Zum 125.Geburtstag der Autorin Agatha Christie : Der Erzähler ist immer der Täter

Am 15. September hätte Agatha Christie ihren 125. Geburtstag gefeiert. Unser Autor würdigt die Autorin, die Miss Marple und Hercule Poirot als Avantgardistin der Kriminalliteratur.

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Agatha Christie mit Notizen in der Hand
Agatha Christie im Jahr 1946 in ihrem Haus in Greenway House in der Grafschaft Devon in EnglandFoto: AFP

Keine andere Kriminalschriftstellerin wird gleichzeitig so sehr verehrt und verachtet wie Agatha Christie. Ihre berühmtesten Schöpfungen sind in die Geschichte der Populärkultur eingegangen, Miss Marple, eine schrullige, äußerst scharfsinnige alte Dame mit schwarzer Spitzenhaube, und der eitle belgische Privatdetektiv Hercule Poirot, „ein ordentlicher kleiner Mann“ (Christie), der wichtigtuerische Weisheiten von sich gibt: „Von Bedeutung sind stets jene Fakten, die nicht passen.“ Mehr als zwei Milliarden Exemplare sind bis heute von Christies Büchern verkauft worden.

„Kann Christie nicht lesen“, hat Raymond Chandler befunden. Trotzdem hat sich der amerikanische Schriftsteller erstaunlich intensiv mit ihrem Werk beschäftigt. An ihrem Roman „And Then There Were None“, Anfang der 40er Jahre als schlechthin vollkommene Kriminalgeschichte gepriesen, missfiel ihm, dass für die Auflösung „Hinweise, Zeitplan“, ja sogar „der Charakter des Mörders“ „gefälscht“ worden seien. Poirot hält er für einen „Schwachkopf“ und der Autorin wirft er vor, dass sie „das Bildungsniveau der Leser“ missachte. Chandler und Christie entstammten verschiedenen Schriftsteller-Galaxien. Chandlers Private-eye-Geschichten sind in einer fiebrigen Sprache erzählt, vermischt mit Slang und Schlüpfrigkeiten. Bei Christie hingegen ist, wie schon bei ihrem Vorbild Arthur Conan Doyle, die Handlung stets kühl durchdacht und ausgetüftelt. Bei ihr mögen die Polizisten etwas langsam sein, aber korrupt sind sie nie.

Kopernikanische Wende der Kriminalliteratur

Agatha Christie, die vor 125 Jahren, am 15. September 1890, geboren wurde, hat rund 70 Romane veröffentlicht. Seit sie 1924 für einen Zeitungsabdruck ihres Romans „Der Mann im braunen Anzug“ fünfhundert Pfund bekommen hatte, verordnete sie sich ein Produktionspensum von einem Buch pro Jahr. Bis zu ihrem Tod 1976 hat sie sich daran gehalten. Im Lauf der Jahre wurden ihre Plots immer schematischer, die Sprache ausgedünnt.

Aber Christie war auch eine Avantgardistin. Ihr 1926 erschienener Roman „Alibi“, Hercule Poirots zweiter Fall, markiert eine kopernikanische Wende für das Genre der Kriminalliteratur. Denn der Mörder ist hier der Erzähler, ein Arzt, der am Ende des Manuskripts seinen Selbstmord ankündigt: „Auch mit mir empfinde ich kein Erbarmen. So möge es Veronal sein.“ Tod des Autors. Narrative Strategien der Postmoderne hat Christie um ein halbes Jahrhundert vorweggenommen.

Hercule Poirot spricht Exilantenenglisch, durchsetzt mit französischen Redewendungen wie „mon cher“. Der Erste Weltkrieg hatte ihn nach Südengland gebracht. „Bei uns in der Gemeinde lebte eine ganze Kolonie von belgischen Flüchtlingen. Es gab alle möglichen Flüchtlinge. Warum nicht auch einen Kriminalkommissar?“, heißt es in Christies Vorwort zum gerade erschienenen „Großen Hercule Poirot Buch“. Seit der Hoffmann & Campe Verlag im letzten Jahr die Rechte an Agatha Christies Texten vom Haus S. Fischer übernahm, hat er bereits zwei Dutzend Titel von ihr herausgebracht. Zum Jubiläum kommen noch einmal fünf dazu. Die kleinen grauen Zellen eines Normallesers reichen aus, um zu sagen: Wahrscheinlich wird das ein gutes Geschäft.


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