanschlüssen. Entsprechend selten wird das sozialistische Aufbau-Drama gespielt. Dimiter Gotscheffs monumentale Münchner Inszenierung, die letztes Jahr das Berliner Theatertreffen eröffnete, steht zurzeit ziemlich singulär in der Branchenlandschaft.

Umso spannender, dass jetzt ein diskursaffiner Regisseur der mittleren Generation am Berliner Gorki nachzieht: Sebastian Baumgarten, 1969 in Ost-Berlin geboren, vermutet gerade in diesen Zugriffsschwierigkeiten ein produktives Potenzial. Zwar könne er das direkte Gegenwartsbedürfnis, das das Theater zurzeit „immer häufiger zu einer Art Lebenshilfe bzw. Volkshochschule“ werden ließe, durchaus nachvollziehen, schrieb Baumgarten gerade in der Zeitschrift „Theater heute“. Andererseits fehle ihm darin oft „die Möglichkeit, die gegebenen Verhältnisse als historischen Prozess zu verstehen und damit, nicht nur im Phänomen verhangen, eine Haltung zu dem zu entwickeln, was daraus folgen wird.“

Die Verordnungen der Sowjetmacht werden per Freestyle-Rap vorgetragen

Archäologische Tiefenbohrung zum Zwecke kundiger Gegenwartsreflexion also: Lässt sich dieser erfreulich hohe Anspruch mit Müller auf der Gegenwarts-Bühne tatsächlich umsetzen? Sebastian Baumgarten wählt für seine „Zement“-Version zunächst einmal einen klaren formalen Zugriff: Er rekapituliert die Geschichte als eine Art Historien-Comic. Der Genosse Badjin (Thomas Wodianka) beispielsweise – als Apparatschik ein früher Gegenspieler des basisrevolutionären Schlossers Tschumalow – tänzelt die wechselnden bürokratischen Verordnungen der jungen Sowjetmacht hier in einer Art Freestyle-Rap an die Rampe. Aus dem Off rasselt dazu ein angemessen beliebiger Schreibmaschinensound. Es ist dies ein running gag, dem man – ziemlicher selten im Theater – selbst beim zehnten Mal noch gern zuschaut, weil Wodianka der bürokratischen Verknöcherung tatsächlich nicht nur eine, sondern schätzungsweise 27 hochnotkomische Facetten abzuringen weiß.

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